Deutschland
«Es tut mir wirklich im Herzen leid»: Angela Merkels emotionaler Corona-Appell an die Deutschen

Die Kanzlerin warnt vor dem «letzten Fest mit den Grosseltern» und hält ein flammendes Plädoyer für einen harten Lockdown. Die Todeszahlen seien einfach nicht akzeptabel, sagte sie im Bundestag.

Christoph Reichmuth aus Berlin
Drucken
Teilen
Wendet sich fast flehend an die eigene Bevölkerung: Angela Merkel pocht auf einen Lockdown.

Wendet sich fast flehend an die eigene Bevölkerung: Angela Merkel pocht auf einen Lockdown.

Hayoung Jeon / EPA

Selten war die Kanzlerin bei Auftritten im Bundestag emotionaler als an diesem Mittwoch im Bundestag. Als sie auf die vielen Glühweinstände in den Innenstädten zu sprechen kam, die ihrer Meinung nach dringend geschlossen werden müssten, meinte Merkel, sie wisse, «wie viel Liebe dahinter steckt». Aber es sei an der Zeit, die Kontakte auf das Minimum zu beschränken. Dass sich unter den gegebenen Umständen Hunderte vor solchen improvisierten Ständen zusammenfinden, hält Merkel für falsch.

«Es tut mir wirklich im Herzen leid», sagte die 66-Jährige und ballte ihre Faust. «Aber wenn wir dafür den Preis zahlen, dass wir Todeszahlen von am Tag 590 Menschen haben, dann ist das nicht akzeptabel aus meiner Sicht.»

Es war ein flammendes, fast flehendes Plädoyer der Kanzlerin für eine nationale Kraftanstrengung, um die Coronazahlen vor Weihnachten und in diesem so grauen Coronawinter doch noch zu drücken. Fast 21'000 Neuinfektionen und mit 590 Todesfällen innerhalb von 24 Stunden einen traurigen Höchststand registrierte das Robert Koch-Institut am Mittwoch.

Deutschland hat die Kontrolle über das Virus verloren

Die Zahlen wollen und wollen nicht sinken oder sie tun es nur sehr langsam. Das exponentielle Wachstum der Pandemie konnte Deutschland mit dem «Mini-Lockdown» zwar durchbrechen, aber die Kontrolle über das Virus hat Deutschland verloren.

Die seit fast sechs Wochen angewandte Strategie des weichen Lockdowns mit geschlossener Gastronomie, Kultur- und Sportstätten bringt nicht die erhoffte Wendung und wird in immer weiteren Kreisen als gescheitert angesehen. Bereits haben von der Pandemie besonders stark betroffene Bundesländer wie Sachsen und Bayern die Massnahmen verschärft.

Merkel und andere Spitzenpolitiker drängen mit zunehmender Vehemenz auf einen für das gesamte Land geltenden, harten Lockdown in den Tagen nach dem Weihnachtsfest bis mindestens zum 10. Januar des nächsten Jahres. Auch in den noch verbleibenden zwei Wochen bis zu Heiligabend könne mit Disziplin und Reglementierung, so ist Merkel überzeugt, vieles erreicht werden.

«Wenn wir jetzt vor Weihnachten zu viele Kontakte haben und es anschliessend das letzte Fest mit den Grosseltern war, dann werden wir sicher etwas versäumt haben», sagte sie. Die CDU-Regierungschefin macht keinen Hehl daraus, dass sie sich dem Rat namhafter Wissenschafter anschliesst, die darauf gedrängt hatten, unter anderem die Schulen früher und länger in die Weihnachtsferien zu schicken und die Geschäfte ab dem 27. Dezember zu schliessen.

Wir müssen uns noch einmal anstrengen, sonst entgleitet uns die Pandemie wieder und wieder

«Was wird man denn im Rückblick auf ein Jahrhundertereignis mal sagen werden, wenn wir nichtmal in der Lage waren, für diese drei Tage noch irgendeine Lösung zu finden», spielte Merkel auf die Möglichkeit an, Weihnachts-Schulferien vom 19. auf den 16. Dezember vorzuziehen. «Wir müssen uns noch einmal anstrengen, sonst entgleitet uns die Pandemie wieder und wieder.» Es zeichnet sich immer mehr ab, dass Deutschland in den nächsten Tagen noch eine verschärfte, gemeinsame Coronastrategie für die Tage vor und nach Weihnachten festlegen wird.

Hoffnung verbreitete Merkel, als sie auf die vermutlich ab Januar in Deutschland zu Verfügung stehenden Impfstoffe anspielte. Doch falls ein warmer Frühling nicht hilft, steuert Deutschland auf weitere Monate der Entbehrungen zu: Bis das 83-Millionen-Land Deutschland eine Impf-Quote erreicht hat, welche die Ausbreitung des Coronavirus definitiv stoppt, wird es nach Einschätzung von Experten Herbst des nächsten Jahres.

Aktuelle Nachrichten