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Reliquien – Vom Schulterblatt der hlg. Corona bis zur Vorhaut Jesu ...

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Reliquie der hlg. Corona

Reliquie der hlg. Corona

Im Kulturdenkmal Kloster Gnadenthal wird das kleine Museum neu gestaltet. Für das Publikum zugänglich ist es – coronabedingt – leider erst im nächsten Jahr. Was man heute schon weiss: «Herzstück» sollen Reliquien werden.

Magische Vorstellungen

In Zeiten, in denen das Leben unsicher und so unmittelbar durch Krieg, Hungersnöte oder Epidemien bedroht war wie im Mittelalter, wollte man sich der Nähe Gottes vergewissern.

Reliquien hatten für die Menschen existentielle Bedeu­tung, besassen sie doch nach damaliger Vorstellung göttliche Kraft. Sie versprachen nicht nur Schutz, sondern auch Heilung. Nach heutiger theologischer Überzeugung sind Reliquien allerdings nicht magisch. Sie bewirken für sich rein gar nichts. Die katholische Kirche ging – vor allem auch wegen sonderbarer Exzesse – eher auf Distanz zum Reliquienkult.

Die Vorhaut Jesu

Jesus war als Mann und Jude beschnitten. Dass das entfernte Hautteil als Reliquie «sanctum praeputium» jahrhundertelang durch die Geschichte irrte, löst heute wohl nicht nur Verwunderung, sondern auch Kopfschütteln aus. Man glaubt es kaum: Die Reliquie wurde bis 1983 (!) im italienischen Calcata aufbewahrt und in einer jährlichen Prozession durch das Dorf getragen. Dann verschwand das «Heiligtum» unter ungeklärten Umständen. Viele vermuten, der Vatikan habe da seine Hände im Spiel gehabt, um dem Treiben ein Ende zu setzen. 

«Süsses Erleben»

Die Vorhaut Jesu taucht auch in den Schriften über die Mystikerin Agnes Blannbekin (+ 1312) auf.  Allen Ernstes heisst es da, die Frau habe bei der Kommunion das «sanctum praeputium» – die Vorhaut Christi – auf der Zunge gespürt: «Und siehe, alsbald spürte sie auf der Zunge ein kleines Häutchen nach Art eines Eihäutchens mit allergrößter Süße, das sie verschluckte. Nachdem sie es verschluckt hatte, spürte sie wieder das Häutchen auf der Zunge mit Süße, wie vorher, und verschluckte es wiederum. Und dies geschah ihr wohl hundert Mal. (...) So groß war die Süße beim Kosten dieses Häutchens, daß sie in allen Gliedern und Teilen der Glieder eine süße Veränderung spürte.» Nach solch orgiastischem Erleben konnte Agnes nicht begreifen, dass manche Priester sich trotzdem der Sünde der Fleischeslust hingaben.

Die Aufzeichnungen kamen natürlich auf den Index, wurden verboten. Und der Vatikan untersagte in einem Dekret bei Androhung der Exkommunikation sogar, über die «heilige Vorhaut» zu schreiben oder zu sprechen.

Reliquienarbeit im Dornröschenschlaf

Was Irene Briner vor etwa 6 Jahren in einem Schrank des ehemaligen Klosters Gnadenthal gefunden hat, erfüllt natürlich nicht den Sensationsgehalt einer Vorhaut Jesu. Trotzdem: Die Zisterzienserinnen waren ja überregional berühmt und bewundert für ihr Kunsthandwerk. Sie fassten, verzierten und schmückten die Reliquien, die durch höchste Vermittlung aus Rom ins Freiamt gelangt waren. Die Aufhebung des Klosters beendete diese Arbeit zwar, aber sie vernichtete sie nicht, sondern versetzte sie gleichsam in einen Dornröschenschlaf: Man räumte alles zusammen und versorgte es in Kartonschachteln in einem Schrank. Erhalten geblieben ist deshalb – kulturhistorisch einzigartig – eine Art «work in progress». Mit den Funden lassen sich die einzelnen Schritte der Arbeit rekonstruieren und dokumentieren.

Seit der Aufhebung des Klosters hat sich niemand mehr darum gekümmert. Die Situation war deshalb unhaltbar. Allein aus konservatorischen Gründen. Noch viel mehr aber aus Gründen der Pietät. Man kann Gebeine von Verstorbenen doch nicht in Schuhkartonschachteln in einem Schrank aufbewahren.

Der erste Gedanke war, die Reliquien im alten Friedhof vor der Kirche zu beerdigen. Kulturhistoriker, darunter ein Reliquienspezialist, waren allerdings begeistert von dem Fund, weil er in der Komplexität Möglichkeiten zur Vermittlung ganzer Geschichten bot. Auch die Fachleute des Landesmuseums sahen die gegebene Kontextualisierung als Chance für das Museum.

Reliquien als Herzstück

Das Kloster Gnadenthal ist ein eidgenössisches Kulturdenkmal im 1. Rang. Der Verein Gnadenthal ist deshalb verpflichtet, die vorhandenen materiellen Güter vor Schaden zu bewahren. Und Kartonschachteln sind sicher nicht State of the Art. Karton ist säurehaltig, und das schadet allem, was dem sauren Klima längere Zeit ausgesetzt ist. In solchen Kartonschachteln wurden auch noch unzählige jahrhundertealte Briefe aufbewahrt. Das war kein Zustand. Und Abhilfe dringend nötig.

Deshalb wird das alte Museum jetzt neu gestaltet. «Herzstück» sollen dabei die Reliquien werden. Im Augenblick ist das Landesmuseum daran, die Funde radiologisch zu untersuchen und zu konservieren. Ein herausragendes Teil der Sammlung wäre in der aktuellen Pandemie natürlich die Reliquie der hlg. Corona. Es handelt sich dabei anatomisch um die Scapula, also das Schulterblatt, mit dem Processus Coracoidus. Doch solches Wissen bringt in einem Museum auch als Hintergrundinformation wenig. Für sich ist dieses «heilige» Schulterblatt ganz einfach ein Knochen, vielleicht von einer Märtyrerin, vielleicht fast 2000 Jahre alt, – aber eigentlich kein Artfakt, den man in einer Vitrine ausstellen müsste. Man darf also gespannt sein, mit welchen Ideen die Verantwortlichen die Reliquien als «Herzstück» des neuen Museums präsentieren und vermitteln werden.

Dr. Heinrich Briner

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