Inferno Notre-Dame
«Als würde unser Herz brennen»: Ausgebrannt, entstellt, aber gerettet – die Reportage aus Paris

In der Nacht versammelten sich die Einwohner von Paris bei der Notre-Dame-Kathedrale, um für ihr Überleben zu singen und zu beten. Und dann, als der Brand unter Kontrolle war, für ihre Wiederauferstehung.

Stefan Brändle aus Paris
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Sirenen überall, Blaulicht, Trillerpfeifen eines gestikulierenden Verkehrspolizisten, der nicht mal Zeit hatte, sich seines Helms zu entledigen. Am Quai de Montebello rasen Polizei- und Feuerwehrwagen vorbei, während die Menge immer dichter wird. Alle schauen wie gebannt auf die Kathedrale, die auf der Stadtinsel wie ein verletztes Tier daliegt, leidet und kämpft. Zwei Worte hört man immer wieder: Es sei «schrecklich», es sei «traurig». Und in den vielen Sprachen der Touristen das Wort «Katastrophe».

Inmitten der Erschütterung und Hektik – ein Hort des Friedens auf dem kleinen Place Jacques Duhamel. Im Schein der Strassenlaternen schauen Menschen, einige mit Tränen in den Augen, um Fassung ringend und doch völlig fassungslos, auf das schwarze Kirchenschiff, aus dem die Flammen lodern. Gespenstisch fast die schwarzen Silhouette der einst so wunderschönen Rosette am südlichen Querschiff, unweit des Ortes, wo gegen 20 Uhr die Turmspitze eingestürzt war.

Erfahren Sie hier das Wichtigste zu Notre-Dame und welche Schätze die Kirche beherbergt – und welche gerettet werden konnten:

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 Die der Gottesmutter Maria geweihte Kirche wurde in den Jahren 1163 bis 1345 errichtet, hier zu sehen auf einer Zeichnung von 1854. Der beim Brand am 15. April 2019 eingestürzte Dachstock ist also gut 800 Jahre alt gewesen.
 Die römisch-katholische Kirche Notre-Dame de Paris ist eine der frühesten gotischen Kirchengebäude Frankreichs. Ihre imposante Grösse – 69 Meter hoch sind die beiden Haupttürme, 93 Meter war der beim Grossbrand eingestürzte hölzerne Vierungsturm – macht sie neben dem Eiffelturm zum markanten Wahrzeichen von Paris. Die Geschichte des Bauwerks ist unfassbar reichhaltig: Im Rahmen der Französischen Revolution etwa wurde Notre-Dame 1793 gestürmt und zeitweise zum Weindepot umgenutzt. Victor Hugos 1831 erschienener Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» fand Eingang in die Weltliteratur.
 Wer schon einmal in Notre-Dame war, wird unweigerlich hineingezogen in den Sog der faszinierenden gotischen Architektur. Wie konnte man vor rund 900 Jahren nur so etwas bauen? Rippengewölbe, Spitzbogen und Strebepfeiler machen es möglich: Durch diese auch bereits im frühen Mittelalter technisch gut entwickelte Baukunst waren bereits im 12. Jahrhundert Bauten dieses Ausmasses möglich. Nicht zu vergessen sei allerdings, dass nicht alles bis heute überlebte, viele gotische Bauten stürzten auch mangels korrekter statischer Berechnungen ein. Das Strebewerk von Notre-Dame aus den Jahren 1180/1200 gilt als eine für die Geschichte der gotischen Architektur entscheidende Erfindung: Die Streben sind offen zu sehen und leiten die Last so seitlich in den Grund. Die Kathedrale zu Notre-Dame hat im Laufe ihrer Lebzeit zwar renoviert und modernisiert werden müssen, doch erst der Grossbrand vom 15. April zerstörte einen Teil der Konstruktionen.
 Die grosse Orgel aus dem 13. Jahrhundert gehört zu den kostbarsten der Welt. Sie besteht aus knapp 8000 Pfeifen. Die bedeutende Orgel wurde durch das Feuer nicht beschädigt.
 Die Rosette an der Südfassade ist mit ihren 12 Metern Durchmessern eine der grössten Europas. Die bunten Fenster stammen aus dem 13. Jahrhundert, wurden jedoch zwischenzeitlich immer wieder ausgetauscht, etwa, weil sie im 18. Jahrhundert zu dunkel schienen, setzte man weisse Fenster ein. Ob der Brand vom Montagabend die Fenster beschädigte, ist noch nicht geklärt.
 Vor dem Brand, vor einigen Tagen, wurden 16 Kupferstatuen vom Dach der Kathedrale abgenommen, um sie in Südfrankreich restaurieren zu lassen. Was für ein Glück! Insgesamt gibt es im Innenraum der Kathedrale 37 Darstellungen der Jungfrau Maria, hinzu kommen moderne Statuen. Sie sollen den Brand am Montagabend überstanden haben.
 Die berühmten Wasserspeier an der Aussenseite der Kathedrale sind besonders seit Victor Hugos Roman «Der Glöckner von Notre-Dame» bekannt. Die Originale wurden im 18. Jahrhundert entfernt, da sie witterungsbedingt zu bröckeln begannen und auf die Strasse fielen. Die Figuren gehen auf die romanische Kunst zurück und sollen vor bösem Zauber schützen.
 Die Feuerwehrleute mussten sich am Montagabend grosse Sorgen machen, dass das Feuer die Glockentürme erreichen würde und damit auch die Stabilität der Glocken-Konstruktionen gefährden: Alleine die grösste der Glocken, «Emmanuel», wiegt 23 Tonnen. So weit kam es glücklicherweise nicht.
Reliquie in Notre-Dame: die Dornenkrone Jesu. Die Schatzkammer von Notre-Dame beherbergt zahlreiche Reliquien, darunter die Dornenkrone, die Jesus am Tag seiner Kreuzigung getragen haben soll. Das macht sie zu einer der wichtigsten christlichen Reliquien überhaupt. Sie wurde während des Brandes gerettet und befindet sich jetzt im Pariser Rathaus.
 Jährlich besuchen rund 13 Millionen Menschen die Kathedrale Notre-Dame in Paris.

