Anders Behring Breivik
Sie nannten ihn den «Meccano-Jungen»

Die Journalistin und Autorin Asne Seierstad schrieb 2014 ein Buch über Opfer und Täter der Mordserie vom 22. Juli 2011. In der Gerichtsverhandlung gab der Täter vor, er betrachte sich als «Repräsentant des norwegischen Volkes», als Vertreter jener, welche «ihre Rechte als Ureinwohner dieses Landes nicht verlieren wollten». Seine psychische Entwicklung konnte man gleichzeitig nicht anders als «hochgradig gestört» bezeichnen.

Christoph Bopp
Drucken
Teilen
Massenmörder Anders Behring Breivik vor Gericht in Skien (15. März 2016).

Massenmörder Anders Behring Breivik vor Gericht in Skien (15. März 2016).

Lise Aserud/Keystone
Asne Seierstad.

Asne Seierstad.

Keinundaber/Kagge Sturlason

«Anders B verdrehte die Wahrheit, bis sie ihm passte.» Das hört sich trivial an. Breivik ist halt ein Lügner. Aber der Satz ist die Zusammenfassung seiner Methode, wie er seine kruden Texte zusammenstoppelte. Er bediente sich überall – ohne eine Quelle anzugeben oder den Textkontext zu berücksichtigen. Die Autorin Asne Seierstad nennt es «das Markenzeichen seiner Schriften». 2014 hat sie «Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders» veröffentlicht.

Von Heinrich von Kleist gibt es den berühmten Essay «Über die allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden». Wenn Kleist damit andeuten will, wie die Sprache im Vollzug den Gedanken «macht», zeigt die Art und Weise, wie der Massenmörder Breivik Texte verfertigt, wie es mit seiner Persönlichkeit beschaffen ist.

Wer war dieser Anders Behring Breivik? Um diese Frage kommt man nicht herum, wenn man an die Geschehnisse von 2011 denkt. Wikipedia nennt ihn einen «rechtsterroristischen und islamfeindlichen norwegischen Massenmörder», und das ist sicher nicht falsch. Aber da ist schon sehr viel Hintergrund dabei, welcher der Interpretation bedarf.

Die allmähliche Verfertigung der Realität beim Leben

Dass sich Menschen mit lebhafter Fantasie im Lauf ihres Lebens «neu erfinden», ist nicht neu. Die Grenze zur schriftstellerischen Einbildungskraft – wie das Beispiel Karl May zeigt –, kann schnell überschritten werden. Das imaginierte Ich bewegt und bewährt sich dann in einer fiktiven Realität – und damit hat es sich meistens.

Bei Breivik liegt der Fall anders. Er will zwar Texte schreiben und publizieren, aber sie sollen gerade nicht als fiktionale Produkte daherkommen. Kein Ich ohne den Drang zur Realität.

Weit über Norwegen hinaus hat dann die Frage verstört, die das Gericht beantworten musste: Ist ein solcher Mensch zurechnungsfähig? Das liegt auch daran, dass man dabei die Tat selbst irgendwie ausklammern muss. Die Texte als Texte sind nichts anderes als Wahnsinn, der Templerorden, als dessen Kommandant sich Breivik sah, ein Produkt des Wahns. Aber die einzelnen Puzzleteile der Texte, die gibt es eben sonst auch. Sachverständige analysierten sie und nannten die Quellen. Es gibt «da draussen» jede Menge Leute, «die so oder ähnlich denken».

Lediglich ein Verrückter oder ein politisch motivierter Terrorist?

Eigentlich sollte der Gang des Gedankens ja den anderen Weg nehmen: Wer solche Taten verübt, sollte nicht darauf zählen dürfen, dass man seinen Hintergrund ernst nimmt. Aber es geht ja eben nicht um die Rechtfertigung der Tat. Sondern um den Hintergrund der Täterpersönlichkeit.

Und die Gefühle damals waren einigermassen paradox. Wer Breivik für einen rechtsnationalistischen Terroristen hielt, verabscheute den Hintergrund, aber war eher geneigt, ihm eine gewisse Rationalität – und deshalb Zurechnungsfähigkeit – beizulegen. Und auf der anderen Seite hielt man ihn desto eher für verrückt, je eher man mit seinen Gedanken sym­pathisierte oder übereinstimmte.

Diese Biografie nachzuempfinden, tut körperlich weh. Es geht weit über kindliche Frustrationserfahrungen hin­aus. Die gab es auch – genügend. Aber Breivik erfuhr Abweisungen auch von rechtsnationalen politischen Gruppierungen und Exponenten im Internet. Niemand nahm ihn ernst. «Ich bin nie im Leben von jemandem abgewiesen worden.» Das sagte er während des Prozesses. Abgestumpftheit oder Narzissmus? Oder beides?

Asne Seierstad: Einer von uns. Die Geschichte eines Massenmörders. Verlag Kein&Aber Zürich 2016. (Erstmals 2014)

Aktuelle Nachrichten