Afghanistan
Mit seiner Rede an die Nation macht Joe Biden alles noch schlimmer: Amerikaner verlieren das Vertrauen in den Präsidenten

Erstmals seit Amtsantritt steht Präsident Joe Biden mit dem Rücken zur Wand. Seine innenpolitischen Vorstellungen stossen auf zunehmende Kritik. Und nun steht er auch aussenpolitisch im Regen. Seine Entscheidung, sämtliche US-Truppen aus Afghanistan abzuziehen, wird nur noch von 49 Prozent der Amerikaner unterstützt.

Renzo Ruf, Washington
Drucken
Teilen
Nach dem chaotischen Abzug der US-Streitkräfte haben die Taliban in Afghanistan wieder die Macht übernommen.

Nach dem chaotischen Abzug der US-Streitkräfte haben die Taliban in Afghanistan wieder die Macht übernommen.

Stringer / EPA

19 Minuten benötigte Joe Biden am Montag, um hinter einem Rednerpult im East Room des Weissen Hauses zwei Botschaften zu kommunizieren. Erstens: In einem Krieg, der vor fast 20 Jahren begonnen hat, gibt es nie einen guten Zeitpunkt, um die Reissleine zu ziehen. Zweitens: Mag sein, dass die Szenen, die sich am Kabuler Flughafen abspielen, «herzzerreissend» sind, aber leider hätten die staatlichen Institutionen in Afghanistan die Chance verpasst, die ihnen die Amerikaner geboten hätten.

"Ich stehe vollkommen hinter meiner Entscheidung": Joe Biden verteidigt US-Truppenabzug aus Afghanistan.

CH Media Video Unit

Auffallend an dieser Botschaft war nicht nur der geradezu trotzige Tonfall, in dem Biden seine Rede hielt – als wolle er betonen, dass die Kritiker, die in Washington in den vergangenen Tagen seinen Führungsstil ins Visier genommen hatten, ihm nichts anhaben könnten.

Auffallend war auch, dass der amerikanische Präsident die internationale Gemeinschaft in seiner Rede fast vollständig ignorierte. Dabei hatte Biden sich doch nach Amtsantritt im Januar als neue Führungsfigur der westlich geprägten Demokratien positioniert.

Diese Auslassungen hatten, natürlich, Programm. Biden und seine Berater sind der Meinung, dass seine Politik bei den Wählerinnen und Wähler auf Anklang stossen werde – auch weil sich «Joe Sixpack», der archetypische Familienvater mit Wohnsitz in Pennsylvania oder Michigan, nicht um die Feinheiten der afghanischen Innenpolitik kümmert. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende! Dieser Aussprach mag sich zwar nicht als Wahlslogan eignen, er fasst die amerikanische Gemütslage in Sachen Afghanistan aber recht gut zusammen.

Doch nun, angesichts der dramatischen Szenen in der afghanischen Hauptstadt und den Berichten über mögliche Taliban-Vergeltungsaktionen, droht die Stimmung zu kippen: Amerika liebt es nicht, auf der Weltbühne gedemütigt zu werden. Diese Schlussfolgerung jedenfalls lässt sich aus einer aktuellen Meinungsumfrage ziehen.

Demnach ist die Zustimmung für Bidens Entscheidung, sämtliche US-Streitkräfte aus Afghanistan abzuziehen, stark gesunken, von 69 Prozent (April) auf 49 Prozent (August). Und nur eine Minderheit demokratischer oder parteiunabhängiger Wähler findet, dass der Truppen-Abzug gut eingefädelt worden sei, wie das (gemeinhin zuverlässige) Meinungsforschungsinstitut Morning Consult am Montag sagte.

Nun sind solche Instant-Umfragen mit Vorsicht zu geniessen. Der amerikanische Wähler ist berüchtigt für sein Aufmerksamkeitsdefizit. Sollte der Trend aber anhalten, dann wäre dies für Biden eine politische Katastrophe. Denn sein Wahlerfolg im November 2020 verdankte der Demokrat auch der Tatsache, dass er in den Augen der Wähler eine klassische Aussenpolitik verfolgte – die sich wohlwollend von der Politik Donald Trumps abhob.

Hinzu kommt, dass Bidens politische Flitterwochen auch in innenpolitischen Fragen langsam, aber sicher ans Ende kommen. So tut sich der Präsident schwer damit, sein ambitioniertes Reformprogramm einer skeptischen Öffentlichkeit gut zu verkaufen. Auch sorgt die nächste Corona-Welle in einigen Landesteilen für grosse Verunsicherung. Gemäss dem Internet-Dienst FiveThiryEight, das Meinungsumfragen sammelt und gewichtet, ist die Zustimmungsrate für Präsident Biden in den vergangenen Tagen erstmals unter die 50-Prozent-Marke gefallen.

Auch Trump eiert herum

Hilfreich für Biden ist wohl einzig, dass sich sein früherer und vielleicht zukünftiger Gegner Donald Trump aktuell in der Afghanistan-Politik ebenfalls schwer tut. So kritisierte der Republikaner den aktuellen Amtsinhaber in den vergangenen Tagen heftig für den Truppenabzug – obwohl dieser doch auf einem Friedensabkommen beruhte, das die Regierung Trump mit den Taliban abgeschlossen hatte. (So verhandelte US-Aussenminister Mike Pompeo im November 2020 direkt mit den Taliban.) Noch im Juni sagte Trump dazu, während eines Wahlkampfauftrittes: «Alle Truppen kommen zurück nach Hause. Sie konnten den Prozess nicht stoppen. 21 Jahre (sic!) sind genug.»

Auch forderte der Ex-Präsident am Montag die umgehende Aufnahme von Flüchtlingen aus Afghanistan, zum Entsetzen fremdenfeindlicher Sympathisanten. So sagte der «Fox News Channel»-Moderator Tucker Carlson: Ein Blick in die Geschichtsbücher zeige, dass der Westen in den nächsten Jahren Millionen von Menschen aus Afghanistan aufnehmen werde. «Also: Zuerst marschieren wir ein, und dann werden wir überfallen.»

Aktuelle Nachrichten