Afghanistan-Krise
«Ich bin am Boden zerstört», sagt der Angehörige eines Feuerwehrmannes, der bei Anschlag auf das World Trade Center getötet wurde

Im Andenken an seinen Bruder, der am 11. September 2001 in Manhattan starb, wandert Frank Siller von Washington nach New York. Dass dieser Erinnerungsmarsch mit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan zusammenfällt, macht diese Reise umso emotionaler.

Renzo Ruf, Shanksvile
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Frank Siller, Bruder eines am 11. September 2001 getöteten Feuerwehrmannes, auf seinem Marsch von Washington nach New York.

Frank Siller, Bruder eines am 11. September 2001 getöteten Feuerwehrmannes, auf seinem Marsch von Washington nach New York.

ZVG

Natürlich wusste Frank Siller, dass seine ausserordentliche Reise emotional werden würde. Schliesslich wandert der 68-jährige New Yorker auf den Spuren seines Bruders, eines der 3000 Opfer der Terroranschläge vom 11. September 2001 – auf einer Route, die ihn vom Pentagon bei Washington über das Dorf Shanksville in Pennsylvania bis an die Südspitze von Manhattan führt, wo einst das World Trade Center stand.

An diesen drei Orten stürzten vor fast 20 Jahren die vier Flugzeuge ab, die Al-Kaida-Terroristen entführt hatten.

An diesem frühen Sommermorgen, vor der Kaserne der freiwilligen Feuerwehr von Shanksville stehend, sucht er dennoch nach Worten, um die Emotionen zu beschreiben, die seit der Machtübernahme der Taliban in Afghanistan durch seinen Kopf gegangen seien.

«Ich bin am Boden zerstört», sagt er dann. Und «wütend» über das Versagen der Regierung in Washington. Ausgerechnet kurz vor dem Jahrestag der 9/11-Terrorattacken habe es Amerika, «das grossartigste Land der Welt», nicht geschafft, sämtliche Mitbürger heil aus Kabul zu evakuieren.

Siller ist aber auch ein positiver Mensch, vielleicht muss man das sein, wenn man zu Fuss mehr als 950 Kilometer zurücklegt, um sicherzustellen, dass seine Mitmenschen einen der furchtbarsten Tage in der Geschichte Amerikas nicht vergessen.

Also sagt er: Das schöne an Amerika sei es, dass das Land in einer Krise die Parteipolitik vergesse und zusammenstehe. Ähnlich wie nach dem 11. September, als wildfremde Menschen sich um das Wohlergehen seiner trauernden Familie erkundigt hätten, rauften sich nun Demokraten und Republikaner zusammen.

«Ganz Amerika ist empört» und bete für das Wohlergehen derjenigen Staatsbürger, die sich noch in Kabul befänden. Auch setzte man sich gemeinsam dafür ein, dass möglichst viele afghanische Ortskräfte ausfliegen könnten.

«Denn wir wissen, was mit den Menschen geschehen wird, die unseren Streitkräften geholfen haben: Die Taliban werden sie abschlachten.» Wer das Gegenteil behaupte, sagt Siller, sei naiv.

Und naiv ist Siller, der in einem konservativen Milieu aufgewachsen ist und sich gerne mit Polizisten und Feuerwehrleuten umgibt, nicht. Aus eigener Erfahrung, erzählt er, wisse er, wie gefährlich die Taliban sind. Und welches Leid sie auch weit entfernt von Amerika anrichten könnten – führt doch eine gerade Linie von der letzten Machtübernahme der afghanischen Kämpfer zu den Anschlägen an 9/11.

Beim Versuch gestorben, Menschen zu retten

Siller setzt alles daran, dass die Amerikaner diesen Tag «nie vergessen», so wie es im Nachgang zum 11. September allenthalben gesagt wurden. Er ist Geschäftsführer einer Stiftung, die es sich zum Ziel gesetzt hat, den Hinterbliebenen der Terroropfer zu helfen und sich für verletzte Polizisten, Feuerwehrleute oder Soldaten stark zu machen. So stellt die Stiftung Gratis-Häuser verwundeten Rettungskräften Gratis-Häuser zur Verfügung.

Ein Porträt von Stephen Siller.

Ein Porträt von Stephen Siller.

ZVG

Das Vehikel, auf das Siller dabei setzt, ist sein verstorbener Bruder Stephen, ein New Yorker Feuerwehrmann. Am 11. September, so erzählt er während einer kurzen Zeremonie bei der Feuerwehrkaserne von Shanksville, habe der damals 34-Jährige eigentlich frei gehabt.

Als er aber erfuhr, dass das World Trade Center in Flammen stand, habe er sich auf den Weg nach Manhattan gemacht. Der Brooklyn-Battery Tunnel, die schnellste Strassen-Verbindung, war zu diesem Zeitpunkt aber bereits gesperrt. Kurzerhand stellte Siller sein Fahrzeug ab, schnappte sich seine Ausrüstung, die fast 30 Kilogramm schwer war, und rannte durch den Tunnel.

Frank Siller unterhält sich mit einem verletzten Ex-Soldaten.

Frank Siller unterhält sich mit einem verletzten Ex-Soldaten.

ZVG

Es gibt Augenzeugen, die den fünffachen Familienvater an diesem Morgen in der Nähe von Ground Zero gesehen haben wollen. Aber eigentlich weiss niemand so recht, wie er ums Leben kam. Bekannt ist nur: Stephen Siller starb beim Versuch, Menschen zu retten, zusammen mit mehr als 340 Feuerwehrleuten und 70 Polizisten.

Läuft alles nach Plan, wird Frank Siller am kommenden 11. September ebenfalls durch den Brooklyn-Battery Tunnel gehen. Bis dann muss er aber noch einige Hundert Kilometer zurücklegen.

Er sagt, dies falle ihm nicht schwer, treffe er doch auf seinem Weg jeden Tag Menschen, die sich mit ihm unterhalten wollten. «Und dank diesen Gesprächen», mit verletzten Ex-Soldaten oder langjährigen Feuerwehrleuten, fühle er sich auf dem Weg nach Manhattan getragen.

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