Zur Verfügung gestellt

Unter den Bäumen des kleinen Platzes singen anonyme Menschen. Sie singen ohne Unterlass ein Kirchenlied nach dem anderen, unterbrochen nur von Gebeten. «In der Angst, der Gefahr und dem Zweifel, wenn die Nacht der Verzweiflung dich bedeckt», rezitieren sie. «Wenn dein Herz im Abgrund verloren ist, davongetragen von den Strömen der Traurigkeit – dann folge dem Stern, ruf Maria an.»

Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
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Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame am Morgen danach aus.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame aus.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame aus.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame aus.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame aus.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame aus.
Nach dem Brand: So sieht es im Innern von Notre-Dame aus.
Ein Drohnenfoto der Polizei zeigt den Schaden am Dach.
Das Inferno Notre-Dame.
Das Inferno Notre-Dame brach am späten Montagnachmittag aus.
Frankreichs Präsident Macron besucht mit seiner Frau die Notre-Dame.
Macron verspricht, Notre Dame wieder aufzubauen.
Löscharbeiten im Innern von Notre Dame.
Präsident Macron besucht mit seiner Frau Notre-Dame.
Das Inferno in der Kathedrale Notre-Dame.
Das Inferno in der Kathedrale Notre-Dame.
Die Pariser sind geschockt.
Macron verspricht den Wiederaufbau.
Präsident Macron besucht mit seiner Frau Notre-Dame.
Ein Turm stürzt ein, er wurde gerade renoviert.
Inferno im Wahrzeichen von Paris.
Rund 500 Feuerwehrleute waren aufgeboten.
Rund 500 Feuerwehrleute waren aufgeboten.
Das Inferno in der Kathedrale Notre-Dame.
Rund 500 Feuerwehrleute waren aufgeboten.
Das Inferno in der Kathedrale Notre-Dame.
Die Löscharbeiten während des Brandes am Montagabend.
Die Löscharbeiten während des Brandes am Montagabend.
Die Löscharbeiten während des Brandes am Montagabend.
Die Löscharbeiten während des Brandes am Montagabend.
Die Löscharbeiten während des Brandes am Montagabend.
Das Denkmal brennt am Montagabend lichterloh.
Die Rauchsäule ist von weitem zu sehen.
Die Löscharbeiten während des Brandes am Montagabend.
Die Rauchsäule ist von weitem zu sehen.
Die Rauchsäule ist von weitem zu sehen.
Die Polizei warnt die Leute in Paris, den Schauplatz zu meiden und den Weg für Fahrzeuge frei zu halten.
Die Polizei warnt die Leute in Paris, den Schauplatz zu meiden und den Weg für Fahrzeuge frei zu halten.
Die Polizei warnt die Leute in Paris, den Schauplatz zu meiden und den Weg für Fahrzeuge frei zu halten.
Die Rauchsäule ist von weitem zu sehen.
Das Denkmal brennt lichterloh.
Die Rauchsäule ist von weitem zu sehen.
Notre-Dame steht in Flammen
Notre-Dame steht in Flammen
Notre-Dame steht in Flammen.
Notre-Dame steht in Flammen.
Notre-Dame steht in Flammen.
Notre-Dame in Flammen: Die Feuerwehr versucht das Feuer einzudämmen.key
Rauch und Flammen steigen aus der Kathedrale Notre-Dame.
Die Kathedrale Notre-Dame steht in Flammen. Die Feuerwehr konnte nicht verhindern, dass das Feuer sich ausbreitete.fotos: Keystone
Flammenhölle in Notre-Dame am Montagabend.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.
Weitere Bilder vom Feuer in der Notre-Dame-Kathedrale und dem Ausmass der Zerstörung.

