Unsere kleine Stadt

Zurück zum Bahnknotenpunkt Basel

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Die erste internationale Bahnverbindung Europas führte ab 1844 von Strassburg nach Basel. Es war zugleich der erste Zug auf Schweizer Boden. Rasch entwickelte sich unsere Stadt zum Bahnknotenpunkt mit Schienensträngen in neun (!) separate Richtungen: Besançon und Paris, Strassburg und Brüssel, Freiburg und Hamburg/Berlin, Wiesental und Kandertal, Schaffhausen und München, Winterthur und Wien, Zürich und Chur, Olten und Gotthard/Lötschberg sowie Delémont und Genf. Eine neunte Bahn erschloss ab Heuwaage das Birsigtal bis Rodersdorf.

Alle diese Linien sind noch intakt, aber keine schöpft ihr Potenzial aus. Weiter entwickelt wurden sie in den vergangenen Jahrzehnten nur bruchstückhaft. «In» war dafür das Flugzeug, nach dem Motto: «Der Kluge fährt im Zuge, der klügere mit der Flügere.» Nun stellt sich heraus, dass diese Verkehrswette in die Sackgasse führt. Der Klimaschutz stellt sich quer, auch die Lärmfrage, zeitraubende Sicherheitschecks und nervige Annullationen.

Als bessere Alternative zum Flug ins nahe Ausland stellt sich der Zug heraus. Doch ausser in Richtung Paris stagniert das direkte Fernzüge-Angebot ab Basel. Dafür verdreifachte sich in den vergangenen 20 Jahren die Passagierzahl des Euro-Airports beinahe, von jährlich 3,7 Millionen (2000) auf 9,1 Millionen (2019). Basel tut gut daran, dem endgültigen Crash dieser Verkehrspolitik vorzubeugen. Neben dem «Herzstück» des Nahverkehrs müssen sich Regierung und Parlament mit ebenso viel Energie um die rasche Rückkehr des Bahnknotenpunkts Basel für Fernzüge kümmern. Sonst landen wir im Abseits der Unerreichbarkeit.

Lassen wir dem Flughafen sein Geschäft. Vorausgesetzt, er stimmt einer Nachtflugsperre von 23 bis 6 Uhr zu. Jeder halbwegs anständige Airport gönnt seiner Nachbarschaft diesen minimalen Schlaf. Auch ein Bahnanschluss des Euro-Airports stört niemanden und spart sogar die eine oder andere Autofahrt. Am Ende wird sich der Flughafen ohnehin gesundschrumpfen. Nicht, weil wir Flüge verbieten, sondern weil wir sie überflüssig machen mit alternativen Fernzügen am Tag wie in der Nacht.

Kaum jemand fliegt mehr in die französische Hauptstadt. Doch Paris ist nur der Anfang. Mit etwas gutem Willen erreichen direkte Züge ab Basel – selbst ohne zusätzliche Ausbauten – Metropolen wie München, Berlin, Hamburg, London, Brüssel, Amsterdam, Florenz, London oder Marseille in fünf bis sieben bequemen Stunden. Um Fluggäste von der Bahn zu überzeugen, fehlen heute regelmässige, umsteigefreie Verbindungen.

Dank ihrer zentralen Lage im Europäischen Eisenbahnnetz könnte Basel auch viel stärker von Nachtzügen in alle Himmelsrichtungen profitieren als von einem unsicheren Easyjet-Drehkreuz am Euro-Airport. Eine neue «Compagnie des Wagons-lits de Bâle» müsste die volle Unterstützung der hiesigen Standortförderung geniessen. Im Schlaf nach Basel kämen Polen, Tschechinnen, Ungarn, Sloweninnen, Kroaten, Italienerinnen, Spanier sowie Engländerinnen.

Um dies ohne Umsteigen zu ermöglichen, bedarf es einer entschlossenen Politik mit geschicktem Lobbying. Erreichbarkeit bietet sich als substanzielles Verkehrsthema für die anstehenden kantonalen Wahlen an.

Der in Liestal aufgewachsene und in Basel lebende Autor Daniel Wiener ist Journalist, Kulturmanager, Unternehmer und Berater.

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