Corona
Asien gibt auf: Immer mehr Länder werfen ihre «Zero-Covid»-Strategie über Bord – ein Überblick

Lange Zeit fokussierten sich viele asiatische Länder in der Pandemie erfolgreich auf die Vorbeugung von Infektionen. Mittlerweile zeichnet sich ein Wandel ab: Man beginnt, sich auf ein Leben mit dem Virus einzustellen.

Felix Lill, Tokio
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Eine Frau kniet in einem markierten Social-Distancing-Feld ausserhalb eines Shopping Centers in Bangkok, um zu beten - Thailand kämpft mit stark steigenden Corona-Infektionszahlen.

Eine Frau kniet in einem markierten Social-Distancing-Feld ausserhalb eines Shopping Centers in Bangkok, um zu beten - Thailand kämpft mit stark steigenden Corona-Infektionszahlen.

key/epa

Wenn in Europa «Zero Covid» gefordert wird, hat man bisher häufig nach Asien verwiesen: Neben dem mit Überwachung reagierenden China war da Taiwan, das sich von Anfang an wirksam vom Virus abschottete. Oder Südkorea, das es nach einem frühen Ausbruch schaffte, die Infektionen durch Isolation, Desinfektion und Tracking wieder einzudämmen.

Auch mehrere Länder in Südostasien verzeichneten lange Zeit kaum Ansteckungen mit Covid-19 – auch weil die meisten Menschen strenge Anweisungen ihrer Regierungen befolgte. Vielerorts wusste man, dass Prävention die beste Medizin ist, zumal in Gesundheitssystemen, die einer grassierenden Pandemie kaum standhalten würden.

Doch in vielen Ländern ist mittlerweile ein Wandel zu verzeichnen. Abgesehen von China, das weiterhin auf eine komplette Infektionseindämmung setzt, ist man trotz der Ausbreitung der Deltavariante vielerorts pragmatisch geworden. Diverse Regierungen setzen mittlerweile auf eine Balance zwischen Wirtschaftswachstum und Gesundheitspolitik. Ein Überblick:

Philippinen

In den Philippinen, wo bis jetzt bloss elf von 100 Personen zwei Impfungen erhalten haben, ist eine Kehrtwende zu beobachten. Seit Monaten verschlimmert sich die Infektionslage, Anfang letzter Woche verzeichnete das 108-Millionenland einen Höchstwert von gut 22'000 Neuinfektionen. Mehr als zwei Millionen Menschen sind bisher infiziert worden, rund 33'000 gestorben. Zuletzt protestierten Pflegekräfte auf der Strasse für bessere Bezahlung und mehr Ressourcen für Krankenhäuser. Die Regierung aber kündigte Mitte August an, einen bisher geltenden strikten Lockdown fortan zu lockern, was die Last aufs Gesundheitssystem eher erhöhen dürfte, die wirtschaftliche Aktivität aber ankurbeln soll.

Singapur

Der wohlhabendere 5,7-Millionenstadtstaat Singapur, der auch wegen strenger Grenzschliessungen bisher kaum vom Virus betroffen war, beginnt nun eine Öffnung. Im September dürfen vollständig geimpfte Personen mit einem europäischen Pass wieder unabhängig vom Reisegrund ins Land. Singapur zählt bisher nur rund 66'000 Infektions- und weniger als 60 Todesfälle. Mit einer Impfquote von bisher gut 75 Prozent ist das kleine Land seiner Region weit voraus, zugleich stiegen zuletzt die Infektionen an. Es wird allerdings erwartet, dass bald weitere Grenzöffnungen unter Auflagen folgen werden. Denn die Regierung hat schon vermittelt, dass man auf steigende Infektionen eingestellt ist.

Japan

Die Regierung Japans versucht einen Spagat von Wirtschaftswachstum und Öffnung einerseits und der Infektionseindämmung andererseits schon länger. Im vergangenen Jahr, bevor die Deltavariante grassierte, gelang das auch relativ gut. Die Grenzen wurden geschlossen, das Alltagsleben aber kaum eingeschränkt. Mit der Austragung der Olympischen Spiele in Tokio gab man zu verstehen, dass an dieser Linie festgehalten würde. Der Preis sind steigende Infektionen. Zuletzt verzeichnete das Land bei einer Impfquote von mittlerweile rund 45 Prozent eine 7-Tage-Inzidenz von über 120, das Gesundheitssystem ist überlastet und weist Patienten ab. Dennoch verpflichtet die Regierung kein Restaurant zum Schliessen – sie bittet nur höflich, was nach Monaten dieses Zustands aber zusehends ignoriert wird.

Thailand

Das weiter südlich gelegene Thailand folgt dem japanischen Beispiel, wenn auch in einer brenzligeren Lage. Seit Wochen wird immer wieder auf der Strasse protestiert, um stärkere Coronamassnahmen zu erzwingen. Bei einer Impfquote von elf Prozent wurden im 70-Millionenland bisher an die 1,3 Millionen Infektions- und 12'000 Todesfälle registriert. Mitte August wurde mit 23'000 Neuinfektionen ein Höchstwert erreicht, nachdem die Werte wieder etwas gefallen sind. Eine seit Juli geltende Tourismusbelebungsmassnahme, mit der geimpfte Touristen aus dem Ausland auf die Ferieninsel Phuket reisen dürfen, wurde aber nicht zurückgenommen. Bald könnten weitere Tourismuszonen folgen.

Taiwan

Anders verhält sich bisher Taiwan. Über das letzte Jahr machte der Inselstaat mit 24 Millionen Einwohnern immer wieder Schlagzeilen, weil es über Monate gelang, Neuinfektionen komplett vorzubeugen. Mit dem Aufkommen der Deltavariante änderte sich dies jedoch, im Frühsommer verzeichnete das Land einige Hundert Neuinfektionen pro Tag, woraufhin Schulen und Grenzen wieder strenger geschlossen wurden. Massgeblich dafür verantwortlich machte Taiwans Regierung die internationale Diplomatie. Nachbarstaat China sieht Taiwan als Teil des eigenen Territoriums, womit bilateral vereinbarte Impfzulieferungen an Taiwan als eine Verletzung chinesischer Souveränität gesehen werden könnten. Auch deshalb, so Taiwans Regierung, sind bisher nur rund vier Prozent der Menschen in Taiwan vollständig geimpft.

Südkorea

Als erste Zentralbank Asiens verkündete Ende August die Bank of Korea, den Leitzins von 0,5 auf 0,75 anzuheben, um auf diese Weise die in Südkorea steigende Verschuldung privater Haushalte, anziehende Immobilienpreise und die ebenfalls steigende Inflation unter Kontrolle zu bringen. Südkorea ist mit 255'000 Infektionsfällen zwar weiterhin relativ milde von der Pandemie betroffen. Aber im August hat das Land seine bis jetzt höchste Infektionswelle erlebt. Bisher sind zudem nur gut 30 Prozent vollständig geimpft.

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