Iran
Der Hingerichtete atmete noch: Nun soll er ein zweites Mal sterben

Der wegen Drogenhandel zum Tode durch den Strang verurteilte Iraner Alireza überlebte 12 Minuten am Galgen. Die Richter befahlen seine zweite Hinrichtung bevor. Menschenrechtsorganisationen sind empört.

Michael Wrase
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Im Iran sollen allein in diesem Jahr schon 508 Menschen hingerichtet worden sein. (Archiv)

Im Iran sollen allein in diesem Jahr schon 508 Menschen hingerichtet worden sein. (Archiv)

Keystone

Die Hinrichtung des 37 Jahre alten Alireza schien ganz normal zu verlaufen: Nach Sonnenaufgang befahl der Henker dem Verurteilten, sich auf den Holzschemel unter den Galgen zu stellen. Anschliessend legte er eine Schlinge über seinen Kopf. Nach dem Verlesen des Todesurteils stiessen Henkersknechte den Schemel mit ihren Füssen weg, worauf nach einem qualvollen Erstickungskampf der Tod einsetzte.

Das glaubten zumindest die Scharfrichter, die Alireza nach 12 Minuten für tot erklärten und die Einweisung seines Körpers ins Leichenschauhaus von Bodschnurd anordneten.

Zweite Hinrichtung befohlen

Als die Familie am nächsten Morgen den Körper zur Bestattung abholen wollte, erschraken die Angestellten der Leichenhalle. In dem Plastiksack mit der vermeintlichen Leiche hatte sich Kondenswasser gebildet. Der bereits für tot erklärte Iraner atmete noch, er lebte und wurde unverzüglich ins Imam Ali-Spital der ostiranischen Stadt eingeliefert.

«Vor allem die beiden Töchter von Alireza waren überglücklich», zitiert die iranische Tageszeitung «Jam-e Jam» einen Bekannten der Familie, deren Freude allerdings nicht lange dauerte. Nachdem der zuständige Richter vom Überleben des Todeskandidaten erfahren hatte, ordnete er die erneute Hinrichtung an.

Alireza müsse sich aber erst wieder von seinem Horrortrip erholen, ordnete Richter Mohammmed Erfan an. Sobald das Krankenhaus die «Erholung» bestätigt habe, müsse das Urteil vollstreckt werden. Schliesslich sei das Urteil rechtskräftig.

Keine Gnade für Dealer

Alireza war vor drei Jahren mit einem Kilogramm der extrem suchterzeugenden Amphetamin-Droge «Crystal Meth» festgenommen und zum Tode verurteilt worden. In Iran gibt es mehr als fünf Millionen Drogensüchtige. Um den Konsum und den Handel zu bekämpfen, werden mutmassliche Dealer fast immer mit dem Tod bestraft. Trotz drakonischer Strafen gelingt es der iranischen Regierung aber nicht, das ausufernde Drogenproblem in den Griff zu bekommen.

Schon mehr als 500 Hinrichtungen

Die Zahl der Hinrichtungen steigt ständig. Nach Erkenntnissen von Amnesty International sollen allein in diesem Jahr 508 Menschen im Iran gehängt worden sein. Die meisten wegen Drogenvergehen. In den ersten zehn Wochen nach dem Amtsantritt des gemässigten Präsidenten Hassan Rohani seien allein 125 Menschen hingerichtet worden, betont die Organisation «International Campaign for Human Rights in Iran».

Allerdings könne man für die überdurchschnittliche Hinrichtungsrate nicht unbedingt Rohani verantwortlich machen, geben westliche Diplomaten in Teheran zu bedenken. Sie vermuten, dass Hardliner in der vom Staat unabhängigen Justiz dem Ansehen des neuen iranischen Staatspräsidenten schaden wollen.

Menschenrechtsorganisationen fordern nun eine Begnadigung des 37-jährigen Ali Reza. Die erneute Hinrichtung eines Mannes, der den 12-minütigen Erstickungskampf am Galgen überlebt habe, sei entsetzlich, betont Philipp Luther von Amnesty International. Auch iranische Rechtsanwälte haben inzwischen reagiert. In einer Petition vertraten sie die Ansicht, dass eine zweite Hinrichtung von Alireza unzulässig sei. Schliesslich sei das Urteil bereits vollstreckt worden.