Afghanistan-Krise
Präsident Biden: Zum Ende der Luftbrücke aus Kabul steigt die Terrorgefahr

Knapp 10'000 Menschen sind am Wochenende aus Kabul ausgeflogen worden, deutlich weniger als in den Tagen zuvor. Die anhaltend grosse Gefahr von Terroranschlägen erschwert den Rückzug der amerikanischen Streitkräfte aus Afghanistan.

Renzo Ruf, Washington
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Präsident Joe Biden und seine Gattin Jill Biden (ganz rechts) sprachen am Sonntag auf einem Luftwaffenstützpunkt in Delaware mit Angehörigen der 13 am vorigen Donnerstag getöteten US-Soldaten.

Präsident Joe Biden und seine Gattin Jill Biden (ganz rechts) sprachen am Sonntag auf einem Luftwaffenstützpunkt in Delaware mit Angehörigen der 13 am vorigen Donnerstag getöteten US-Soldaten.

Manuel Balce Ceneta / AP

In eindringlichen Worten hat der amerikanische Präsident am Wochenende erneut vor einem kurz bevorstehenden Terroranschlag in Kabul gewarnt. In einer schriftlichen Mitteilung sagte Joe Biden in Washington, es sei «sehr wahrscheinlich», dass es bis zum Abschluss der Luftbrücke am Dienstag zu einer weiteren Attacke kommen werde. Priorität habe deshalb nun der Schutz der US-Soldatinnen und Soldaten, die sich noch am Hamid Karzai International Airport befänden – deren Zahl am Samstag auf weniger als 4'000 geschätzt wurde.

Angeblich führten die amerikanischen Streitkräfte am Sonntag einen Präventivschlag in Kabul aus, bestätigte das Pentagon am Sonntag. Augenzeugen berichteten über einem Raketeneinschlag in einem Wohnquartier in der Nähe des Flughafens. Ziel der Drohnenattacke soll ein Auto gewesen sein, das mit Sprengstoff vollgepackt gewesen sei. Der Fahrer des Autos, angeblich ein Gefolgsmann des afghanischen Ablegers des Islamischen Staates («Islamischer Staat – Khorassan» oder IS-K) habe einen Selbstmordanschlag geplant.

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Aufgrund der anhaltend hohen Terrorgefahr wurden am Wochenende deutlich weniger Menschen aus der afghanischen Hauptstadt evakuiert. Am Samstag nannte das Weisse Haus die Zahl von 6800 Evakuierten. Und am Sonntag waren es 2900 Menschen, die in 41 Flugzeugen der amerikanischen Streitkräfte und ihrer zivilen und militärischen Verbündeten Kabul verlassen konnten. Insgesamt seien damit in den vergangenen zwei Wochen mehr als 114'000 Menschen aus Kabul ausgeflogen worden, gab das Weisse Haus bekannt. Von anfänglich rund 5500 US-Staatsbürgern sollen sich höchstens noch 300 Menschen mit einem amerikanischen Pass in Afghanistan aufhalten, sagte Jake Sullivan, der Nationale Sicherheitsberater Bidens, am Sonntag dem Fernsehsender Fox.

In einem Fernsehinterview mit dem Sender «ABC» versicherte der amerikanische Aussenminister Antony Blinken, dass die Evakuierungen auch nach dem vollständigen Abzug der US-Streitkräfte am Dienstag weitergehen würden. Amerika werde sich bemühen, alle Ausreisewilligen aus dem Land zu bringen, und dabei auch auf die Hilfe der neuen Machthaber in Afghanistan zurückgreifen. Diese bedeute nicht, sagte Blinken, dass er den Taliban vertraue. Hochrangige Vertreter der Taliban hätten aber ein Bekenntnis zur Reisefreiheit abgelegt, das auch nach dem 31. August noch Gültigkeit haben soll, sagte der Aussenminister.

Die Zeitung «Washington Post» meldete am Wochenende, dass die USA am Dienstag ihre Botschaft in Afghanistan schliessen wolle, die sich aktuell am Flughafen befindet. Die Regierung Biden hat bisher nicht bekannt gegeben, ob die USA die neuen Machthaber Afghanistan als legitime Regierung des Landes anerkennen und diplomatische Beziehungen mit den Taliban aufnehmen will.

Präsident Biden reiste derweil am Sonntag nach Dover, in seinem Heimatstaat Delaware. Auf einem Stützpunkt der Luftwaffe erwies den 13 am vorigen Donnerstag in Kabul getöteten Soldatinnen und Soldaten die letzte Ehre; auch sprachen der Präsident und seine Gattin mit Familienangehörigen. Das Pentagon hatte am Samstag die Namen der Amerikaner publik gemacht, die bei einem Bombenanschlag beim Flughafen ums Leben gekommen waren.

Bei dieser Selbstmordattacke, geplant und ausgeführt von IS-K, starben auch gegen 170 afghanische Zivilisten. Das amerikanische Militär führte am Freitag, auf Befehl von Präsident Biden, eine Drohnenattacke in einer Provinz an der Grenze zu Pakistan durch. Dabei wurde angeblich ein Drahtzieher des IS-K getötet, der sich auf den Bau von Bomben spezialisiert habe. Vier weitere Menschen sollen beim Einschlag der Rakete des Typus R9X verletzt worden sein.

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