Afghanistan
Amerikaner rollen die Flagge ein: Der US-Botschafter in Kabul flüchtet an den Flughafen – Joe Biden gibt sich unbeirrt

Die amerikanische Regierung weist nach dem Fall von Kabul die Kritik am Truppenabzug zurück. Joe Biden sagt, er habe kein Interesse an einer Fortsetzung des Krieges in Afghanistan.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
Ross Wilson, seit 2020 Chargé d'Affaires in der US-Botschaft in Kabul. (Kabul, 30. Juli 2021)

Ross Wilson, seit 2020 Chargé d'Affaires in der US-Botschaft in Kabul. (Kabul, 30. Juli 2021)

Bild: Keystone/AP/
Mariam Zuhaib

Am Sonntag ging plötzlich alles ganz schnell. Ross Wilson, seit 2020 Chargé d'Affaires in der US-Botschaft in Kabul und damit ranghöchster diplomatischer Vertreter im Land, rollte die amerikanische Flagge ein. Dann wurde er, beschützt von schwerbewaffneten Marineinfanteristen, an den internationalen Flughafen ausgeflogen. Ob er das Land verlassen hat, war am Sonntagabend unklar.

In Washington schickte der amerikanische Präsident derweil seinen Aussenminister vor, um den Fall der afghanischen Hauptstadt schönzureden. Also verteidigte Antony Blinken den überstürzten Rückzug der letzten amerikanischen Truppen aus der afghanischen Hauptstadt. Es sei nicht im Interesse Amerikas, erneut eine bewaffnete Konfrontation mit den Taliban verwickelt zu werden, sagte Blinken. Denn die heimische Bevölkerung unterstütze einen solchen Krieg nicht, «das ist die Realität».

Und obwohl man Blinken ansah, dass es ihm nicht einfach fiel, diese Parole auszugeben, folgte der Aussenminister in seinen Interviews doch der Sprachregelung seines Chefs. Präsident Joe Biden, der das Wochenende auf dem Landsitz Camp David verbrachte, hatte in einer schriftlichen Stellungnahme am Samstag noch einmal versichert, dass er an seinem Kurs festhalten werde. «Ich war der vierte Präsident, der über eine amerikanische Truppenpräsenz in Afghanistan präsidierte – zwei Republikaner, zwei Demokraten», schrieb Biden. Er habe kein Interesse daran, diesen Krieg einem fünften Präsidenten zu vererben.

Diese Position vertritt Biden schon lange. Vor mehr als zehn Jahren, als sein Vor-Vorgänger Barack Obama sich im Weissen Haus wochenlang den Kopf über die Zukunft des Afghanistan-Krieges zerbrach, sprach sich sein Vize für ein Ende mit Schrecken aus. Eine anhaltende Truppenpräsenz im Land werde bloss das Scheitern Amerikas hinauszögern, sagte Biden im Jahr 2010 hinter verschlossenen Türen. Auch warnte er Obama davor, den Versprechungen des Pentagons Glauben zu schenken, dass eine militärische Lösung für den Konflikt existiere. Der damalige Pentagon-Chef Robert Gates zahlte es ihm später zurück, in dem er in seinen Memoiren schrieb: Als Aussenpolitiker besitze Biden keine Glaubwürdigkeit, habe er in den vergangenen vier Jahrzehnten doch in sämtlichen wichtigen Fragen immer die falsche Position bezogen.

Wahr an dieser Aussage ist: Eine eigentliche Biden-Doktrin gibt es nicht. Manchmal, zum Beispiel während der Jugoslawienkriege, gab der Demokrat den Interventionisten. Manchmal, nach der Invasion Kuwaits durch Saddam Hussein, riet er vor militärischen Abenteuern ab. Aber in Sachen Afghanistan vertritt Biden seit Jahren eine glasklare Linie.

Aktuelle Nachrichten