Afghanistan-Krise
Dramatische Bilder am Flughafen Kabul: Jetzt hat US-Präsident Joe Biden seinen «Saigon-Moment»

Die chaotischen Szenen in Kabul wecken in Amerika Erinnerungen an das bittere Ende des Vietnamkriegs im Jahr 1975. Präsident Joe Biden versuchte am Montag in einer Fernsehansprache, den hastigen Abzug aus Afghanistan zu rechtfertigen – und er schob den Afghanen die Schuld zu.

Renzo Ruf, Washington
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Der amerikanische Präsident hat am Montag die massive Kritik an den Plänen seiner Regierung zurückgewiesen, sämtliche US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen. Während einer hastig angesetzten Ansprache im Weissen Haus, für die Joe Biden seine Kurz-Ferien im präsidialen Landsitz Camp David unterbrach, sagte er: «Ich stehe voll und ganz hinter meiner Entscheidung.»

"Ich stehe vollkommen hinter meiner Entscheidung": Joe Biden verteidigt US-Truppenabzug aus Afghanistan

Zur Verwunderung vieler Beobachter schlug Biden während der 19 Minuten dauernden Ansprache einen geradezu trotzigen Tonfall an. Er sagte, es sei nie einfach, einen Krieg zu beenden. Wahr sei aber auch, dass die Mission der amerikanischen Streitkräfte schon vor Jahren erfüllt worden sei, sagte der Präsident, habe doch der Aufbau eines demokratischen Staates nie zu den Aufgaben des Militärs gezählt. Washington müsse nun den Fokus auf die terroristische Bedrohungslage «des Jahres 2021» legen — und sich nicht länger über die Urheber der Terrorattacken vom 11. September 2001 den Kopf zerbrechen, deren Helfershelfer einst in Afghanistan Unterschlupf gefunden hatten.

Für die erneute Machtübernahme der Taliban in Kabul, die auch am Montag zu chaotischen Szenen am internationalen Flughafen der afghanischen Hauptstadt geführt hatte, machte er die Streitkräfte in Afghanistan verantwortlich. «Wir haben ihnen jedes Instrument gegeben, das sie benötigten», sagte Biden. Amerika aber könne nicht verantwortlich dafür gemacht werden, dass ihnen «der Wille» fehlte, zu kämpfen.

Der amerikanische Präsident Joe Biden verteidigte sich am Montag während einer Ansprache im Weissen Haus gegen Kritiker seiner Afghanistan-Politik.

Der amerikanische Präsident Joe Biden verteidigte sich am Montag während einer Ansprache im Weissen Haus gegen Kritiker seiner Afghanistan-Politik.

Bild: Shawn Thew / EPA

Und für die Tatsache, dass die Amerikaner Tausende von Afghanen, die den amerikanischen Streitkräften jahrelang zur Seite standen, nicht vorzeitig aus dem Land evakuierten, dafür gäbe es vielfältige Gründe, sagte der Präsident. Die alte Regierung habe eine Massenpanik unter der Zivilbevölkerung verhindern wollen, und sich deshalb im Frühjahr gegen entsprechende Pläne der Amerikaner gestemmt. Einige Afghanen wiederum hätten das Land nicht verlassen wollen, weil sie angeblich auf eine Verbesserung der Lage gehofft hätten, behauptete Biden.

Menschen klammerten sich an Militärflugzeug fest

Von einer Hoffnung in eine bessere Zukunft war allerdings am Montag am Hamid Karzai International Airport wenig zu spüren. Am Flughafen spielten sich vielmehr dramatische Szenen ab. Hunderte von Männern stürmten am Montag das Rollfeld des Hamid Karzai International Airport und versuchten, in quasi letzter Minute eines der Militärflugzeuge zu besteigen, mit denen amerikanisches Personal aus der afghanischen Hauptstadt evakuiert wurde.

Auf Twitter zirkulierte ein Filmchen, das eine Transportmaschine C-17 der amerikanischen Luftwaffe zeigte - und wie sich einige verzweifelte Afghanen am bulligen Flugzeug festklammerten. Ein anderes Video zeigte eine aufsteigende «Globemaster» über den Dächern von Kabul; in dem verwackelten Film ist zu sehen, wie ein Mensch zu Boden fällt, dem es anfänglich gelungen war, sich am Militärflugzeug festzukrallen.

Später räumten die noch in Kabul stationierten US-Truppen, aktuell gegen 3000 Soldatinnen und Soldaten, die Rollbahn, damit zumindest im militärischen Teil des Flughafens der Betrieb aufrechterhalten werden konnte. Dabei wurden angeblich mehrere Menschen getötet. Der zivile Teil blieb derweil geschlossen, auch weil der Flughafen immer wieder durch selbstbewusst auftretende Taliban-Kämpfer unter Beschuss genommen wurde.

Chaos in Kabul: Viele Menschen flüchten zum Flughafen.

CH Media Video Unit

Die Sicherheitslage sei prekär, meldeten informierten Kreise. Und das amerikanische Verteidigungsministerium erwäge deshalb einen vorzeitigen Abbruch der Evakuierungsflüge – mit fatalen Folgen für die zivilen Helfern der amerikanischen Streitkräfte.

