«Bis 62 war ich immer gesund. Ich hatte Glück gehabt, ohne gross etwas dafür zu tun», sagt Jona Ostfeld. Fast 40 Jahre lang war er Sekundarlehrer in Neuenhof und hat krankheitshalber
kaum gefehlt. «Es war supergut, multikulturell und sehr familiär.» Wenn seine Schüler ein Anliegen hatten, habe er selten Nein gesagt. «Hier noch ein paar Kopien, da ein offenes Ohr – ich war allzeit bereit. Ich habe es ja gerne gemacht. Ich habe meine Arbeit geliebt», sagt er, «aber ich war schon etwas viel auf Achse.»

Von der «Alien-Hand» gepackt

 Am Karfreitag 2013 hat Ostfeld abends noch an seinem zweiten Roman (der in diesen Tagen erscheint, siehe Hinweis) geschrieben. «Völliger Quatsch. Ich habe mich ständig vertippt.» Erklären konnte er sich das nicht; allzu viel Gedanken hat er aber auch nicht darauf verwendet. «Ich bin halt gestresst und müde, dachte ich, zudem war mir leicht schwindelig, aber das ist es mir ab und zu», erzählt Ostfeld. Dann, im Bad, habe ihm sein Sohn gesagt: Papa, du siehst zwei Jahre älter aus als gestern. Wieso sagt er so was, habe ich mich noch gefragt.» In der Nacht ist er plötzlich aufgewacht, weil jemand oder etwas sein rechtes Handgelenk quetschte. Schemenhaft erkannte er im Dunkeln eine Hand – seine Hand! «Ich wollte aufhören damit, aber es ging nicht. Die Hand machte, was sie wollte», erinnert sich
Ostfeld. Das Alien-Hand-Syndrom (AHS) hat er damals noch nicht gekannt. Er dachte, der Arm sei ihm eingeschlafen. Als Ostfeld am nächsten Morgen im Bad öfter danebengriff und beim Frühstück auch noch die Kaffeetasse umschmiss, erzählte er seiner Frau von seinen Erlebnissen. Die rief sofort den Hausarzt an. Niemand da. Ostersamstag. Darauf rief sie eine befreundete Ärztin an. «Du musst nicht weitererzählen, er muss sofort ins Spital», habe
sie gesagt. Im Kantonsspital Baden wurde Ostfeld in den Notfall weitergeleitet. Im MRI zeigten weisse Flecken an, wo das Gehirn zu wenig durchblutet war. Sofort ins Stroke Center nach Aarau!, hiess es. «So pressiert es jetzt auch wieder nicht, habe ich gedacht, ich bin ja
recht gut zwäg», berichtet Ostfeld. «Ein Hirnschlag ist kein Beinbruch», sagt er. «Bei einem Beinbruch können sich alle etwas vorstellen. Aber ein Hirnschlag ist so unfassbar. Selbst im
Stroke Center habe ich zunächst nicht daran geglaubt.» Im Schlaganfallzentrum des KSA
konnte die Ursache des Schlaganfalles rasch identifiziert werden. Fragmente aus einer Ablagerung an der Halsschlagader lösten sich und wurden mit dem Blutstrom in das Hirn geschwemmt. Dort verschlossen sie kleinste Gefässe und führten zu Durchblutungsstörungen, die sich als weisse Flecken im MRI zeigten. «Nur eine rasche Entfernung dieser Ablagerungen aus der Halsschlagader verhindert auf Dauer einen neuen Schlaganfall» sagt Prof. Dr. med. Krassen Nedeltchev, Leiter des Stroke Center. Die Spezialisten diskutierten zunächst intensiv. «Das war damals etwas beunruhigend», sagt Ostfeld. «Heute weiss ich, wie wichtig der Austausch zwischen den beteiligten Fachdisziplinen ist.» Beim Setzen des Stents konnte er zuschauen. «Der Eingriff war sehr routiniert und ging ruhig vonstatten.»

Trotzdem kein Gesundbeter

Jona Ostfeld blieb eine Woche zur Überwachung im KSA. «Die Neurologen haben mir super geholfen. Sie haben sehr viel mit mir geredet und mir so wieder Vertrauen vermittelt», sagt der Schriftsteller. «Deshalb sind mir die jährlich im KSA stattfindenden Kontrollen und Gespräche immer noch sehr wichtig.» Nach dem stationären Aufenthalt im KSA wurde Ostfeld in die Klinik im Park in Schinznach Bad zur dreiwöchigen Rehabilitation überwiesen. Anfangs
hatte er in der Nacht oft Panikattacken. Am meisten geholfen habe ihm damals wie heute die Progressive Muskelrelaxation nach Jacobson. Diese Übungen gibt es auch als App. «Die App hat mich sicher schon 150-mal vor einem ungemütlichen Abend gerettet», betont Ostfeld.
Sein Leben umgekrempelt hat er nicht; aber er hat sein Pensum an der Schule reduziert und das Schreiben vorübergehend zur Seite gelegt. Und er hat etwas Wichtiges gelernt: Achtsamkeit. «Das Wort habe ich gar nicht gekannt. Es existierte nicht in meinem Wortschatz.» Und er sagt mittlerweile auch öfter Nein. Bis heute sehr wichtig für ihn ist auch Ruhe. «Der Schlaganfall war ein Schuss vor den Bug, eine Warnung des Körpers», meint Ostfeld. «Ich schaue nun besser zu mir.» Deshalb habe ihm sein Hausarzt gesagt: «Jetzt haben Sie eine höhere Lebenserwartung als vor dem Hirnschlag.»