Der Fachkräftemangel in der Schweiz wird immer grösser. Bis 2022 sollen alleine im Bereich der IT rund 30.000 Fachkräfte fehlen, schildert eine aktuelle Studie. Als Vergleich: Dies sind zehn Prozent der etwa 300.000 Menschen, die derzeit im Bereich der Informationstechnologie tätig sind. In anderen Sparten wie der Pharmazie oder der Industrie sieht es kaum besser aus. Die Nachbarländer der Schweiz, namentlich Deutschland und Österreich, experimentieren seit einigen Jahren zum Teil recht erfolgreich mit dem Konzept des Nearshorings. Dieses könnte, zumindest für einige Branchen, auch eine Lösung für den Fachkräftemangel in der Schweiz sein.

Das Konzept des Nearshorings

Nearshoring bedeutet "Nahverlagerung" und ist somit der Gegenbegriff zum Offshoring. Jener Ausdruck beschreibt die Idee, Produktions- und Fertigungsstätten sowie Dienstleistungsanbieter in weit entfernte Billiglohnländer zu verlegen. Das berühmteste Beispiel für Offshoring-Konzepte sind fraglos die zahllosen Unternehmen in Asien, in denen Kleidung gefertigt wird.

Die "Nahverlagerung" bleibt in der Nähe des Heimatlandes: Deutsche und Österreicher verlegen beispielsweise mit Vorliebe Teile ihrer Unternehmen nach Osteuropa. Volkswagen lässt z.B. in Polen, der Tschechien Republik, der Slowakei, in Ungarn, Rumänien und in Russland Autos bauen. Der Lohn ist in diesen Ländern zwar längst nicht so gering wie beispielsweise in Asien, Afrika oder Mittel- sowie Südamerika, aber andere Vorteile der Nahverlagerung sollen dies mehr als wieder auffangen, versichern die Anhänger des Nearshorings.

Die Vor- und Nachteile des Nearshorings

Der grösste Vorteil der Nahverlagerung ist das Reservoir von Fachkräften, auf das man hier zugreifen kann. Beispielsweise gibt es in Osteuropa zahlreiche Menschen mit ausgezeichneter Bildung, die hervorragend Englisch und Deutsch sprechen und Arbeit suchen. Ihre Berufsabschlüsse haben sie nicht selten in Österreich, Deutschland oder der Schweiz erworben. Grosse kulturelle Schluchten müssen zudem ebenfalls nicht überwunden werden: Mitteleuropa eint die gemeinsame Geschichte. Die neuen Unternehmensteile, die im Rahmen einer Nahverlagerung in Nachbarländern eröffnet wurden, würden sich schnell und unkompliziert in die Gesamtfirma einfügen, berichten beispielsweise deutsche Betriebe immer wieder. Dies dürfte umso mehr für schweizerische Firmen gelten, die aufgrund ihres sehr viel höheren Lohnniveaus auch erfolgreich nach Deutschland und Österreich nahverlagern könnten und nicht einmal nach Osteuropa gehen müssten.

Ein weiterer grosser Vorteil, von dem Unternehmer immer wieder im Vergleich mit dem Offshoring schwärmen, ist die mangelnde Zeitverschiebung. In Europa beträgt diese maximal zwei Stunden. Die Arbeitszeiten in allen Unternehmensteilen sind in der Folge harmonisiert, was insbesondere im Kundenkontakt sehr wichtig ist. Aber von Vorteil ist die mangelnde Zeitverschiebung auch überall dort, wo Teams an unterschiedlichen Standorten zusammenarbeiten. Effektiv wäre dies z.B. zwischen der Schweiz und China nur schwer denkbar.

Komplett positiv ist die Nahverlagerung nicht: Die neuen Mitarbeiter benötigen objektiv nachvollziehbar hohe Bildungsgrade. Bei manchen Hochschulen Rumäniens oder der Slowakei fällt es jedoch schwer einzuschätzen, ob die neuen Mitarbeiter wirklich die notwendigen Voraussetzungen mitbringen. Darüber hinaus ist die Verlagerung von Unternehmensteilen ganz gleich ob ins nahe oder ins entfernte Ausland Zuhause niemals beliebt. Die Argumente, dass man diese Arbeitsplätze schlicht nicht in der Schweiz schaffen könnte, weil es hier am passenden Personal mangelt, fruchten nicht. Schlechte Presse - zumindest für gewisse Zeit - ist die Folge. Dies gilt insbesondere dann, wenn im Rahmen der Nahverlagerung tatsächlich Arbeitsplätze auf dem heimischen Markt abgebaut werden.


Zudem werden oft die Markteintrittskosten unterschätzt: Neue Länder bedeuten ein neues Rechtssystem, dem man als Firma genügen muss. Die ersten Fachkräfte, die man stets einstellen muss, sind immer die Juristen. Darüber hinaus müssen Kommunikations- und Logistikstrukturen zwischen den einzelnen Unternehmensteilen errichtet werden, die ebenfalls dauerhaft Kosten verursachen. Die "Nahverlagerung" eignet sich deshalb nicht, um die Personalkosten im grossen Umfang zu senken, weil viele Einsparungen auf anderem Weg wieder aufgefressen werden. Sie hilft hingegen dabei, um neue Fachkräfte zu finden.

Fazit: Unter diesen Bedingungen ist das Nearshoring eine Hilfe

Das Konzept des Nearshorings kann dabei helfen, den Fachkräftemangel aufzuheben, mit dem viele Unternehmen in der Schweiz zu kämpfen haben. Die neuen Mitarbeiter müssen hierfür jedoch objektiv hervorragend gebildet sein. Die grosse Stärke des Konzepts ist neben der mangelnden Zeitverschiebung der gleiche Kulturkreis, in dem sich alle Unternehmensteile bewegen. Der grösste Nachteil des Konzepts ist der Umstand, dass Verlagerungen nicht populär sind. Zudem werden die Kostenvorteile gerne überschätzt. Allerdings hat sich gezeigt, dass Unternehmen, die erfolgreiche Nahverlagerungen durchgeführt haben, wachsen, da die neuen Fachkräfte helfen. Dies hat auch positive Rückwirkungen auf den eigenen Arbeitsmarkt. Insgesamt gilt so: Das Konzept des Nearshorings ist kein Allheilsbringer, aber es kann eine grosse Hilfe sein.