Das gibt es selten in der Klasse: Fast alle Finger sind in der Luft. Jeder der Schülerinnen und Schüler möchte der  Erste sein und seine Geschichte erzählen. "Ich denke ein Dorf hat gebrannt. Ich habe die Glocken läuten hören, die die Menschen warnen. Aber es hat nichts genützt". Auf dem Bild, dass Cedric zu dem eben gehörten Klavierstück gemalt hat, sieht man wie 3 Männer, die ein Sarg tragen, dahinter eine schwarzes Kreuz. Nicht weniger dramatisch geht es bei Dominic zu. Er hat mit roter und brauner Ölfarbe ein paar scharf gezackte Linien gemalt und spricht von einer fürchterlichen Explosion. Bei Svenja dagegen ist alles halb so wild: Die grosse gelbe Glocke auf ihrer Zeichnung wirkt gar nicht bedrohlich und macht fast friedlich Bimbam, Bimbam.

"Es ist interessant, was die Kinder hören", sagt Gala Gurinovich, die den Schülern das Präludium Opus 3 Nummer 2 von Sergeij Rachmaninow vorgetragen hat. "Jede Geschichte zählt. Es gibt kein richtig oder falsch. Ich ermuntere die Schülerinnen und Schüler, ihren Ideen freien Lauf zu lassen. Die Musik soll ihre Phantasie beflügeln. Klassische Musik ist für alle spannend und nicht nur für Erwachsene."

Zum dritten Mal gibt Gala Gurinovich im Badener Schulhaus Tanneg Konzerte für die Schulklassen. Die russisch-schweizerische Pianistin lebt seit bald einem Jahr in der Schweiz und ihre beiden Töchter gehen ins Tannegg zur Schule. Da lag es auf der Hand, auch mal in der Schule aufzutreten.

Klassische Musik ist den Kindern heute oftmals fremd. Wenn sie überhaupt damit in Kontakt gekommen sind, dann lehrt sie die Erfahrung, dass man in einem Konzert kein Wort sprechen darf, nicht husten sollte und ruhig sitzen muss bis einem der Hintern weh tut. Das ist für Kinder fürchterlich steif und ganz im Gegensatz zu Popmusik extrem "uncool". 

Klassische Musik stösst bei den Schülern erst einmal auf auf grosse Skepsis. "Ich muss ich Vorurteile durchbrechen" erklärt Frau Gurinovich, " und Zeichnen ist dazu ein perfektes Mittel. Die Schülerinnen und Schüler sind automatisch viel aufmerksamer und das Malen lässt Langeweile gar nicht erst aufkommen. Es ist erstaunlich wie aufgeschlossen die Schüler auch gegenüber moderner Klassik sind. Als ich eine Humoreske des russischen Komponisten Rodion Shchedrin gespielt habe, sind Schülerinnen in einer zweiten Klasse aufgestanden und dazu herum marschiert. Eine wunderbare Interpretation zu einem Stück, dass sich über einen alten betrunkenen General lustig macht."

Klassik, so wie wir sie hören, ist in einem Ritual erstarrt. Wenn wir den Kindern die Möglichkeit geben, spielerisch die Klassik zu entdecken dann ist ihr Interesse schnell geweckt. Die Schulkonzerte mit Gala Gurinovich stossen im Schulhaus Tannegg jedenfalls auf grosse Resonanz.