Corona im Himalaya
Monsterwelle statt majestätische Gipfel: Nepal wird zur Gefahrenzone – und der Premier predigt heisses Wasser

Am Montagabend hat das BAG das Himalaya-Land notfallmässig auf die Quarantäneliste genommen. Doch Schweizer Reiseexperten zeigen sich zuversichtlich – wegen Nepals spezieller Impfprioritäten.

Samuel Schumacher
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Im traditionellen Krematorium Pashupatinath in Kathmandu herrscht Hochbetrieb.

Im traditionellen Krematorium Pashupatinath in Kathmandu herrscht Hochbetrieb.

Narendra Shrestha/EPA

Für seine majestätischen Gipfel ist Nepal weltbekannt. Für seine monströse zweite Welle wird der Himalaya-Staat neuerdings gefürchtet. Seit Ende April steigt die Zahl der Neuinfektionen in der 28-Millionen-Nation genauso steil an wie im südlichen Nachbarland Indien, das inzwischen für fast die Hälfte der weltweit neuen Coronafälle verantwortlich zeichnet.

In Nepal wurden am Sonntag mehr als 7000 neue Fälle registriert. Fast die Hälfte aller Coronatests (44 Prozent) sind positiv, was auf eine extrem hohe Dunkelziffer an Infizierten hinweist. Nepals Gesundheitsministerium liess verlauten, die Situation sei ausser Kontrolle. «Das Gesundheitssystem ist nicht in der Lage, die Situation in den Griff zu kriegen. Es können keine zusätzlichen Spitalbetten bereitgestellt werden.»

Eine weitere Wandersaison im Himalaya (im Bild der höchste Berg der Welt, der Mount Everest) fällt ins Wasser.

Eine weitere Wandersaison im Himalaya (im Bild der höchste Berg der Welt, der Mount Everest) fällt ins Wasser.

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Am Montagabend hat das Bundesamt für Gesundheit deshalb reagiert und Nepal notfallmässig auf die Quarantäneliste gesetzt. Die nepalesische Regierung selbst hat um Mitternacht alle Inlandflüge eingestellt. Ab Mittwoch werden auch die internationalen Flugverbindungen bis vorerst am 14. Mai unterbrochen. Dabei hatte das vor allem bei Wandertouristen beliebte Land bis zuletzt darauf gehofft, die wichtige Frühlingssaison retten zu können. Die Einkünfte aus dem Tourismus machen fast acht Prozent des gesamten Staatsbudgets aus.

Wasser predigen statt Grenzen schliessen

Während Nepals Premierminister Khadga Prasad Oli weiterhin an der Wirkung der aus China und Indien gelieferten Impfdosen zweifelt und seinen Landsleuten wiederholt dazu geraten hat, das Virus mit heissem Wasser und Guave-Blättern zu bekämpfen, hat seine Regierung auf Drängen der Gesundheitsexperten inzwischen einen neuen Lockdown über die Hauptstadt Kathmandu verhängt und immerhin 22 der 35 Grenzübergänge nach Indien geschlossen. Wer jetzt noch ins Land zurückkehrt, muss sofort in einen zehntägigen Lockdown.

Steiler Anstieg der täglichen Neuansteckungen in Nepal.

Steiler Anstieg der täglichen Neuansteckungen in Nepal.

worldometers.info

Doch die Massnahmen werden von der Bevölkerung im bitterarmen Himalaya-Staat nicht konsequent umgesetzt. Das beobachtet auch Thomas Zwahlen, Gründer des Schweizer Reisespezialisten «Himalaya Tours». Der Regierung falle es schwer, die Massnahmen umzusetzen, weil es an Quarantäneplätzen und an Kontrollpersonal fehle, sagt Zwahlen, der sich derzeit in Kathmandu aufhält.

Thomas Zwahlen, Gründer «Himalaya Tours».

Thomas Zwahlen, Gründer «Himalaya Tours».

himalayatours.ch
«Viele Rückkehrer fürchten die finanziellen Folgekosten eines Quarantäneaufenthalts.»

Dazu komme, dass die Pandemie gerade für Taglöhner und Landbewohner nur eines von vielen Problemen sei, «für die meisten noch nicht einmal das drängendste». Zu Corona käme die Sorge um knappe Nahrungsmittel und fehlendes Geld für Schulen und Arztbesuche, erzählt Zwahlen, der den Himalaya seit 25 Jahren regelmässig bereist und insgesamt mehr als sieben Jahre in der Region gelebt hat. Weil die Regierung nicht in der Lage ist, die pandemiegeplagte Bevölkerung zu unterstützen, sind Millionen Nepalesen auf Direkthilfe angewiesen. Auch Zwahlen hat mit seinem Unternehmen eine Spendenaktion lanciert, um seinen Mitarbeitern vor Ort zu helfen.

Corona ist nicht das einzige Problem für nepalesische Lungen

Für manche Nepalesen aber kommt die Hilfe zu spät. Die Zeitung «Kathmandu Post» berichtet von Spitälern, die keine neuen Patienten mehr aufnehmen können. Der Arzt Ravi Shakya vom Patan Hospital im Süden Kathmandus erzählte der Zeitung:

«Unser Telefon läutet non-stop. Verzweifelte Verwandte von Erkrankten rufen an und fragen nach freien Beatmungsgeräten. Wir haben keine andere Wahl als zu sagen: Sorry, wir können nichts tun.»

Verschlimmert wird die Situation in Nepal derzeit durch riesige Waldbrände. Die Rauchpartikel in der Luft hatten Kathmandu vergangene Woche kurzzeitig an die traurige Spitze der Städte mit der weltweit höchsten Luftverschmutzung katapultiert.

Noch am 16. April feierten zehntausende in den Strassen von Bhaktapur ein religiöses Fest. Die Ansteckungszahlen steigen fünf Tage später dramatisch an.

Noch am 16. April feierten zehntausende in den Strassen von Bhaktapur ein religiöses Fest. Die Ansteckungszahlen steigen fünf Tage später dramatisch an.

AP

Himalaya-Kenner Thomas Zwahlen aber bleibt zuversichtlich, dass sich die Situation im Land bis im Frühsommer entspannen und die Herbstsaison stattfinden wird. «Impfungen erachten wir für Asienreisende aber als dringend notwendig», sagt Zwahlen.

Positiv aus Sicht der Nepal-Reisenden sei, dass die Tourismus-Branche im Land bei den Impfungen prioritär behandelt werde. Viele Hotelmitarbeiter, Kellnerinnen und Guides seien bereits immunisiert worden. Gut möglich, dass Nepal ab Herbst wieder mit seinen Gipfeln und nicht mehr mit seinen Wellen für Aufsehen sorgt.

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