Baden

Abschied und Aufbruch

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Zum fünften Mal seit 2007 trafen sich Wissenschaftler, Politiker, Musikpädagogen, Schulleiter und Lehrpersonen am Forum Musikalische Bildung. Bereits zum dritten Mal stand die Veranstaltung unter der Überschrift «Bildung neu denken». Dass dieses Ausrufezeichen keine leere Worthülse blieb, dafür war in erleuchtenden Referaten und engagierten Diskussionen gesorgt. Für musikalischen Zauber sorgten der Chor des Gymnasiums Bäumlihof, Basel, und das Ensemble Krysalid vom Conservatoire de Lausanne.

Zu einem nationalen Bildungsdachverband gehöre eine nationale Diskussions- und Informationsplattform, war Hector Herzig zu Beginn seines Präsidiums vor sechs Jahren überzeugt, und erfand das Forum Musikalische Bildung (FMB). Inzwischen blicken wir auf fünf anregende und inspirierende Veranstaltungen zurück. Herzig rief in seiner Begrüssungsansprache einige erinnerungswürdige Auftritte hervor: Abt Martin Werlens packenden Vortrag zur Benediktinerregel im Jahr 2007, Christian Pfeiffers Darstellung der "Leistungskrise der Knaben" (2008), Michael Winterhoffs aufrüttelndes Referat "Wenn Kinder zu Tyrannen werden" (2010), Remo Largos entwicklungspsychologischen Ansatz und Georg Kohlers philosophische Annäherung an das Thema Musik und Sprache (2010).
Im letzten Jahr kritisierte Martin Heller den Dschungel der Schweizer Kulturpolitik und Joachim Bauer faszinierte mit seiner Anwendung neurobiologischer Erkenntnisse auf den Musikunterricht. Besonders in Erinnerung bleiben die brillanten Zusammenfassungen und Repliken von Daniel Fueter.

Wert der Musik erklären
Einer der Hauptreferenten, Neurobiologe Gerald Hüther, musste leider kurzfristig absagen. Ersatzweise wurde eine DVD abgespielt. So kamen die Anwesenden doch noch in den Genuss seines abwechslungsreichen, tiefsinnigen und witzigen Vortrags zum Thema "Wer wir sind und wer wir sein könnten." Hüther beschwörte eine «Potentialentfaltungskultur» statt unserer «Ressourcenausnützungskultur» und zeichnete das Bild einer Gesellschaft, in der sich jede einzelne Person autonom und zugleich in der Gemeinschaft aufgehoben entfalten kann. Neue Erfahrungen zu machen, Neues zu lernen, sei in jedem Alter möglich. Das Hirn bedürfe allerdings eines "Düngers", welcher Begeisterung heisst. Durch liebevolles Einladen, Ermutigen und Inspirieren könne jeder Mensch, dazu gebracht werden, seine Potentiale auszuschöpfen.
Der Erziehungswissenschaftler Volker Ladenthin sprach über "Bildung - Wissenschaft - Demokratie". Er spannte den Bogen von der antiken Philosophie über Lernformen des Mittelalters bis zur allgemeinen Verfügbarkeit des Wissens der heutigen Zeit. Moderne Wissenschaft heisse, immer neue Fragen zu stellen. Demokratie bedeute, dass die Welt methodisch zu erforschen sei. Demokratie funktioniert aber nur, wenn die Menschen sie auch wollen. Dieser Willensakt setze aber gebildete Menschen voraus, die zum Beispiel zu erklären im Stande sind, weshalb musikalische Bildung wichtig ist.
Der Rektor des Mozarteums Salzburg, Reinhart von Gutzeit, ist verwöhnt durch die Rahmenbedingungen des Musikschulwesens in Oberösterreich. Auf 1.5 Millionen Einwohner kommen dort 2000 vollamtliche Musiklehrpersonen und das schönste Haus in jedem Ort ist die Musikschule. Kein Wunder hält von Gutzeit auch die humanistischen Bildungsideale hoch. Sinn des Unterrichts sei es, die Sprache der Musik in ihrer Vielgestaltigkeit zu erfassen und zu verstehen und sich in ihr ausdrücken zu lernen. Im Musikschule habe nur Zukunft, wenn sie auf ihrer Fachlichkeit beharre. Im «Schnuppermodus» sei musikalische Bildung nicht zu erwerben.

Ohne Lobbying keine Initiative
Barbara Günthard-Maier, Politikerin und Fachfrau für politische Kommunikation, lieferte in ihrem Input-Referat Einsichten in die Funktionsweise der Wissensbeschaffung in unserer direkten Demokratie. In der politischen Kommunikation komme das Lobbying, als systeminherentes Element, relativ früh zum Einsatz und sei auch nicht unethisch - falls die beteiligten Personen ehrlich und transparent hinter ihren Anliegen stünden.
Ständerätin Christine Egerszegi versuchte eine Übersicht über den Stand der momentanen Kompromiss- und Gegenvorschläge rund um unsere Musikinitiative zu geben - ein Formulierungsdschungel, der sich wohl erst in der Frühjahrssession des Ständerates lichten wird.

Engagement zum Schluss
Die Diskussion um das Fach Musik an der Schule löste zum Schluss des zweitägigen Forums Emotionen und Kontroversen aus. Zum ersten Mal überhaupt fanden sich verantwortliche Vertreter von Musikschulen, Schulen, Pädagogischen Hochschulen und Musikhochschulen auf einem Podium vereint. Jürg Lanfranconi von der Zürcher Hochschule stellte fest, dass die Standards im bundesrätlichen Bericht zum Harmos-Konkordat bei den gegenwärtigen Ausbildungsbedingungen an den Pädagogischen Hochschulen nie und nimmer umzusetzen seien. Hector Herzig zeigte sich als abtretender Präsident des VMS noch einmal kämpferisch für die Sache der musikalischen Bildung, von deren Bedeutsamkeit alle überzeugt, aber zu keiner einvernehmlichen Lösungsfindung in nützlicher Frist fähig seien. Einmal mehr wurde eine massive Unterversorgung an qualifizierten Schulmusik-Lehrpersonen auf der Primar- und Sekundarstufe I angekündigt. Als eine mögliche Massnahme befürwortete die Mehrheit der Debattierenden für diese Stufen die Einführung des Fachlehrerstatus.
Am Schluss des FMB 2012 kam dann noch etwas Wehmut auf. Die zukünftige Präsidentin des VMS, Christine Bouvard Marty, verabschiedete den bisherigen, charismatischen Präsidenten und Spiritus Rector des FMB, Hector Herzig, und kündigte das nächste Forum an. Es wird am 24. und 25. Januar 2014 stattfinden.

Bilder: Professor Ladenthin: «Der Wert der musikalischen Bildung muss erklärt werden».
Das Ensemble Kyrsalid legte Zeugnis ab von einer funktionierenden Begabtenförderung.
Die Musiklehrerausbildung sorgt für heisse Köpfe.

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