Zürich
Vater erschlägt Tochter in Zürich: Ehrenmord oder Affekthandlung?

Mit 19 Beilhieben hat ein heute 53-jähriger Mann im Mai 2010 seine 16-jährige Tochter in der Familienwohnung in Zürich- Höngg erschlagen. Am Dienstag, 17. April, steht der Pakistaner vor dem Zürcher Bezirksgericht. Zentral ist die Frage: Ehrenmord oder Affekthandlung?

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Kerzen brennen am Tatort (Symbol)

Kerzen brennen am Tatort (Symbol)

Keystone

Laut Anklageschrift von Staatsanwalt Ulrich Krättli geht es bei der Bluttat um einen so genannten Ehrenmord. Die aufmüpfige älteste Tochter, die rauchte, einen Freund hatte und so leben wollte, wie dies gleichaltrige Mädchen in Zürich tun, habe in den Augen des Vaters die Familienehre beschmutzt und deshalb sterben müssen. Krättli beantragt eine Verurteilung wegen Mordes. Den Strafantrag stellt er vor Gericht.
Dem 53-Jährigen wirft der Ankläger zudem versuchte Tötung vor. Knapp drei Wochen vor der tödlichen Eskalation habe er schon einmal versucht, seine Tochter umzubringen. Im Verlauf eines Streits habe er das Mädchen in die Badewanne bugsiert, Wasser einlaufen lassen und einen Föhn hineinwerfen wollen. Es sei ihm allerdings nicht gelungen, den Föhn am Strom anzuschliessen.
Verteidiger: Unzweifelhaft Affekthandlung
Keine Rede von versuchter Tötung und Ehrenmord, sagt dagegen Verteidiger Matthias Brunner. Die Beweise sprächen eindeutig gegen die versuchte Tötung. Und im Zusammenhang mit dem Tötungsdelikt komme das psychiatrische Gutachten klar zum Schluss, dass es für die Hypothese eines Ehrenmordes keine Anhaltspunkte gebe.
Verneine man die vorangegangene angebliche Föhnattacke, sei mit dem Gutachten nachgewiesen, dass die Tat eine persönlichkeitsfremde Affekthandlung gewesen sei, so Brunner. Der kulturelle Hintergrund des Pakistaners sei wohl einer von vielen Faktoren für die Eskalation gewesen, nicht aber Tatmotiv. Zu seinen Anträgen will sich Brunner vorläufig nicht äussern.
Klagen aus der Schule

Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, hat sich das Familiendrama innert Wochen dramatisch zugespitzt. Auf den 20. April hatte die Lehrerin der 16-Jährigen deren Eltern zu einem Gespräch gebeten. Das Mädchen mache die Hausaufgaben nicht mehr zuverlässig und schwänze hin und wieder die Schule.
Am selben Abend kam es gemäss Staatsanwaltschaft zur versuchten Tötung mittels Föhn. Die 16-Jährige konnte aus dem Badezimmerfenster zu einer Freundin fliehen. Von da an ging sie nicht mehr nach Hause.
Am 20. Mai erhielten die Eltern einen Anruf von der Stadtpolizei. Ihre älteste Tochter sei bei einem geringfügigen Ladendiebstahl erwischt worden, sie sollten sie heim holen.
Auf dem Polizeiposten wandte sich die Jugendliche von der Mutter ab. Auf getrennten Wegen fuhren die Mutter sowie Vater und Tochter heim. Weil sie auch in der Wohnung nicht mit der Mutter reden wollte, riet der Vater seiner Frau, mit den beiden jüngeren Kindern wegzugehen.

Nun waren Vater und Tochter allein in der Wohnung. Vergebens habe der Vater gebeten, sie solle nun zu Hause zu bleiben, heisst es in der Anklageschrift. Die junge Frau suchte ihre Sachen zusammen und wollte endgültig weg. Während sie kurz im Keller war, holte der Vater vom Balkon sein Beil und versteckte es im Elternschlafzimmer.
Kurz darauf suchte die Tochter dort etwas, schildert Staatsanwalt Krättli den Ablauf des Geschehens in der Anklageschrift weiter. Von hinten hieb der Vater ihr mehrmals das Beil auf den Kopf, riss sie dann an den Haaren und schlug erneut auf sie ein.
Die Rechtsmediziner stellten später mindestens 19 Beilschläge fest, davon mindestens 12 mit der Schneide. Das Mädchen starb Minuten nach dem Angriff.
Nach der Tat Polizei angerufen

Nach der Tat legte der Mann das Beil akkurat auf die bäuchlings am Boden liegende tote Tochter, so, dass der Griff «über das Gesäss hinaus ragte und zwischen ihren Beinen Richtung Füsse zeigte», wie der Staatsanwalt schreibt. Dann wusch er seine Hände, teilte der Ehefrau telefonisch die Tötung der Tochter mit, verliess die Wohnung und rief die Polizei an.
An einer Bushaltestelle in der Nähe wartete er auf seine Festnahme. Seither sitzt der Mann in Haft. Auf Ersuchen der 37- jährigen Mutter des Opfers wird die Öffentlichkeit von der Gerichtsverhandlung ausgeschlossen. Gerichtsberichterstatter sind jedoch zugelassen.

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