Brexit-Zoff
Kriegsschiffe im Ärmelkanal: London und Paris schicken Marineboote los – was hinter der Eskalation steckt

Fischkutter aus Frankreich sperren den Hafen der britischen Insel Jersey – Grossbritannien antwortet martialisch. Der Fischereistreit lässt die Brexit-Spannungen aufbrechen.

Stefan Brändle aus Paris
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Die HMS Tamar: London hat das Marineboot in den Ärmelkanal entsandt.

Die HMS Tamar: London hat das Marineboot in den Ärmelkanal entsandt.

Bild: Finnbarr Webster/Getty

Die Flotte kam im Morgengrauen. An die 50 Fischerboote näherten sich am Donnerstag der britischen Insel Jersey. Einige fuhren in den wichtigsten Hafen, und ein Kutter blockte die Fähre zum englischen Mutterland. Die Lage verschärfte sich weiter, als der britische Premierminister Boris Johnson zwei grosse Patrouillenboote der Royal Navy Richtung Kanalinseln entsandte.

Die HMS Tamar und die HMS Severn sollten die britischen Kanalinseln wie Jersey und Guernsey schützen. Die Inseln gehören an sich nicht zu Grossbritannien, sondern zur Krondomäne – geniessen aber den Schutz der britischen Aussen- und Verteidigungspolitik.

Premier Johnson bezeichnete den Protest der französischen Fischer am Donnerstag als «völlig inakzeptabel»; zugleich rief er zu einem «Abbau der Spannungen» auf. Frankreich zog im Verlauf des Tages nach und schickte seinerseits zwei Marineschiffe in das Gebiet der britischen Kanalinseln 24 Kilometer vor der Normandie-Küste.

Es war der vorläufige Höhepunkt einer Blockadeaktion, die im Kleinen Erinnerungen an Napoleons Kontinentalsperre von 1806 weckte. Aus Paris wie London verlautete in einem Versuch zur Deeskalierung, die teils 100 Meter langen Militärschiffe hätten nur eine streitschlichtende Aufgabe.

Auslöser der Eskalation: Der Brexit-Vertrag

Am Nachmittag zogen die französischen Fischer wieder ab, ohne dass sie etwas erreicht hätten. Bei dem Streit geht es um die – nach französischer Sicht – schleppende und unfaire Vergabe britischer Fischereilizenzen in den Gewässern um Jersey. Das Brexit-Abkommen von Ende 2020 sieht an sich eine klare Regelung vor: Die französischen Fischer dürfen in einer Übergangsphase bis 2026 weiterhin ihre Netze in den fischreichen und relativ ruhigen britischen Gewässern auswerfen; danach werden die Fangrechte um 25 Prozent reduziert.

Die französischen Seite wirft den Briten vor, sie verzögerten die Lizenzvergabe, um heimische Fischer zu bevorteilen. Von 344 Gesuchen aus Frankreich seien ganze 41 bewilligt worden. Die Briten müssen nur Fischerboote zulassen, die seit 2012 in den Gewässern aktiv sind. Das ist für die Franzosen nicht immer leicht zu belegen.

Die Regierung Jerseys behauptete am Donnerstag einmal mehr, sie vergäbe die Fischereilizenzen exakt nach dem Wortlaut des Brexit-Abkommens. Der Vorsteher des regionalen Komitees der Normandie-Fischer, Dimitri Rogoff, erklärte darauf, es liege nach der «Kraftprobe» der Fischer an den beiden beteiligten Regierungen, den Streit zu lösen. «Wenn wir mit unseren Forderungen nicht durchdringen», fügte er allerdings an, «muss die Ministerin das Licht löschen.»

Frankreich spricht offene Drohungen aus

Damit spielte Rogoff auf eine Aussage der französischen Meeresministerin Annick Girardin an. Sie hatte vor der Nationalversammlung in Paris offen gedroht, Frankreich könnte den Strom der grössten Kanalinsel Jersey kappen, um seine Fischerrechte durchzusetzen. Die 100'000 Einwohner der Insel beziehen die Elektrizität über drei Unterwasserkabel aus Frankreich.

Der zuständige Senator Ian Gorst warnte, es wäre «völlig unverhältnismässig, den Strom zu kappen, bloss weil Jersey ein paar zusätzliche Details liefern sollte». Nur um «Details» geht es allerdings mitnichten. Der alte Fischereistreit geht tief. Schon im Sommer 2018 waren Fischerboote beider Länder in der Bucht der Seine-Mündung aneinandergeraten. Die Muschelsucher aus England rammten dabei mehrere französische Fischerboote.

Ende 2020 hätte der Fischereistreit die Brexit-Verhandlungen fast zu Fall gebracht. Der neuste Clash bietet Anlass zur Sorge, weil er zeigt, dass man sich am Ärmelkanal nicht mehr an eine innereuropäische Solidarität gebunden fühlt.

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