Syrienkonflikt
Befreiung vom Joch des IS: Manbidsch feiert die Vertreibung seiner Unterdrücker

Nach der Vertreibung der Terrormiliz IS aus dem nordsyrischen Manbidsch sorgten für einmal schöne Bilder für einen kleinen Hoffnungsschimmer im krieggeplagten Land. Doch trotz des Freudentags: Kapituliert haben die islamistischen Terrormilizen noch lange nicht.

Michael Wrase, Limassol
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Nun kann sie ihr Gesicht ungestraft zeigen: Diese Frau und ihr Kind waren Geiseln von IS-Kämpfern, ehe diese sie auf ihrem Rückzug freiliessen.Reuters

Nun kann sie ihr Gesicht ungestraft zeigen: Diese Frau und ihr Kind waren Geiseln von IS-Kämpfern, ehe diese sie auf ihrem Rückzug freiliessen.Reuters

REUTERS

Es waren – ausnahmsweise – einmal schöne, hoffnungsfrohe Bilder, die in den letzten Tagen aus dem umkämpften Nord-Syrien übermittelt wurden. Sie stammen aus Manbidsch, wo vorgestern die letzten Kämpfer des sogenannten «Islamischen Staates» (IS) vertrieben wurden.

Zwei Jahre mussten die als tolerant und weltoffen geltenden Einwohner der Grossstadt den dschihadistischen Terror ertragen. Wer beim Rauchen erwischt oder ohne Bart und Burka angetroffen wurde, erhielt als «gerechte Strafe» bis zu 100 Peitschenhiebe. Auch Enthauptungen und andere Hinrichtungsarten gehörten in Manbidsch zum Alltag.

Rasuren und Burka-Verbrennungen

Es war daher nicht weiter erstaunlich, dass die Befreiung vom Joch des IS entsprechend gefeiert wurde: Frauen präsentierten sich rauchend und ohne Gesichtsschleier den Fotografen. Diese konnten auch öffentliche Gesichtsrasuren ablichten sowie auf den Auslöser drücken, als ausgelassen tanzende Frauen ihre Burka am Strassenrand verbrannten.

Ob die Vertreibung des IS der «glücklichste Tag ihres Lebens» war, bleibt abzuwarten. Denn kapituliert haben die islamistischen Terrormilizen noch lange nicht.

Es dauerte 74 Tage, bis die von der US-Luftwaffe massiv unterstützten «Syrisch-Demokratischen Streitkräfte» (SDF) den IS aus Manbidsch vertreiben konnten. Wie brutal und rücksichtslos die Terrorgruppe agierte, demonstrierte sie auch während ihres Rückzuges, als 2000 Zivilisten als menschliche Schutzschilde missbraucht wurden.

Letzte Schlacht vor Weltuntergang

Der Verlust von Manbidsch könnte für den IS verheerende Folgen haben. Durch die 25 Kilometer südlich der türkischen Grenze liegende Stadt verlief die wichtigste Nachschubroute für Waffen und Kämpfer.

Militärexperten gehen davon aus, dass die von der kurdischen «Volksverteidigungsmiliz» (YPG) dominierte SDF jetzt nach Westen vorrücken wird, um die IS-Hochburg Al Bab zu befreien.

Nicht nur die «IS-Hauptstadt» Rakka, sondern das gesamte von den Dschihadisten beherrschte Euphrat-Tal wäre dann vom Nachschub aus der Türkei abgeschnitten. Experten bezweifeln, ob das sogenannte «Kalifat» dann noch überlebensfähig wäre.

Irak: Kurden nehmen Mossul ins Visier

Kurdische Kämpfer haben im Nordirak eine Offensive gegen den IS gestartet. Sechs Dörfer im Grossraum der Stadt Mossul seien zurückerobert worden, berichtete ein Kommandant der Peschmerga gestern. Aus der kurdischen Verwaltung verlautete zudem, der Einsatz diene der Vorbereitung einer Offensive auf Mossul selbst. Die Millionenstadt ist neben dem syrischen Rakka die Hauptstadt des sogenannten «Islamischen Staats». (sda)

Kampflos, das ist sicher, wird sich der IS in Syrien jedenfalls nicht geschlagen geben. In den von der Terrormiliz verbreiteten Endzeit-Visionen spielt eine Ortschaft mit dem Namen Dabiq eine herausragende Rolle.

Laut islamischen Überlieferungen, auf die sich die krude Mythologie der Dschihadisten stützt, wird dort «die letzte Schlacht vor dem Weltuntergang» stattfinden. Ist diese geschlagen, soll Jesus vom Himmel herabsteigen, den Teufel besiegen und dem Islam zum finalen Sieg verhelfen.

Den Siegern (also dem IS) werde das jüngste Gericht erspart bleiben. Auf ihrem Siegeszug, so die Überlieferungen weiter, würde die «Streitmacht des Islam» Konstantinopel erobern und zur neuen Hauptstadt des «Kalifats» proklamieren.

Symbolträchtige Ortschaften für IS

Dabiq gibt es tatsächlich. Das Dorf liegt etwa 20 Kilometer nordöstlich von Aleppo und damit in Reichweite der SDF. Der amerikanische Entwicklungshelfer Peter Kassig wurde dort vor knapp zwei Jahren enthauptet. «Hier begraben wir die Kreuzfahrer», verkündete damals das Propaganda-Magazin, das, angelehnt an die Endzeit-Visionen des IS, ebenfalls Dabiq heisst.

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass Dabiq schon bald von der kurdisch dominierten SDF erobert werden könnte. Der Traum der Dschihadisten vom Weltuntergang und der Wiederauferstehung wäre dann geplatzt. Auf die Erklärung für diese womöglich finale Niederlage darf man gespannt sein.

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