Kabul-Krise
Joe Biden boxt seinen Abzugsplan durch: Alle US-Soldaten sollen Afghanistan bis am 31. August verlassen

Nur noch bis Ende Monat überwachen US-Soldaten die Rettungsflüge aus Kabul. Dann werden sie sich aus der afghanischen Hauptstadt zurückziehen. Die Europäer redeten vergeblich auf den amerikanischen Präsidenten ein - zur Freude der Taliban.

Renzo Ruf, Washington
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Aus Kabul evakuierte Menschen am internationalen Flughafen von Washington.

Aus Kabul evakuierte Menschen am internationalen Flughafen von Washington.

Jose Luis Magana / AP

Der amerikanische Präsident lässt sich auch von seinen europäischen Partnern nicht umstimmen: Sämtliche US-Streitkräfte sollen Afghanistan bis spätestens am 31. August verlassen, nach Abschluss der Mission in Kabul. Diese Parole gab Joe Biden am Dienstag während einer Krisensitzung der Staats- und Regierungschefs der G7 aus, wie seine Sprecherin nach Abschluss des virtuellen Treffens bekannt gab.

Biden begründete diese umstrittene Entscheidung mit der Gewahr von Anschlägen gegen die rund 6000 US-Soldaten, die derzeit am Flughafen von Kabul stationiert sind. Die Stellungnahme des Weissen Hauses enthielt einen Verweis auf mögliche Selbstmordattacken durch Kämpfer des lokalen Ablegers der Terror-Gruppe Islamischer Staat. Sprecherin Jen Psaki nannte diese Bedrohung während einer Pressekonferenz «real».

Als kleines Zugeständnis an seine Kritiker beauftragte der demokratische Präsident aber das Pentagon und das Aussenministerium, den Eventualfall vorzubereiten – sollte sich der Abzug bis in den September verzögern. Bei dieser Ankündigung handelt es sich wohl aber bloss um ein Feigenblatt. Wer mit der komplexen Logistik eines Truppenabzugs vertraut ist, der weiss: Am Donnerstag oder Freitag dieser Woche müssen die ersten US-Soldaten ihre Positionen am Hamid Karzai International Airport verlassen, will das Pentagon seinen Fahrplan einhalten.

Taliban blockieren Zugang zum Flughafen

Die Ankündigung Bidens kommt einem Sieg für die Taliban gleich – hatte doch ein Sprecher der neuen afghanischen Machthaber am Dienstag Washington erneut vor «Konsequenzen» gewarnt, falls sich auch im September noch amerikanische Streitkräfte im Land befinden sollten. Auch gab der Taliban-Sprecher während einer Pressekonferenz bekannt, dass es afghanischen Staatsangehörigen von nun an nicht mehr erlaubt sei, an den internationalen Flughafen von Kabul zu reisen.

Die Blockade beim Hamid Karzai International Airport dürfe nur noch von Ausländern passiert werden. «Unsere Menschen, unsere Ingenieure, unsere Doktoren, Professoren und alle, die ausgebildet sind: Unser Land ist auf ihre Fähigkeiten angewiesen, und sie sollten nicht in ausländische Staaten gebracht werden», sagte der Taliban-Sprecher.

Diese Ankündigung folgte einen Tag nach einem Gespräch zwischen CIA-Direktor William Burns und dem politischen Anführer der Taliban, Abdul Ghani Baradar, am Flughafen von Kabul. Und wenige Stunden vor einem virtuellen Treffen der Regierungschefs der sieben führenden westlichen Industrienationen, an dem auch Biden teilnahm.

Unter Federführung des britischen Premierministers Boris Johnson vereinbarten die G7-Mitglieder, weiter Druck auf die neuen Machthaber in Afghanistan auszuüben. So müssten die Taliban «die sichere Ausreise» sämtlicher Bewohner des Landes garantieren, und zwar auch nach dem Abzug der westlichen Streitkräfte, sagte Johnson dem Sender «Sky News».

Unklar ist, wie London oder Washington diese Forderung durchsetzen wollen – befindet sich Kabul doch unter der militärischen Kontrolle der Taliban. Am Dienstagabend (Lokalzeit) befanden sich nur rund 5'000 Zivilisten auf dem Flughafengelände, wie Generalmajor Hank Taylor während einer Pressekonferenz im Pentagon bekannt gab. Zum Vergleich: Von Montag bis Dienstag wurden nach Angaben Taylors gegen 21'600 Menschen aus Kabul ausgeflogen, in insgesamt 94 zivilen Flugzeugen und Militärmaschinen. Damit stieg die Zahl der bisher evakuierten Menschen seit Beginn der westlichen Luftbrücke vor zehn Tagen auf gegen 62'000. Dies entspricht in etwa der Einwohnerzahl der Stadt Lugano.

Washington will nicht sagen, wie viele Amerikaner ausgeflogen wurden

Allein: Nach wie vor wissen weder das Weisse Haus noch das US-Aussenministerium, wie viele Amerikaner und afghanische Verbündete noch darauf warten, aus Kabul evakuiert zu werden. Während unabhängige Quellen von bis zu 250'000 Menschen sprechen, werden diese Schätzungen von offiziellen Quellen nicht kommentiert – auch weil der amerikanischen Botschaft in Kabul die Übersicht fehlt.

Auch weigert sich das Verteidigungsministerium, genaue Zahlen über die ausgeflogenen Amerikaner publik zu machen. John Kirby, der Sprecher des Verteidigungsministers, sagte am Dienstag, «einige Tausend» Amerikaner seien bisher ausgeflogen worden. Mehr wollte er nicht sagen. Er zeigte sich aber optimistisch darüber, dass zumindest alle Amerikaner rechtzeitig evakuiert werden könnten.

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