Bilder, die Erinnerungen an Saigon 1975 wecken

Dabei hatte das Weisse Haus doch alles daran gesetzt, solche Bilder zu verhindern. Als der Beraterstab von Präsident Joe Biden im Frühjahr über die Logistik eines vollständigen Truppen-Abzuges aus Afghanistan diskutierte, der von Biden-Vorgänger Donald Trump eingeleitet worden war, da fiel immer wieder das Stichwort «Saigon 1975». Noch heute stehen die chaotischen Szenen, die sich vor fast 50 Jahren in der ehemaligen Hauptstadt Südvietnams abspielten, symbolisch für das demütigende Ende des Krieges in Südostasien.

Die Fotos von der Menschenkette, die am 29. April 1975 verzweifelt versuchte, auf dem Dach eines Saigoner Wohnblocks («Pittman Apartments») einen CIA-Helikopter zu besteigen, haben sich in die Psyche der Amerikaner eingebrannt — obwohl häufig vergessen geht, dass diese Bilder nicht das Ende der US-Intervention in Vietnam zeigen. Vielmehr hatte Präsident Richard Nixon, unterstützt von seinem Sicherheitsberater Henry Kissinger, bereits im Jahr 1973 sämtliche US-Truppen aus dem damaligen Südvietnam abgezogen.

Biden allerdings hat dies nicht vergessen. Er war damals, in den stürmischen Siebzigerjahren, ein junger Senator. Und er hatte politisch bloss ein Ziel vor Augen: Er wollte die Verschwendung amerikanischer Steuergelder in Südvietnam stoppen. Dass er damit die Verbündeten Amerikas verriet, die den Streitkräften jahrelang beigestanden waren, kümmerte ihn nicht. Amerika habe keine «moralische Verpflichtung», Übersetzer und andere Helfershelfer aus Saigon zu evakuieren, sagte Biden damals.

Später rief er diese Episode in Erinnerung, als er Präsident Barack Obama als Vize diente. So soll Biden im Jahr 2010 gesagt haben, als ein Obama-Berater ihn an die Versprechen erinnerte, die Amerika der afghanischen Zivilgesellschaft gemacht habe: «Scheiss darauf, darüber müssen wir uns keine Gedanken machen.» Amerika habe in Vietnam seine Versprechen gebrochen, «und Nixon und Kissinger kamen ungestraft davon».

Ein Marineinfanterist ist kein bisschen überrascht...

Ob dieser politische Zynismus in der breiten amerikanischen Bevölkerung auf Zustimmung stösst, wird sich wohl erst in Tagen oder Wochen zeigen. Veteranen des westlichen Feldzuges in Afghanistan, der nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 unter US-Präsident George W. Bush begonnen hatte, kommentierten das Scheitern der Afghanistan-Intervention in ersten Stellungnahmen höchst unterschiedlich.

Ein Soldat, der vor elf Jahren in Afghanistan gekämpft hatte, sagte im Gespräch: Der Fall von Kabul habe ihn kein bisschen überrascht. «Die korrupte Elite», die das Land mit Hilfe des Westens regiert habe, sei nicht bereit gewesen, für die Interessen der Zivilbevölkerung zu kämpfen. Auch sagte der Marineinfanterist: «Ich verspüre Mitleid für die Frauen und Kinder», die nun wieder unter der Repression der Taliban leiden müssten.

...während ein Ex-Soldat Parallelen zu Schindlers Liste zieht

Ein anderer Veteran, der ehemalige Army-Soldat Matt Zeller, zog im Gespräch Parallelen zwischen dem Nazi-Regime in Deutschland und der Taliban. Die Visa-Anträge, die nun von verzweifelten afghanischen Helfershelfern der US-Streitkräfte ausgefüllt würden, erinnerten ihn an die Liste von Oskar Schindler, die im Holocaust zur Rettung von gegen 1200 Juden führten, sagte ein hörbar emotionaler Zeller.

Er habe das Weisse Haus monatelang vor einem überstürzten Rückzug gewarnt, sei bei den Beratern von Präsident Biden aber auf taube Ohren gestossen — obwohl Zeller dank seinen langjährigen Bemühungen, den rund 20'000 zivilen afghanischen Helfern der US-Streitkräfte die Einreise nach Amerika zu ermöglichen, in Washington eine bekannte Grösse ist. Und nun stehe die Regierung vor «einem kompletten Desaster», dessen Dimension erst in ein paar Jahren erkennbar sein werde. «Ich bin entsetzt.»

Dann las Zeller mit Tränen in den Augen ein E-Mail vor, das ihm ein Übersetzer aus Afghanistan geschickt hatte. Die Botschaft endet mit den Worten: «Ich bitte nicht um eine Evakuation, weil ich verstehe, dass es keine HOFFNUNG mehr gibt. Will nur den Amerikanern danken, dass sie Afghanistan 20 Jahre lang geholfen haben. VERGESSEN SIE NICHT, DASS WIR SIE WIRKLICH SCHÄTZEN.»

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