Bhutan/Südafrika
Aberglauben in der Pandemie: Manchen bringt er Segen, anderen den Tod

Dem Königreich Bhutan verhilft ein mysteriöser Ratschlag von Mönchen zum Impfwunder, in Südafrika weckt die Pandemie den Hexenwahn.

Samuel Schumacher, Markus Schönherr aus Kapstadt
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Bhutan: In zwei Wochen fast alle Erwachsenen geimpft

von Samuel Schumacher

Bhutan hat in 13 Tagen 94 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Bhutan hat in 13 Tagen 94 Prozent der Bevölkerung geimpft.

Keystone

Es scheint fast, als geschähen am Fusse der verschneiten 7000er in Bhutan derzeit wahre Wunder. Das Königreich im Himalaja hat sich innerhalb kürzester Zeit aus dem pandemischen Abseits an die weltweite Spitze der Impfstatistik katapultiert. Nur die Seychellen haben prozentual noch mehr Bewohner geimpft. In 13 Tagen hat das bergige Königreich 94 Prozent aller Erwachsenen immunisiert. Mehr als 1200 Impfzentren standen den 770'000 Bhutanesen zur Verfügung. Helikopter flogen die Vakzine selbst in die entlegensten Täler des «Landes der Donnerdrachen» (so die offizielle Übersetzung des Staatsnamens Druk Yul).

Entscheidend für den Erfolg der einzigartigen Impfkampa­gne waren mehrere Faktoren. Der 41-jährige König Jigme Khesar Namgyel Wangchuk machte die Pandemiebekämpfung zur Chefsache. Gerade mal einen offiziellen Covid-19-Todesfall hatte das Land bislang zu verzeichnen. Zum Aufbau der Impfzentren mobilisierte der König seine orange gekleideten «Friedenshüter», die im ganzen Land pausenlos ans Werk gingen. Beraten liess sich das Staatsoberhaupt von seinem Gesundheitsminister Dechen Wangmo, einem Epidemiologen. Die 550'000 Astrazeneca-Impfdosen wurden aus dem Nachbarland Indien eingeflogen – umsonst. Indien hofft darauf, dass Bhutan dafür weiterhin zuverlässig Wasserkraft aus seinen Hochgebirgsstaubecken liefert.

Zentral für den Impferfolg aber war noch etwas ganz anderes – mindestens, wenn man den Bhutanesen glaubt. Rat holte sich die Staatsführung nämlich nicht nur bei Fachleuten, sondern auch beim Zhung Dratshang, dem Rat der Mönche. Als die Impfdosen im Januar eintrafen, rieten die Mönche der Regierung, noch zuzuwarten. Statt schon Anfang Jahr begann Bhutan deswegen erst am 27. März mit der Impfkampagne – einem laut den Mönchen besonders geeigneten Datum. Ihre Empfehlung: Als Erstes sollte eine Frau geimpft werden, die in einem Jahr des Affen geboren wurde – und zwar von einer weiblichen Fachkraft. Bhutans Regierung befolgte den Rat. Und am 27. März pikste Tshering Zangmo ihre Landsfrau Ninda Dema in Thimpu, der weltweit einzigen Hauptstadt ohne Lichtsignal, in den Arm.

Begleitet wurde die Impfzeremonie von Gebeten und der Hoffnung, dass das Land bald wieder Touristen empfangen kann. Ohne deren Spenden können die Mönche ihre Klöster nicht in Schuss halten. Und ohne Klöster fehlt ihnen der Raum für weitere weise Ratschläge.

Südafrika: Hexen sind Schuld an der Pandemie

von Markus Schönherr aus Kapstadt

Jostina Sangweni fiel dem Hexenwahn zum Opfer.

Jostina Sangweni fiel dem Hexenwahn zum Opfer.

Keystone

Jostina Sangweni starb, weil sie eine Hexe war. So mindestens lautete der Vorwurf des wütenden Mobs, der die Frau in Brand steckte und tötete. Sie hatte sich zuvor in ein Nachbarhaus verirrt und dort nach Hilfe gefragt. Doch für Erklärungen blieb keine Zeit, schon flogen Steine und die Fäuste ihrer Nachbarn auf sie ein. Der Vorfall im Armenviertel Soweto sorgte landesweit für Aufsehen. Dabei war der «Hexenprozess» leider alles andere als ein Einzelfall.

Seit dem Ausbruch der Pandemie stehen Menschen in verarmten Weltgegenden vermehrt wieder im Verruf, durch «Hexenkräfte» Krankheiten und Pech zu bringen. Moderne Hexenjagden sind vor allem in Ländern Lateinamerikas, Südostasiens und Afrikas eine Realität. Ist die Anschuldigung einmal ausgesprochen, ändert sich das Leben der Beschuldigten grundlegend. Auch ihre Familien leben fortan in ständiger Angst, als Hexenkinder verstossen zu werden.

Bereits 2010 schlug das UN-Kinderhilfswerk Unicef Alarm, weil Kinder in West- und Zentralafrika zunehmend Opfer des Hexenwahns wurden. Die 8- bis 14-Jährigen seien meist obdachlos, lebten mit Albinismus oder mit einer Behinderung. Auch verwitwete Frauen sehen sich immer wieder mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien Hexen und hätten den Tod ihrer Gatten absichtlich herbeigeführt. Laut der UNO sind allein in Tansania in den vergangenen Jahren etwa 2500 vermeintliche «Hexen» ermordet worden. Ähnliche Berichte gibt es aus Kenia, Malawi, Somalia und Südafrika.

In Ghana leben mehr als 1000 Frauen in sogenannten «Hexendörfern». Das sind Zufluchtsstätten, in die sich beschuldigte Frauen retten können. Manche Länder, darunter Südafrika oder Malawi, haben das Problem erkannt und Gesetze erlassen, die Beschuldigungen der Hexerei neuerdings unter Strafe stellen. Allerdings scheinen die Ordnungshüter mit vielen Fällen überfordert, in denen Frauenhass eine Rolle spielt.

Der Mord an Jostina Sangweni in Südafrika soll nicht ohne Folgen bleiben. Während ihre Familie «Gerechtigkeit» fordert, ermittelt nun auch die staatliche Kommission für den Schutz von Kultur-, Religions- und Sprachgruppen. Sie will zusätzlich zu den Polizeiermittlungen untersuchen, wie es zu dem Verbrennungstod der 59-Jährigen kam. «Es ist barbarisch, das Gesetz selbst in die Hand zu nehmen und ein Leben so zu beenden», sagte der Vorsitzende, Luka David Mosoma, am Montag. «Das spiegelt nicht wider, wo wir in der heutigen Zeit stehen.»

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