Afghanistan-Krise
Dutzende Tote bei einem Terroranschlag am Flughafen Kabul: Wie wird US-Präsident Biden nun reagieren?

Dramatische Szenen beim Flughafen von Kabul: Bei der Explosion von zwei Bomben sind am Donnerstag Dutzende von Menschen getötet worden – darunter auch 13 US-Soldaten. Die amerikanischen Streitkräfte machen Kämpfer des Islamischen Staates für das Blutbad verantwortlich.

Renzo Ruf, Washington
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Der internationale Flughafen von Kabul am Donnerstag.

Der internationale Flughafen von Kabul am Donnerstag.

Wali Sabawoon / AP

Die zunehmend drastischen Warnungen erwiesen sich als begründet. Bei einem Terror-Anschlag beim internationalen Flughafen von Kabul sind am Donnerstag mehrere Dutzend Menschen getötet worden. Unter den Opfern befanden sich nach Angaben des amerikanischen Verteidigungsministeriums auch mindestens 13 US-Soldaten. «Heute ist ein harter Tag für uns», sagte General Kenneth McKenzie im Pentagon.

Amerikanische Soldaten, vornehmlich Marineinfanteristen, hatten in den vergangenen Tagen die zunehmend schwierige Rolle übernommen, die Sicherheitszone des Hamid Karzai International Airport zu bewachen – auch mussten sie, in Zusammenarbeit mit den neuen Machthabern Afghanistans, darüber entscheiden, wer das Flughafengelände betreten durfte.

Die beiden Explosionen ereigneten sich am frühen Abend bei einem der Einfallstore zum Flughafen, dem «Abbey Gate». Ganz in der Nähe befindet sich auch das Baron Hotel, ein Treffpunkt für ausländische Staatsangehörige und Flüchtlinge, die sich auf dem Weg zum Hamid Karzai International Airport befanden.

Westliche Diplomaten hatten Ausländer in den vergangenen Tagen in zunehmend dramatischen Tönen davor gewarnt, sich in der Menschenmenge aufzuhalten, die sich dort jeweils versammelte. Zuletzt warnte der britische Regierungsvertreter James Heappey am Donnerstag vor einer unmittelbar bevorstehenden Terror-Attacke. (In einer ersten Stellungnahme teilte das britische Verteidigungsministerium mit, unter den Opfern befänden sich keine britischen Staatsbürger.)

Ein Verwundeter wird vor dem Flughafen versorgt.

Ein Verwundeter wird vor dem Flughafen versorgt.

Keystone

Bildmaterial, das aufgrund der fast vollständigen Abwesenheit westlicher Journalisten fast ausschliesslich über den Kurznachrichtendienst Twitter verbreitet wurde, zeigten die chaotischen Szenen im Nachgang zu den Explosionen. Verletzte und Tote befanden sich in einem Abwasserkanal, der das Flughafenareal vom Rest der Stadt abgrenzt.

Die italienische Hilfsorganisation Emergency, die in Kabul ein Notfallspital betreibt, sprach auf Twitter von 60 Verletzten, die sich in ärztlicher Behandlung befänden. «Wir haben uns noch selten mit einer solchen Situation konfrontiert gesehen», zitierte die Hilfsorganisation einen Mitarbeiter. Andere Stimmen in Kabul sprachen von bis mindestens 90 toten afghanischen Zivilisten und gegen 160 Verletzten.

General McKenzie machte an der Pentagon-Pressekonferenz Kämpfer des afghanischen Ablegers der Terror-Gruppe Islamischer Staat (englische Abkürzung: ISIS-K) für den Anschlag verantwortlich. Er sprach von zwei Selbstmordanschlägen und davon, dass mehrere Schützen anschliessend in die Menschenmenge geschossen hätten. ISIS-K gilt als Kontrahent der Taliban, den neuen Machthabern Afghanistans.

Letztere waren, gemäss einem Abkommen mit den westlichen Streitkräften, für die Sicherheit im Umfeld des Flughafen-Geländes verantwortlich. Ein Taliban-Sprecher verurteilte die Attacken und kündigte an, dass die Verantwortlichen zur Verantwortung gezogen würden. Auch das amerikanische Verteidigungsministerium kündigte Vergeltung an.

Seit Mitte August 95'700 aus Kabul evakuiert

Unklar ist, wie sich dieser Terror-Anschlag auf den Fahrplan des amerikanischen Truppenabzuges auswirken wird. Gemäss dem Befehl von US-Präsident Joe Biden soll der letzte US-Soldat Afghanistan am kommenden Dienstag verlassen.

Die Evakuierungsflüge aus Kabul wurden derweil fortgesetzt, wenn auch vielleicht in einem weniger hohen Tempo. Von Mittwochmittag bis Donnerstagmittag (Lokalzeit) wurden 13'400 Menschen aus der afghanischen Hauptstadt ausgeflogen, in 91 Flugzeugen. Die Zahl der evakuierten Menschen stieg damit auf 95'700. Das US-Aussenministerium gab am Donnerstag bekannt, dass sich noch höchstens 1000 amerikanische Staatsbürger in Afghanistan aufhielten.

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