Comeback
«Hildebrand war der beste Kandidat»: Warum der Anwärter für den OECD-Vorsitz mangels Unterstützung ausschied

Im Rennen um den OECD-Vorsitz hatte Ex-Nationalbankchef Philipp Hildebrand gute Karten. Viele Länder standen aber nicht hinter ihm.

Stefan Brändle
Merken
Drucken
Teilen
Philipp Hildebrand während einer Medienkonferenz des Bundesrates Ende Oktober 2020 in Bern.

Philipp Hildebrand während einer Medienkonferenz des Bundesrates Ende Oktober 2020 in Bern.

Peter Klaunzer / KEYSTONE

150 bilaterale Gespräche in den 37 Ländern der «Organisation für wirtschaftliche Kooperation und Entwicklung» (OECD) halfen nichts: Nach vier Abstimmungsrunden, in denen er eine sehr gute Figur gemacht hatte, musste Philipp Hildebrand das Handtuch werfen. Mit «Bedauern» stelle er fest, dass er nicht den nötigen Support erhalten habe, um das Ausscheidungsverfahren fortzusetzen, teilte Hildebrand auf Twitter mit. Er dankte dem Bundesrat und nicht genannten Ländern für ihre Unterstützung.

Sehr viele Länder waren es offenbar nicht. Anfangs Jahr hatte Hildebrand noch als einer der Favoriten gegolten. «Er war der beste Kandidat und schnitt in allen Anhörungen am besten ab», sagte am Freitag ein Schweizer Diplomat gegenüber CH Media. Hildebrand, der die Schweizer Nationalbank 2012 nach einem Devisengeschäft seiner Ex-Frau verlassen hatte, beeindruckte offenbar viele OECD-Mitglieder.

EU stellte keinen offiziellen Einheitskandidaten

Der 57-Jährige setzte dabei auf den heute weniger ordoliberalen Kurs des westlichen «Clubs der Reichen», wie die OECD auch genannt wird. Auch die Konstellation schien günstig: Die Amerikaner hatten ihren – noch unter der Trump-Ära nominierten – Bewerber Christopher Liddell zurückgezogen; und die EU, die 25 der 37 OECD-Mitglieder stellt, hatte keinen offiziellen Einheitskandidaten portiert. Dank seinem beruflichen Ausweis konnte sich Hildebrand deshalb gute Chancen ausrechnen, beidseits des Atlantiks als Ideallösung angesehen zu werden.

In den ersten drei Abstimmungsrunden seit Januar hielt sich der 57-jährige Schweizer problemlos, während sechs andere Kandidatinnen und Kandidaten auf der Strecke blieben. Doch zur neusten Runde am Freitag trat er gar nicht mehr an. Wie Diplomaten mehrerer beteiligter Länder gegenüber CH Media klarmachten, kam es zum Schluss nicht ganz unerwartet zu einer Blockbildung. Die EU-Länder stellten sich immer zahlreicher hinter die Schwedin Cecilia Malmström; auch die Dänen setzten nicht - wie von Bern erhofft - auf die Schweiz, als sie ihren eigenen Kandidaten Mitte Februar zurückzogen.

Der Australier Mathias Cormann erhielt seinerseits den Sukkurs einer informellen Partnerschaft namens Mitka, bestehend aus Mexiko, Indonesien, Türkei, Südkorea und Australien. Ihr dürften sich nach auch Pazifikanrainer wie Chile und Japan angeschlossen haben.

Schweizer Diplomatie setzte auf gute Performance Hildebrands

Wie die in der OECD Ton angebenden USA votieren, ist europäischen Beobachtern unklar. Sicher scheint nur, dass sie nicht für Hildebrand stimmten. Sein aktueller Vizejob beim US-Vermögensverwalter Blackrock – dessen Vorsteher Larry Fink den Staatspräsidenten Joe Biden persönlich kennt – scheint nicht gewirkt zu haben.

Die Schweizer Diplomatie war sich dieser Umstände sicher bewusst; sie setzte aber auf die gute Performance Hildebrands – und strategisch auf die Zweitstimme vieler OECD-Mitglieder. Jedes Land verteilt vier Punkte an seine Wunschnummer eins, drei Punkte an seine Nummer zwei, zwei Punkte an die Nummer drei und einen Punkt an die Nummer vier.

Dieses «Second-choice-Kalkül» ging aber nicht auf. Auch erste Plätze erhielt Hildebrand kaum. Das geopolitische Fazit für die Schweiz ist nicht neu: Da sie keine eigentlichen Verbündeten hat, kommen ihre Topkandidaten zwar als Kompromiss- oder Konsenskandidatin in Betracht – aber nur, bis es Masse gegen Masse geht.

Hildebrand ist international dennoch wieder im Spiel

Da die dritte Kandidatin, die Griechin Anna Diamantopoulou, auf dem Absprung ist, dürfte das OECD-Rennen auf ein Duell zwischen Malmström und Cormann hinauslaufen. Da die Schwedin wie der Australier als überzeugte Liberale gelten, dürfte sich die ganze Organisation wieder etwas weniger sozial aufstellen und stärker ihrem - wirtschaftlich und fiskalisch – liberalen Urcredo annähern. Das ist eher im Sinne der Schweiz.

Und das Fazit für Hildebrand? Der in der Schweiz lange Zeit angefehdete Banker ist zumindest international wieder im Spiel.