Vor 600 Jahren wurde Niklaus von Flüe geboren. Wie wurde er zum Schweizer Landespatron? Ein Vortrag in Baden gab Antworten.

Wer war er eigentlich, dieser einflussreiche Ratsherr, Richter und wohlhabende Bauer aus Flüeli OW, der 1467 mit gestandenen fünfzig Jahren Frau und Kind verliess, um in der Abgeschiedenheit der Ranft-Senke ein Leben in Askese und Gebet zu verbringen? War er in erster Linie ein weiser politischer Ratgeber und Friedensstifter, der die Eidgenossenschaft vor dem Auseinanderbrechen bewahrte? War er ein Wundertäter? Ein Seher und von Gott Auserwählter?

Niklaus von Flüe oder schlicht Bruder Klaus erfuhr im Lauf der eidgenössischen Geschichte viele Deutungen. Er wurde instrumentalisiert, in schwierigen Zeiten als Schutzpatron angerufen (er soll die deutsche Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg davon abgehalten haben, die Schweiz einzunehmen) und als grosser Mystiker verehrt. Doch erst 1947 ist Niklaus von Flüe von der katholischen Kirche offiziell heilig gesprochen worden. 

Auf Einladung der katholischen Emausbruderschaft referierte am Dienstagabend der Historiker und Theologe Urban Fink-Wagner in Baden über das Leben des Schweizer Nationalheiligen. Fink-Wagner, Geschäftsführer von «IM – Inländische Mission», ist einer der besten Bruder-Klaus-Kenner des Landes. Er hat an diesem Abend ein paar landläufige Meinungen und Klischees zurechtgerückt. Er schilderte, wie Bruder Klaus schon zu Lebzeiten verehrt und wie sein Rat gesucht wurde. Was er bei der berühmt gewordenen Vermittlung von Stans 1481 tatsächlich gesagt hat, weiss man freilich nicht. Aber das Stander Verkommnis mehrte  seinen Ruf als weiser Ratgeber über die Grenzen der damaligen Eidgenossenschaft hinaus.

Wenn heute Bruder Klaus Ausspruch «Machet den zun nit zuo wit» (Macht den Zaun nicht zu weit) so gedeutet werde, dass schon Bruder Klaus vor der EU gewarnt habe, sei dies allerdings eine ziemliche Fehlinterpretation, sagte Fink. Es sei Bruder Klaus um Privat- und Gemeineigentum gegangen. Den «zu weiten Zaun» verstand er als Eigennutz zulasten des Gemeinnutzes. Er warnte also vor der individuellen Gier nach Besitz.

Kenntnisreich schilderte Fink den langen Weg zur Heiligsprechung des Obwaldner Eremiten. Das hatte auch mit dem zunehmend strenger und detaillierter werdenden Heiligsprechungsverfahren der katholischen Kirche, aber auch mit politischen Rahmenbedingungen und auch Schlamperei zu tun. Als allerdings im 20. Jahrhundert die Schweizer Katholiken u.a. mit einem Bruder-Klausen-Bund Druck machten und in den dreissiger Jahren im Kanton Solothurn zwei dem Bruder Klaus zugeschriebene Wunder passierten, stand der Heiligsprechung nichts mehr im Weg. Die Reformierten beargwöhnten zwar den Pomp, mit dem Bruder Klaus zum Heiligen befördert wurde. Doch hatte er nicht im 1. und im 2. Weltkrieg die schützende Hand über das ganze Land und alle Schweizerinnen und Schweizer gehalten?

Man dürfe in Niklaus von Flüe nicht zuviel hineininterpretieren, sagte Fink abschliessend. Dass er bis heute nachwirke, zeige aber, wie wichtig diese Figur für die Identität der Schweiz war und ist. Wie lange dies noch andauere, fragte Fink rhetorisch. «Gott weiss es.»

Hanspeter Neuhaus