Es ist ein Spektakel der üblen Sorte. Eine 30-minütige Horrorvorstellung, die der FC Aarau in Chiasso abliefert. Natürlich kann man mildernde Umstände wie Druck, Existenz- und Versagensängste geltend machen. Aber nüchtern betrachtet, ist die erste halbe Stunde einfach nur gruselig. Insbesondere das Mittelfeld mit Burki, Peralta, Carlinhos, Jäckle und Lüscher liefert eine armselige Vorstellung ab. Spielerisch, weil keine Offensivaktion kreiert wird. Physisch, weil Chiasso im Mittelfeld keine Gegenwehr spürt. Mental, weil kein Aufbäumen gegen das drohende Debakel spürbar ist.

Abwehr rettet Aarau vor Gang in den Sarg

3:0 könnte Chiasso nach 30 Minuten führen. Aber es steht 0:0. Warum? Weil Torhüter Francesco Russo zweimal überragend pariert, ehe er in der 28. Minute wegen einer Zerrung Forfait geben muss und durch Steven Deana ersetzt wird. Und: Weil die Abwehrreihe mit Nganga, dem überragenden Besle sowie Garat und Martignoni physisch dagegenhält. «Die erste Halbzeit war der Horror», so das schonungslose Fazit von Captain Sandro Burki.

FC Chiasso - FC Aarau 1:2 (13.02.2016, Stimmen zum Spiel)

FC Chiasso - FC Aarau 1:2 - die Stimmen zum Spiel

Interviews mit Doppeltorschütze Igor Nganga sowie Cheftrainer Marco Schällibaum. 

Die Crème de la Crème sei es gewiss nicht gewesen, was sein Team vor der Pause gezeigt habe, sagt Aaraus Trainer Marco Schällibaum. «Ich habe in der ersten Halbzeit eine Mannschaft gesehen, die gelitten hat. Aber ich habe danach auch eine Mannschaft gesehen, die eine Antwort auf die passive Vorstellung bereit hatte. Deshalb überwiegt für mich das Positive. Was aber nicht heisst, dass wir nun fliegen. Denn uns stehen noch 16 unglaublich schwierige Spiele bevor.»

Vampir Igor beisst zweimal zu

Der FC Aarau ähnelt einem Vampir bei Tag. Scheinbar leblos liegt er am Boden. Doch der Schein trügt. Die Nacht bricht ein. Was der blutsaugenden Nachtgestalt entgegenkommt. Es ist Igor Nganga, der dem Team mit einer Energieleistung Leben und Zuversicht einhaucht. Erst schleppt der kongolesische Verteidiger den Ball über den halben Platz, um danach die Vorarbeit von Carlinhos und Peralta zum 1:0 zu verwerten.

Doch nur sechs Minuten später der Ausgleich: Jäckle lässt sich zu einfach von Guarino überlaufen und Martignoni klärt die Flanke des Tessiners derart dilettantisch, dass Stefan Mihajlovic mühelos zum 1:1 ausgleichen kann. Nur zwei Minuten später trifft Nganga (60.) per Kopf nach einem Eckball zum zweiten Mal.

Sandro Burki, schwing das Tanzbein!

Der Wert dieses 2:1-Erfolgs? Aarau hat Chiasso überholt und ist nicht mehr Tabellenletzter. Und Trainer Schällibaum hofft natürlich auf den Effekt der Befreiung. Doch das Gebilde FC Aarau ist fragil. Das beweist einerseits die Schlussphase der Partie, in der Peralta und Rossini das sichere 3:1 auf klägliche Art vergeigen. Andererseits vermittelt die Erinnerung an die Horrorshow der ersten 30 Minuten wenig Zuversicht. Denn das war schlicht Fussball, wie wir ihn aus der Badeanstalt kennen – körperlos, ambitionslos, kopflos.

Schällibaum wird den Erfolg gegen seinen früheren Arbeitgeber Chiasso gewiss nicht überbewerten. Eher wird er sich Gedanken machen, wie er die Problemzone Mittelfeld beheben kann. Olivier Jäckle beispielsweise sucht nicht nur seine Form, sondern auch seine Position. In einer offensiven Rolle, wie er sie zuletzt gespielt hat, wird er sie definitiv nicht finden. Oder Miguel Peralta: Das 20-jährige Talent hat zwar das 1:0 vorbereitet. Aber er ist sich als gelernter Aussenverteidiger nicht gewohnt, im offensiven Mittelfeld zu agieren. Oder Carlinhos: Der Brasilianer geizt zwar nicht mit der Präsentation seiner künstlerischen Fähigkeiten. Nur schaut dabei zu selten etwas wirklich Brauchbares heraus. Oder Sandro Burki: Von ihm wünscht man sich, dass er auch mal über 90 Minuten den Anführer und Taktgeber gibt. Und nicht wie ein Vampir bei Tag träge in der Ecke liegt und erst tanzt, wenn die Nacht hereinbricht.

Telegramm: Chiasso – Aarau 1:2 (0:0)

Riva IV. – 860 Zuschauer. - SR. Klossner. – Tore: 52. Nganga 0:1. 58. S. Mihajlovic 1:1. 60. Nganga 1:2.

Chiasso: Guatelli; Lüchinger, Rouiller, Ivic, Dossena 67. Felitti); Laner, Maccoppi; Ciarrocchi (82. Cortelezzi), D. Mihajlovic, Guarino (67. Regazzoni); S. Mihajlovic.

Aarau: Russo (28. Deana); Nganga, Besle, Garat, Martignoni; Burki; Peralta, Jäckle, Carlinhos, Lüscher (85. Radice); Rossini (88. Perrier).

Bemerkungen: Chiasso ohne Romano, Monighetti, Franin, Golemic, Muharemi, Criglia, Hanachi. Aarau ohne Thaler, Lieder und Josipovic (alle verletzt). Verwarnungen: 28. Dossena, 65. Peralta, 66. Lüscher, 90. Besle, 91. Cortelezzi (alle wegen Foul). 30. Lattenschuss von Ciarrocchi.

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