Nicht einmal ein Prozent der installierten Solaranlagen sind in Fassaden integriert, schätzt die nationale Übertragungsnetzbetreiberin Swissgrid. Und damit steht die Schweiz im internationalen Vergleich sogar noch gut da, denn im europäischen Schnitt sind nur wenige Promille der Solaranlagen als Fassaden ausgebildet. Die Produkte seien zu teuer, ihr Stromertrag zu gering, und die glatte, blauschwarze Oberfläche der Solarzellen habe bisher nur eine äusserst moderne Architektursprache zugelassen, heisst es. Schnee von gestern, wie die aktuellsten Beispiele aus der Welt der Solarfassaden zeigen.

Prominenteste Vertreterin der neusten Solarfassaden-Generation ist ohne Zweifel das erste energieautarke Mehrfamilienhaus der Welt in Brütten. Das ehrgeizige Projekt der Umweltarena Schweiz wurde letztes Jahr fertiggestellt und bezieht einen Grossteil des benötigten Stroms von Dünnschicht-Solarzellen, die jeden Quadratmeter der Aussenhaut bekleiden. Der Clou: Durch eine spezielle Oberflächenbehandlung wurden die Module zu einer homogenen, matt anthrazitfarbenen «Bauplatte» weiterentwickelt, die der Fassade eine gediegene Anmutung verleiht. Allerdings müsse man bei diesem Verfahren gewisse Einbussen bei der Stromausbeute in Kauf nehmen, erklärt Dieter Moor, CEO beim österreichischen Hersteller ertex Solar: «Je farbiger die Glasoberfläche, desto weniger Strom.» Die Gesamtkosten der neuartigen Photovoltaik-Fassade inklusive aller Montage- und Installationskosten liegen bei rund 600 Franken pro Quadratmeter – und damit tiefer als der Durchschnittspreis einer Glasfassade. Deshalb wurde das Gebäude auch auf der Nordseite mit Photovoltaik-Modulen verkleidet. Auch wenn der Einstrahlungswinkel weit vom Ideal von 25° Neigung entfernt ist, sind die Fassadenerträge überraschend gut, da auch die diffuse Sonnenstrahlung und der flache Einstrahlungswinkel der Sonne in den Wintermonaten sowie in den Morgen- und Abendstunden genutzt werden können.

Eine andere Möglichkeit der ästhetischen Gestaltung von Solarfassaden präsentiert Swissinso. Das Spin-off der EPFL arbeitet mit mehrlagigen Spezialbeschichtungen, die bestimmte Wellenlängen des einfallenden Lichtes zur Interferenz bringen, sodass diese reflektiert werden und das Modul farbig erscheint. Die Palette möglicher Farben ist hier wesentlich kleiner, dafür müssen Bauherren nur leichte Einbussen beim Energieertrag hinnehmen. Ausserdem verändert sich die Farbe des Moduls mit dem Blickwinkel des Betrachters – ein Effekt, der die Solarmodule sehr lebendig erscheinen lässt. Forschern vom schweizerischen CSEM in Neuenburg ist es sogar gelungen, völlig weisse Solarpaneele mit gutem Wirkungsgrad herzustellen. Dies erreichten die Forscher mit einer nanostrukturierten Beschichtung, die infrarotes Licht durchlässt, sichtbares aber diffus streut. Spannende Ansätze – und einen Blick in die Zukunft – bieten auch die neusten Entwicklungen im Bereich der Photovoltaik, darunter organische Solarzellen und Farbstoffsolarzellen. Sie lassen sich nicht nur in Glas integrieren, sondern auch auf verschiedenste Baumaterialien drucken. Bauteile aus Beton, Holz, Stahl oder Stein mit integrierter Solarzelle werden damit denkbar – und könnten dem Markt für gebäudeintegrierte Photovoltaik zusätzlichen Schub verleihen.