Mountainbike

Cross-Country-Spezialist Reto Indergand: «Die Verschiebung der Olympischen Spielen ist voll und ganz im Sinne von uns Athleten»

Der Schönenwerder Reto Indergand fährt neu für das Team Giant Factory Off-Road Team.

Der Schönenwerder Reto Indergand fährt neu für das Team Giant Factory Off-Road Team.

Der 28-jährige Schönenwerder Reto Indergand hat auf diese Saison hin beim Giant Factory Off-Road Team einen Zweijahresvertrag unterschrieben. Der zweifache Familienvater spricht im Interview über seinen Saisonstart nach dem Teamwechsel, die verschobenen Olympischen Spiele und die Coronavirus-Pandemie.

Das BMC Mountainbike Racing Team wurde Ende des Jahres 2019 überraschend aufgelöst. Waren Sie vorinformiert?

Reto Indergand: Nein, die Auflösung des Teams kam auch für mich überraschend. Allerdings habe ich zuletzt bei BMC einen Einjahresvertrag unterschrieben, der Ende des Jahres 2019 sowieso ausgelaufen ist. Bereits im vergangenen Sommer ist mir klar geworden, dass ich nach 8 Jahren eine Veränderung möchte und einmal Teil eines anderen Teams werden. So habe ich mich früh damit auseinandergesetzt und Gespräche geführt. Bei Giant hat die Chemie einfach super gestimmt. Sie wollten das Team verstärken und ausbauen und haben mir von Beginn weg viel Vertrauen geschenkt. Dass ich bereits Anfang September eine fixe Zusage hatte, gab mir die benötigte Sicherheit.

Neben Ihnen starten im Cross Country zwei junge Fahrer. Macht Sie das zum Teamleader?

Mit Cameron Wright und Antoine Philipp stehen mir zwei jüngere Sportler zur Seite. Aber sie haben gute Resultate eingefahren in der vergangenen Saison und haben bereits grosse Palmarès vorzuweisen. Ich sehe mich nicht als Teamleader. Mir ist es wichtig, dass wir beispielsweise die Strecken zusammen besichtigen können. Dabei wird uns natürlich auch Oscar Saiz (Performance Coach, d.Red.) unterstützen. Es ist nicht wichtig, als Leader zu agieren, sondern als Teamplayer. Von Seite Giant spüre ich riesiges Vertrauen in der Produktentwicklung. Dies schätze ich sehr. Ich denke und helfe gerne mit bei der stetigen Verbesserung der Produkte.

Reto Indergand: «Ich sehe mich nicht als Teamleader.»

Reto Indergand: «Ich sehe mich nicht als Teamleader.»

Wie sieht Ihre Rennplanung aus? Bisher waren Sie in einem Schweizer Team und sind in der Swiss-Bike-Cup-Serie gefahren. Die drei Cross-Country-Fahrer von Giant stammen aus ganz unterschiedlichen Ländern, wo fahren Sie die meisten Rennen?

Vor der ganzen Entwicklung rund um das Coronavirus sah meine Planung wie folgt aus: Ich wollte die gesamte Weltcup-Saison mit dem Team bestreiten. Auch an den meisten Rennen des Proffix Swiss Bike Cup wollte ich starten und zudem weitere Rennen im nahen Ausland bestreiten. Zurzeit gibt es für mich und für uns alle aber wichtigeres als Rennen zu fahren. Es ist ungewiss, wann und ob wir die Saison fortsetzen können. Ich rechne nicht damit, dass es diese Saison viele internationale Rennen geben wird. Oberste Priorität hat nun, dass möglichst alle Leute gesund bleiben und die bereits erkrankten wieder genesen.

Trotz allem wieder zurück in den «Normalzustand». Wie ist die Unterstützung des Teams vor Ort geplant?

An den Weltcuprennen, vor allem an den Doppelevents mit den Downhill-Fahrern wird eine riesige Delegation vor Ort sein. Ich bin froh, dass ich weiterhin auf einen «Rund-um-Support» zählen darf: Physiotherapeut, Koch, Mechaniker, Techniktrainer, sportlicher Leiter – das ist grosser Luxus. Im Teamcamp im Februar habe ich bereits einige Leute kennen gelernt. Es macht Spass mit ihnen zu arbeiten und jeder ist Profi in seinem Gebiet. Dies gibt mir auch Sicherheit und Rückhalt. In der Schweiz werde ich von der Familie betreut. Meine Frau Jennifer übernimmt einen Teil der administrativen und organisatorischen Aufgaben. Mein Schwager Severin Sägesser ist Velomechaniker. Er hat seine eigene Karriere im Februar beendet und steht mir vor und während den Rennen zur Verfügung für die Wartung meines Bikes. So bin ich mit meiner Familie unterwegs. Dass auch meine beiden Söhne mich begleiten können, bedeutet mir viel.

