Libyen, Irak, Syrien
Der IS ist geschwächt, aber nicht besiegt

Die Dschihadisten geraten erstmals seit der Gründung des «Kalifats» vor zwei Jahren in Bedrängnis.

Martin Gehlen, Kairo
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Truppen der neuen libyschen Regierung der Nationalen Einheit rücken auf Sirte vor.REUTERS

Truppen der neuen libyschen Regierung der Nationalen Einheit rücken auf Sirte vor.REUTERS

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Den IS-Hinrichtungsplatz am Zafran-Kreisverkehr rissen die Angreifer als erstes nieder. Dann nahmen sie mit schwerer Artillerie das Ougadougou-Konferenzzentrum unter Feuer, ein ehemaliger Gaddafi-Protzbau, der dem «Islamischen Staat» (IS) als Hauptquartier dient. Auf Videos kreisen Geländewagen mit aufgepflanzten Maschinengewehren durch Sirte. Die libyschen Milizionäre, die der neuen Regierung der Nationalen Einheit (GNA) in Tripolis unterstehen, wirken selbst überrascht von ihren spektakulären Erfolgen. Innerhalb von vier Wochen kesselten ihre Kämpfer den «Islamischen Staat» völlig ein. Jetzt haben sie auch den Hafen von Sirte, der Geburtsstadt Gaddafis, wieder in ihrer Gewalt.

«Der IS ist noch nicht zusammengebrochen, aber seine Kampfkraft ist geschwächt», erklärte ein Milizensprecher. «Ich bin beeindruckt von den raschen Fortschritten», twitterte der UNO-Vermittler in Libyen, Martin Kobler. Auch die Kommandeure an der Front gaben sich optimistisch. In wenigen Tagen sei der IS-Spuk in Sirte vorbei, liessen sie erklären.

Für den selbsterkannten Kalifen Abu Bakr al-Baghdadi sind die Ereignisse in Libyen nicht die einzigen schlechten Nachrichten. Auch im Irak und in Syrien stehen seine Kämpfer so stark unter Druck, wie seit der Gründung des «Islamischen Kalifates» im Juni 2014 nicht mehr. Im Irak ist die Stadt Falludscha von Spezialeinheiten und schiitischen Milizen umzingelt. Noch zögern die Kommandeure aus Rücksicht auf die fliehende Zivilbevölkerung mit dem Sturmbefehl. Doch die Rückeroberung scheint nur noch eine Frage der Zeit. Dann hätte der IS auf irakischem Boden nur noch eine einzige Bastion, die Millionenstadt Mossul im Norden. In Syrien wiederum gelang es arabisch-kurdischen Einheiten, die von US-Spezialtrupps unterstützt werden, die wichtigste Nachschubverbindung zwischen der IS-Hauptstadt Rakka und der Türkei zu kappen.

Und so wächst im Machtbereich der Dschihadisten die Nervosität. Geheimdienste von sechs westlichen Staaten registrierten nach Angaben des «Wall Street Journal» in den letzten Wochen einen deutlichen Anstieg von Hilferufen. Über 150 rückkehrwillige Dschihadisten baten um Unterstützung, um das IS-Gebiet verlassen zu können.

Die Region bleibt instabil

Doch die militärischen Erfolge gegen den IS werden in keinem der drei arabischen Staaten zu mehr Stabilität und weniger Gewalt führen, wenn die politischen, religiösen und gesellschaftlichen Ursachen für die Ausbreitung der Terrormiliz nicht angepackt werden. Libyen stürzte durch den Bürgerkrieg zwischen West- und Ostregion ins Chaos. Nach wie vor sträuben sich Parlament und Regierung im 1500 Kilometer entfernten Tobruk, die neue von der UNO vermittelte Regierung der Nationalen Einheit in Tripolis anzuerkennen. Inzwischen verteilen sie sogar eigene Banknoten, die vor zwei Wochen aus Russland geliefert wurden. Eine Schlüsselrolle spielt dabei Ex-General Khalifa Haftar, der die Armee der Ost-Führung befehligt und es als «undenkbar» bezeichnet, sich dem Oberkommando von Tripolis zu unterstellen. Bei der Rückeroberung von Sirte durch seine Erzfeinde aus Misrata hält er sich abseits. Seinen Sprecher aber liess er verkünden, die Angreifer dort seien «illegitime Milizen, loyal zu einer illegitimen Regierung».

Auch in Syrien könnte eine Rückeroberung der Provinz Rakka den verheerenden Bürgerkrieg, der bisher schon über 300 000 Tote gefordert hat, eher anfachen als eindämmen. Erst letzte Woche kündigte Baschar al-Assad vor dem Parlament in Damaskus an, er werde jeden Meter syrischen Bodens zurückerobern. Und so warten Kurden, moderate Rebellen und Assad-Armee nur darauf, sich einen blutigen Wettlauf um den territorialen Nachlass des «Islamischen Staates» zu liefern.

Flüchtende erschossen

Im irakischen Falludscha wiederum könnte sich entscheiden, ob eine Rückeroberung von Mossul und damit ein Ende des IS-Kalifats in Mesopotamien gelingen kann. Denn die sunnitische Minderheit fühlt sich seit Jahren von der schiitischen Führung in Bagdad diskriminiert und drangsaliert. Nicht nur in Falludscha auch in Mossul hat das die IS-Erfolge erst möglich gemacht, weil viele Bewohner die Tyrannei der sunnitischen Gotteskrieger gegenüber der Tyrannei der schiitischen Herrscher als das kleinere Übel empfanden. Trotzdem treiben die vom Iran gesteuerten Milizen auch jetzt wieder bei der Offensive in Falludscha ihr Unwesen. Nach Augenzeugenberichten erschossen sie Flüchtende, die mit weissen Fahnen auf ihre Linien zu rannten. Auf einem Video treiben sie hunderte Sunniten in Zivilkleidung vor sich her in die Wüste. Andere Fotos zeigen verstörte und verletzte Männer im Krankenhaus, die nach ihrer Flucht aus dem brennenden Falludscha von schiitischen Milizen festgenommen und gefoltert wurden.

«Das wird bei vielen die Furcht auslösen, dass nach dem Abgang des IS lediglich ein neues Leidenskapitel folgt», warnt Phillip Smyth vom Institut für Nahostpolitik in Washington. Und für den Irak könnte dies bedeuten, dass seine religiösen Volksgruppen endgültig nicht mehr in einem Staat zusammenleben möchten.

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