Libyen
Bab al Azizia: Gaddafis Palast unter der Erde

In den letzten Tagen kämpften die Rebellen vor allem vor den Toren von Bab al Azizia. Es ist dies Gaddafis Schaltzentrale, von der aus er jahrzehntelang die Fäden in der Hand hielt. Niemand weiss genau, was hinter den dicken Mauern passiert.

Daniel Meyer
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Gaddafis Gebäudekomplex Bab al-Aziziya

Gaddafis Gebäudekomplex Bab al-Aziziya

wikipedia

«Kaserne» oder «Festung» beschreiben das Gelände, das sich am Rande von Tripolis auf einer Fläche von 6 km erstreckt, nur ungenügend. Das «prächtige Tor» - so der deutsche Name von «Bab al Azizia» - ist vielmehr die Schaltzentrale mit immenser Symbolkraft, von der aus es einem Dutzend Menschen Jahrzehntelang möglich war, ein Land zu steuern, ein Volk zu unterdrücken.

In dem Komplex sind nicht nur Kommandozentrale und Büros, sondern auch die Privaträume des Clans wie modernste Operationssäle, ein Fitnessraum sowie ein Schwimmbecken und Gaddafis Beduinenzelt, in dem er Staatsgäste zu empfangen pflegt, untergebracht. Sogar zwei Kamele sollen sich auf dem Gelände befinden, um dem Revolutionsführer Milch zu spenden. Kurzum: Es ist alles da, damit Gaddafi sich wohl fühlt - was auch der Grund sein könnte, dass er sich selbst in Zeiten, in denen er unantastbar schien, in der Anlage verschanzte und lediglich via Fernsehinterviews kommunizierte.

Wie eine gepflegte Parkanlage

Betrachtet man die Anlage von oben, blickt man scheinbar auf eine gepflegte Parkanlage in einer Grossstadt, doch der Schein trügt: Die gesamte Anlage ist verbunkert; so dickwandig, dass sie sogar Schutz vor Atombomben bieten soll. Gemäss «SonntagsBlick» halfen schweizer Experten beim Bau des Bunkers mit, es sollen dreieinhalb Meter dicke Bunkerwände errichtet worden sein, wird ein Bunkerexperte zitiert. Auch könne Gaddafi rund sechs Monate abgeschlossen von der Aussenwelt im Bunker überleben, wie der frühere libysche Aussenministers Moussa Koussa dem Radio «Freies Libyen» erzählte.

Ebenfalls ist die Lage ist nicht zufällig gewählt: So liegt das Gelände dicht an der Schnellstraße, die zum Flughafen von Tripolis führt, wo Flugzeuge der libyschen Luftwaffe rund um die Uhr bereitstehen.

Bab al Azizia wurde immer wieder Ziel von Angriffen. Hier ein Überblick über die Angriffe in deisem Jahr:

- Am 20. März wurde ein Gebäude, fünfzig Meter von al-Gaddafis Zelt entfernt, im Zuge des internationalen Militäreinsatzes in Libyen von einer Rakete getroffen und zerstört. Es soll sich dabei um das militärische Kommando- und Kontrollzentrum gehandelt haben.
- Am 24. und 25. April trafen mehrere Raketen der NATO ebenfalls das Gelände. Dabei wurde ein mehrstöckiges Gebäude, das als Bibliothek und Büro benutzt wurde, zerstört. Auch eine Eingangshalle wurde schwer beschädigt.
- Am 1. Mai wurden Gebäude in Bab al-Aziziya das Ziel eines Luftangriffes. Das Ziel war laut NATO wieder Kommando- und Kontrollgebäude. Laut der libyschen Regierung sollen bei dem Angriff Saif al-Arab al-Gaddafi, der zweitjüngste Sohn und drei Enkelsöhne al-Gaddafis ums Leben gekommen sein. In der Nacht auf Dienstag aber präsentierte sich Saif al-Arab al-Gaddafi der wEltöffentlichkeit - lebendig.
- Am 9. und 10. Mai wurde Bab al-Aziziya abermals von der Nato angegriffen. ¨èber den Erfolg dieser Angriffe ist nichts näheres bekannt.
- In der Umgebung von Bab al-Aziziya waren in der Nacht vom 23. auf den 24. Mai Explosionen gemeldet worden. Die libysche Regierung sprach von drei Toten und 150 Verletzten. Die Nato bestätigte den Angriff, gab als Ziel aber einen Fahrzeugpark an.
- Am 7. Juni erfolgten die bis dahin schwersten Luftangriffe auf das Gelände. Augenzeugen berichteten von 25 Luftangriffen an dem Tag.

