Kommentar

Eine grosse Leistung für ein kleines Land

Sorgte für eine Überraschung: Olympia-Bronzemedaillengewinnerin Heidi Diethelm Gerber bei der Ankunft in der Schweiz.

Sorgte für eine Überraschung: Olympia-Bronzemedaillengewinnerin Heidi Diethelm Gerber bei der Ankunft in der Schweiz.

Ein Kommentar unseres Rio-Reporters Marcel Kuchta zum Abschneiden der Schweiz an den Olympischen Spielen.

Nicola Spirig sorgte mit dem Gewinn der Triathlon-Silbermedaille nach einer fast einwöchigen Durststrecke für das nächste Highlight der Schweizer Olympia-Mission in Rio de Janeiro. Heute haben wir, am letzten Wettkampftag, noch ein weiteres, ganz heisses Eisen im Feuer: Nino Schurter will im Mountainbike-Rennen der Männer Medaille Nummer sieben für die Schweiz erkämpfen. Und wer weiss? Vielleicht beschert uns Marathon-Läufer Tadesse Abraham auch noch ein unerwartetes Abschlussgeschenk?

Unabhängig davon, darf man den Auftritt der Schweizer Delegation am Fusse des Zuckerhuts als geglückt bezeichnen. Klar gab es Enttäuschungen. Die Fechter wurden ihren Vorschusslorbeeren wie schon vor vier Jahren in London nicht gerecht und gingen leer aus. Auch wenn der Basler Benjamin Steffen eine Medaille letztlich nur knapp verpasste. Von den Reitern hatte man sich insgeheim ebenfalls mehr erhofft. Und auch hier scheiterte Steve Guerdat als Vierter denkbar knapp. Ihre Beispiele zeigten, wie nah Glück und Pech an einem Grossanlass oft zusammenliegen.

Gute Schweizer Bilanz

Mit sechs, möglicherweise sieben Medaillen liest sich die Schweizer Bilanz jedenfalls sehr gut. Vor allem, wenn man sich mal wieder vor Augen hält, wie klein unser Land ist. Von den Nationen mit vergleichbarer Grösse und Infrastruktur sind uns eigentlich nur die Holländer massiv voraus. Vor allem deshalb, weil sie in diversen Mannschaftssportarten (Volleyball, Landhockey) zur Weltspitze gehören.

Diesbezüglich ist die Schweiz schon fast traditionell eine Wüste. Warum eigentlich? Wir leben weiterhin von Ausnahmetalenten wie Cancellara, Steingruber, Spirig oder (hoffentlich) Schurter, die uns alle vier Jahren die Kohlen aus dem Feuer zu holen versuchen. Zur Erinnerung: Die Österreicher freuten sich wie Könige über ihre erste Olympiamedaille seit acht Jahren: Die Segler fuhren auf Platz 3. Das wäre dann die andere, weit weniger erfreuliche Realität.

Trotz dem positiven Abschneiden der Schweizer Delegation in Rio de Janeiro bleibt die Erkenntnis, dass wir hierzulande noch grosses Steigerungspotenzial bezüglich Spitzensportförderung haben. Der Übergang vom Nachwuchs- zum Leistungssport ist der schwierigste. Hier werden die Athleten, gerade in den sogenannten Randsportarten, noch zu oft ihrem eigenen Schicksal überlassen – vor allem in finanzieller Hinsicht.

Heidi Diethelm Gerber überraschte

Wir haben uns alle gefreut über die überraschende Bronzemedaille der Schützin Heidi Diethelm-Gerber. Welche Opfer sie aber für diesen Exploit erbringen musste, geht im Glanz des Edelmetalls gerne vergessen. Man könnte hier noch Dutzende Beispiele von Schweizer Olympioniken aufzählen, die eigentlich grossartige Leistungen erbracht haben, im internationalen Vergleich aber dennoch zu den Bettlern gehören.

Die Schweiz, oder besser gesagt die Politik, tut sich mit der Spitzensportförderung immer noch schwer. Man sonnt sich gerne in den Erfolgen eines Fabian Cancellara (Bundesrat Guy Parmelin zelebrierte das hier in Rio richtiggehend), aber wenn es darum geht, eine wirklich gute Basis für die Zukunft zu schaffen, dann zieht man sich ins Schneckenhaus zurück. Allein mit grösseren Investitionen in sehr gut ausgebildete Nachwuchstrainer, in Sportschulen mit der entsprechenden Infrastruktur sowie später in Berufssport-Modelle, liesse sich in einem Land mit den Möglichkeiten der Schweiz langfristig noch viel mehr erreichen.

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