Algerien
«Die Entführer hängten ihm einen Sprengsatz um den Hals»

Noch sind Dutzende Geiseln in der Gewalt der Terroristen, die am frühen Mittwochmorgen das Gasfeld in der algerischen Wüste stürmten. Die Überlebenden berichten von schrecklichen Ereignissen.

Michael Hugentobler
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Luftaufnahme des Tatorts
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Das Gasfeld in Algerien
35 Geiseln in Algerien getötet
Moktar Belmoktar, Chef der dem Terrornetzwerk Al-Kaida nahestehenden «Maskierte Brigade» hat sich zur Geiselnahme bekannt.

Luftaufnahme des Tatorts

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Am Nachmittag meldete die algerische Nachrichtenagentur APS, das Schicksal von etwa 60 Ausländern sei ungewiss. Einer der wenigen, dem die Flucht gelang, ist Stephen McFaul, ein irischer Elektroingenieur aus Belfast.
Kurz nach seiner Flucht telefonierte er mit seiner Familie, wie sein Bruder gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters sagte. «Er wurde gefesselt und geknebelt, und die Entführer hängten ihm einen Sprengsatz um den Hals», sagte Brian McFaul. Die Entführer hätten ihre Geiseln dann auf Wagen geladen und über das Gelände gefahren. Dann habe der Angriff der Algerier begonnen. Die Geschosse hätten vier von fünf Autos zerstört. «Der Wagen, in dem mein Bruder unterwegs war, verunfallte, und im Chaos konnte er fliehen», sagte McFaul.
Dramatische Stunden erlebte auch ein Franzose, der für die französische Cateringfirma CIS arbeitete: «Ich versteckte mich 40 Stunden unter meinem Bett», sagte Alexandre Berceaux dem Sender «Europe 1». Er habe ein bisschen Essen und Wasser zu trinken gehabt. «Niemand hat mit einem Angriff gerechnet, die Anlage war geschützt, und es waren Militärkräfte vor Ort.» Während der Geiselnahme sei in Abständen viel geschossen worden. Es habe Tote unter den Terroristen, den Ausländern und den Einheimischen gegeben.

Angreifer waren bis an die Zähne bewaffnet

Ein weiterer Augenzeuge, der anonym bleiben wollte, berichtete dem französischen Auslandfernsehen «France 24» von Angreifern, die bis an die Zähne bewaffnet waren. Zudem seien sie gut vorbereitet gewesen. «Sie kannten das Gelände und stoppten die Produktion, als sie die Kontrolle über die Anlage erlangten. Dann drohten sie, das Gasfeld in die Luft zu jagen, sollten die algerischen Behörden einen Luftangriff starten.»
Das französische Radio «France Info» interviewte Algerier, die entkommen konnten. Sie sagten, die Islamisten hätten es beim Angriff ausschliesslich auf Ausländer abgesehen gehabt. «Sie brachen die Türen unserer Schlafzimmer ein und schrien, sie würden nur Ausländer und nicht Algerier suchen.» Dann seien die Ausländer zusammengetrieben und im Restaurant gefesselt worden. Ein weiterer Algerier sagte gegenüber «France Info», die Islamisten hätten die Ausländer als Schild benützt, nachdem sie bemerkten, dass die algerische Armee den Angriff auf das Gasfeld vorbereitete.
Gestern Abend bei Redaktionsschluss sendete das algerische Staatsfernsehen Bilder von befreiten Geiseln. Unter ihnen waren Algerier, Türken und Philippiner. Ein Engländer sagte: «Meine Gedanken sind bei den Kollegen, die noch immer in der Gewalt der Entführer sind.»

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