Das Areal wird geschützt durch eine doppelte Betonmauer und ebenso durch die «Revolutionsgarde» - eine Eliteeinheit der Arme. Ebenfalls für seinen Schutz nutzt Gaddafi die Einheimischen - meist Frauen und Kinder - rund um die Anlage, indem er sie als menschliche Schutzschilder vor dem Tor aufstellen lässt. Sollte der Westen angreifen, kann es sich dieser nicht leisten, Zivilisten zu töten. Gerüchten zufolge werden Zivilisten für ihre Gegenwart in unmittelbarer Nähe des Tors vom Regime bezahlt.

Die «Operation El Dorado Canyon» auf Bab al Azizia

In der Vergangenheit wurde die Anlage mehrmals Ziel internationaler Angriffe. Doch der wichtigste ereignete sich vor fast genau 25 Jahren: am 15. April 1986. Damals befahl der US-Präsident Reagan als Vergeltung des Angriffes auf die Disco «La Belle» zehn Tage zuvor - bei dem zwei US-Soldaten und eine Türkin ums Leben gekommen waren - die «Operation El Dorado Canyon». Es sollte eine gross angelegte, mit Europa abgesprochene Offensive werden mit dem erklärten Ziel, Gaddafi zu eliminieren. Doch heute weiss man, dass jemand Gaddafi warnte: Bettino Craxi, der damalige italienische Premier.

Als die USA dann mit 18 Flugzeugen Bab al Azizia angriff, wobei neun F-111-Bomber insgesamt 36 lasergesteuerte 910-Kilogramm-Bomben abwarfen, konnte Gaddafi sich zuvor in Sicherheit bringen. Das Gelände wurde zwar stark beschädigt, aber nicht zerstört.

Die Geschichte von Hanna

Gaddafi wäre nicht Gaddafi, wenn er auch aus diesem Angriff nicht auch Kapital schlagen könnte. So berichtete er bereitwillig der medialen Weltöffentlichkeit, dass sein Sohn Khamis - damals zweijährig - am Kopf getroffen worden sei. Ebenfalls berichtete er von seiner angeblicher Adoptivtochter Hanna, einem mal zwölf, mal sechs-jährigen Mädchen, das angeblich bei dem Angriff umgekommen sei. Bis heute aber konnte die Existenz des Mädchens niemand bezeugen, weshalb davon ausgegangen wird, dass zumindest das Mädchen eine Erfindung der Staatspropaganda war. Seit dem amerikanischen Angriff wertet die libysche Regierung sämtliche Angriffe auf Bab al Azizia als Angriff auf das Leben al-Gaddafis.

Nicht nur, dass Gaddafi den Angriff für seine Propaganda ausschlachtete, vielmehr hatte Reagon Gaddafi mit dem Angriff einen Gefallen getan. Denn nun konnte Gaddafi Bab al Azizia als Symbol seiner Unverwundbarkeit und des Wiederstandes gegen eine für ihn willkürlichen und darum zu bekämpfenden Weltmacht Amerika im kollektiven Gedächtnis in der arabischen Welt installieren.

Gaddafi lässt «Zeugnis für den amerikanischen Terrorismus» stehen

Gaddafi liess die scheinbare Ruine stehen, doch erneuerte er sie langsam und von der Öffentlichkeit unbeachtet. Mittlerweile ist Medienberichten zufolge nur noch ein Gebäude stark beschädigt, das denn auch «Haus des Widerstands» heisst und «Zeugnis für den amerikanischen Terrorismus» sein soll.

Damit aber nicht genug: vor dem Eingang liess Gaddafi die mittlerweile berühmte Skulptur aufstellen, die eine Faust zeigt, die ein Kampfflugzeug zerquetscht (im Video zu sehen ab einer Minute). Anlass dafür ist der Abschuss eines der 18 Amerikanischen Flugzeugen über dem Golf von Sidra. Dieser Abschuss reichte für Gaddafi, den 15. April als «Tag des Sieges» auszurufen. In den folgenden Jahren provozierte er den Westen immer wieder, indem er Staatsgäste in unmittelbarer Nähe der Skulptur empfing. Ebenfalls sollen die Monturen der beiden verunglückten amerikanischen Piloten noch heute in Gebäuden auf dem Gelände ausgestellt sein.