Die Pariser Kathedrale Notre Dame am Morgen nach dem verheerenden Brand.

Christophe Ena

Maria, die Mutter Jesu, oder die Jungfrau, jedenfalls Unsere Dame. Notre-Dame von Paris, die Kathedrale der Lichterstadt, ihr wichtigstes, symbolreichstes Wahrzeichen. «Es ginge noch, wenn Sacré-Coeur einstürzt, oder sogar der Eiffelturm. Aber doch nicht Notre-Dame!», meint Odile, eine junge Pariserin, die einst hier im Quartier Latin wohnte und oft die Messe in Notre-Dame besuchte. «Hier, auf dem Vorplatz der Kirche beginnt der Pilgerweg nach Compostela. Und hier kommt die ganze Geschichte Frankreichs zusammen!»

Odiles Mutter nickt, ohne ein Wort zu sagen – sie summt nur leise vor sich hin. Andere Umstehende greifen das Thema auf, froh, irgendetwas sagen zu können. «Ja, in Notre-Dame wurde schon Jeanne d'Arc rehabilitiert», meint ein älterer Mann. «Hier krönte sich Napoleon zum Kaiser, hier feierte de Gaulle die Befreiung von Paris von der Nazi-Besatzung.» Ein Schauer laufe ihm über den Rücken, wenn er daran denke, wie die mächtige Orgel von Notre-Dame an jenem Augusttag des Jahrs 1944 ein Magnificat angestimmt und dann die Marseillaise geschmettert habe.

«Geschmähtes Paris, gebrochenes Paris, aber befreites Paris», rief de Gaulle damals aus. Jetzt ist die Notre-Dame selber entstellt, ausgebrannt – aber sie überlebt. Zwei Stunden zuvor, als noch niemand wusste, ob das Bauwerk und insbesondere der Nordturm den Flammen standhalten würden, hatte der Laurent Joffrin in der Onlineausgabe der Zeitung Libération geschrieben, nicht nur Notre-Dame brenne; in einem gewissen Sinn brenne ganz Paris. Notre-Dame sei «ein Gutteil der französischen Identität», ein Symbol der französischen Geschichte.

Und nicht nur der flamboyanten. Die «Reine Margot» und die noch blutigere Bartholomäusnacht suchten Notre-Dame heim, dann die Umweihung der Kirche in einen «Tempel der Vernunft» während der Revolution. In Notre-Dame nahm die Nation Abschied von Staatspräsidenten wie de Gaulle, Pompidou oder Mitterrand; hier zelebrierte sie eine Gedenkmesse für die Opfer der schweren Terroranschläge von 2015.

All das ist Notre-Dame für die Pariser, für die Franzosen, ja die Europäer und darüber hinaus. «Es ist ein Gotteshaus, aber eigentlich nicht nur ein religiöses Symbol für uns Katholiken», sinniert Odile. «Zuschauen müssen, wie die Kathedrale brennt, ist ein wenig, als würde unser Herz brennen.» Die junge Pariserin ringt um Worte. «Oder als läge eine gute Freundin im Sterben. Ach was, die Notre-Dame ist doch viel mehr als eine Person!»

Langsam geht es der Schwerverletzten etwas besser, der heftigste Wundbrand scheint gemeistert. Noch züngeln die Flammen aus dem Inneren, doch die Wasserstrahlen lindern die Pein. Auf dem Place Duhamel sind sich alle einig: Der Verlust der Reliquien, der Einsturz der fein ziselierten Turmspitze von Eugèe Viollet-le-Duc, die Zerstörung des historischen Dachstuhls und zweifellos des Kirchenschiffs – all das ist nichts gegen das Symbol, das die Kathedrale für Frankreich und für Paris darstelle.

Jetzt, wo die grösste Gefahr gebannt ist, diskutieren die Herbeigeströmten bereits über die technischen Aspekte des Brandes. Ein Anwohner findet, das Hochfahren der Feuerwehrleitern habe ihm zu lange gedauert. Mit dem Verweis auf ein Experteninterview auf seinem Handy antwortet ein anderer Passant, die französische Feuerwehr versuche offenbar anders als die amerikanische einen Brand eher von innen her zu löschen, wenn keine Einsturzgefahr bestehe.

Schon beginnt die Diskussion über den Wiederaufbau. Die Herbeigeströmten sind sich sicher, dass es eine gewaltige Geldsammlung geben und der Wiederaufbau nur wenige Jahre beanspruchen werde. Es ist Mitternacht, die Hoffnung ist zurück. Langsam leert sich der kleine Platz. In den Gassen dahinter geht das Leben weiter, als wäre nichts geschehen: Das Jungvolk des Quartier Latin sitzt auf den Bistroterrassen, lacht und freut sich des Lebens. Unehrerbietig wirkt das nicht – eher als Bestätigung, dass die Notre-Dame nicht für einen Betriebsunfall im Dachstuhl gemacht ist, sondern für die Ewigkeit.