Reto Indergand posiert im Trikot seines neuen Arbeitgebers.

Reto Indergand posiert im Trikot seines neuen Arbeitgebers.

Wie war Ihre Saisonvorbereitung und wie sind sie gestartet?

Meine Saisonvorbereitung ist sehr gut verlaufen. Im Herbst habe ich die Metallplatte aus dem Handgelenk (Bruch vom September 2018, d.Red.) entfernt. Im Anschluss daran startete ich den Aufbau. Wie immer habe ich mit der Nationalmannschaft die WK-Tage in Tenero und Gran Canaria absolviert. Dazu kamen noch einige Tage Finale Ligure, das Teamcamp in Barcelona und der Rennstart in Banyoles. Glücklicherweise blieb ich gesund. Da bei uns auch fast keinen Schnee lag und eher mildere Temperaturen herrschten, konnte ich die meiste Zeit auf dem Bike trainieren. Kurz bevor alle Rennen abgesagt wurden bestritt ich in der türkischen Stadat Alanya noch ein C2-Rennen. Es war gleichzeitig das letzte relevante Rennen für die Weltrangliste, die seit dem 15. März als eingefroren gilt. Für mich ging es in diesem Rennen hauptsächlich darum, an meiner Rennhärte zu arbeiten, sowie auch nochmals UCI-Punkte zu holen. Mein Rennen gelang mir viel besser als noch in Banyoles. Hinter Martin Gluth wurde ich Zweiter.

Was denken Sie über die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio? Ist eine Teilnahme für Sie ein Thema?

Swiss Olympic hat einen Antrag zur Verschiebung gestellt und das IOC hat kurze Zeit später auch so entschieden. Dies ist vollends im Sinne von uns Athleten. Die Welt befindet sich in einem Ausnahmezustand. Zurzeit sollten wir gegenüber unseren Mitmenschen Respekt zeigen und anderen helfen, nicht gegeneinander antreten. Aber klar, Olympische Spiele finden nur alle vier Jahre statt und welcher junge Sportler träumt nicht von einer Teilnahme? Dies war bei mir schon als Junior nicht anders. Ich bin sicher in einer für mich neuen Ausgangslage. Fünf Schweizer, darunter auch ich, haben die Norm bereits erfüllt. Von diesen fünf Athleten, dürfen aber nur drei starten. Daher wird es nach Bekanntgabe der überarbeiteten Selektionsrennen bestimmt noch einen spannenden Kampf geben.

Gibt es in der jetzigen Situation noch sportliche Ziele für das Jahr 2020?

Im Moment ist es wirklich schwierig, sich auf etwas zu fokussieren. Im Winter hätte ich auf die Frage nach meinen Saisonzielen klar geantwortet: Es stehen auch dieses Jahr wieder EM und WM im Fokus. An der EM bin ich in den vergangenen beiden Jahren jeweils Fünfter geworden. Auch die WM Strecke wäre mir sehr gelegen. Zurzeit gibt es ein neues aber noch nicht bestätigtes Datum für die EM. Für die WM versucht man auch einen neuen Termin zu finden. Aber bei da wird es noch einmal viel schwieriger, da nicht vorhersehbar ist, wann mit einem Rückgang der Pandemie zu rechnen ist. Nichtsdestotrotz wäre es sehr schön, wenn ich ab Sommer noch ein paar nationale Rennen bestreiten könnte.

Gibt es neben der grossen Veränderung des Teamwechsels noch weitere Bausteine, die Sie auf die neue Saison hin verändert haben?

Nein, ich habe auf die Saison 2019 einen Trainerwechsel vollzogen, der sich für mich ausbezahlt hat. Mir ist es aber wichtig, ein stabiles Umfeld zu haben, deshalb schraube ich nicht gerne an bewährten Sachen. So bleiben Trainer, Physiotherapeut und Mentaltrainer die gleichen Personen. Sie kennen mich in- und auswendig und die Zusammenarbeit funktioniert bestens.

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1