«Wenn das Diesseits und das Jenseits immer näher rücken, dann beginnt für mich die Zeit der Raunächte», so Bruno Kalbermatten, in einem Bergdorf im Wallis aufgewachsen. Im Jahreskalender ist dies auf Allerheiligen, den 1. November, und auf Allerseelen, den 2. November, datiert. Gedenktage, die an die Vergänglichkeit des irdischen Daseins erinnern. «Sobald der Totenmonat anbricht, werden die Übergänge dünner und die Energie der Raunächte stärker – eine Zeit des Feinspürens, der Besinnlichkeit, der Ruhe.»

Zeitlose Zeit

«Offiziell» dauern die Raunächte vom 25. Dezember bis zum 6. Januar. Insgesamt 12 Nächte oder 11 «tote Tage», die beim Übergang vom germanischen Mondkalender mit 354 Tagen auf den Sonnenkalender mit 365 Tagen eingeschoben wurden. Im Volksmund haben die zwölf Nächte unterschiedliche Namen: Sie werden auch Los-, Unter-, Weihe- oder Zwischennächte genannt. Und je nach Region unterscheidet sich auch deren Zahl: Mancherorts sind es nur drei spezielle Nächte. Die Thomasnacht, vom 21. auf den 22. Dezember, wird ebenfalls zu den Raunächten gezählt. «Dann, am Abend des dunkelsten Tages des Jahres, bei Wintersonnenwende, wird traditionell mit dem Räuchern begonnen», sagt Bruno Kalbermatten, der fast jedes Wochenende unterwegs ist, um seiner Berufung, der Räucherarbeit, nachzugehen.

Jahrhundertealte Tradition

Räucherungen während der «zeitlosen Zeit» beruhen auf einer jahrhundertealten Tradition. So wird zum einen auch «Rauch» als Wortherkunft der Raunächte in Erwägung gezogen. Andere sehen im Wort «rûch» (haarig) den Ursprung der Namensgebung – von den wilden haarigen Dämonen, die in diesen Nächten ihr Unwesen treiben, herrührend. «Beides ist eng miteinander verbunden », sagt Bruno Kalbermatten und erzählt von seiner Grossmutter, die mit einer Schaufel, auf der Heilkräuter verglommen, betend durch den Stall ging, um die Tiere vor bösen Geistern zu schützen.

Die Leidenschaft fürs Räuchern hat Bruno Kalbermatten demnach in die Wiege gelegt bekommen. Heute bietet er sein Räucherhandwerk schweizweit an: «Mit einer Räucherung löse ich alte, verbrauchte Energie auf. Reinige die Menschen, deren Wohn- und Arbeitsraum. Ich schaffe Platz, damit etwas Neues und Frisches entstehen kann, und schütze vor erneuten Verunreinigungen.» Die Magie der Raunächte würde diesen Prozess unterstützen und sich für derartige Energiearbeiten besonders eignen

Beruhigen und Loslassen

«Für Räucherungen sind neben der Thomasnacht zudem der Heiligabend, Silvester und die Nacht auf den Dreikönigstag sehr passend.» Jede Nacht hat ihre eigene Bedeutung. Bruno Kalbermatten: «Wintersonnenwende, die Nacht vom 21. Dezember, ist eine magere Nacht. Heisst: Es ist eine Zeit der Reinigung, des Sich-Freimachens von allem Alten und Schweren. Nicht der Körper, sondern die Seele feiert. Wut, Trauer, Angst, Abgespanntheit und anderer Ballast werden beruhigt und können losgelassen werden.» Dafür sind Lavendel, Wacholder, Johanniskraut und Salbei geeignete Räucherkräuter.

Darauf folgt Heiligabend – eine feiste, fette Nacht. Im Kreis der Familie dürfen wir uns verwöhnen lassen, gut essen und trinken. «Reiner arabischer Weihrauch öffnet das Herz und die Seele. Arnika bringt Licht- und Sonnenkraft zu uns.» Zusammen mit Vanille, Habichtskraut, Lavendel, Propolis und Rosenblättern ergeben diese Heilkräuter eine wunderbar weihnachtliche Räuchermischung.

Vorbereitung auf das, was kommt

«In der Silvesternacht – erneut eine magere Nacht – geht es um Schutz vor den Energien des alten Jahres. Wichtige Heilkräuter hierfür sind Wermut und Nelke.» Der Wermut verleihe Kraft, um sich abzugrenzen, und die Nelke trenne alte Zöpfe ab. In der Nacht auf den Dreikönigstag wird die letzte feiste Nacht gefeiert. «Wir verabschieden die Zeit der Mystik mit einem Fest, tischen nochmals ein nobles Essen auf. Langsam schliessen sich die Tore zur ‹Anderswelt› », sagt Bruno Kalbermatten. Dazu passe eine Räucherung, die in die Alltagswelt zurückführe: Thymian, Beifuss, Melisse und Kornblume. Der Duft der auf dem Tisch ausgebreiteten Heilkräuter steigt in die Nase und macht Lust auf mehr. Ist das Räuchern in den Raunächten auch ohne Vorkenntnisse möglich? «Auf jeden Fall. Dabei sind der Kreativität keine Grenzen gesetzt. Sehr viele Pflanzen und beinahe jedes Gewürz eignen sich für Räucherungen. Mein Tipp: Sich Zeit nehmen, den Alltag hinter sich lassen und auf das eigene Bauchgefühl hören. Es zeigt, welche Heilkräuter gerade passen.» In diesem Sinne sollen sie wirken, die zeitlosen Raunächte – zum Feinspüren, für Besinnlichkeit und Ruhe.