Polarisierung
Die gespaltene Nation nach Dallas: Amerika ringt mit sich selbst

Nach der Tötung von fünf Polizisten in Dallas verschärft sich die Stimmung in den USA und Vergleiche drängen sich auf.

Renzo Ruf, Washington
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Die Unheilsspirale: Demonstration gegen die Polizeigewalt (am Freitag in Phoenix) führt zu Tränengas und weiterer Polizeigewalt. Ross D. Franklin/Keystone

Die Unheilsspirale: Demonstration gegen die Polizeigewalt (am Freitag in Phoenix) führt zu Tränengas und weiterer Polizeigewalt. Ross D. Franklin/Keystone

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In einem Punkt hat Präsident Barack Obama recht: Obwohl in den vergangenen Tagen oft von einem tief gespaltenen Land die Rede gewesen war, führen Vergleiche zu den explosiven 60er- und 70er-Jahre ins Leere. Damals drohten die USA in der Tat an der «enormen Polarisierung» zu zerbrechen, wie Obama sagte, angesichts der zunehmend gewalttätigen Massenproteste gegen den Krieg in Vietnam und die friedlichen Demonstrationen gegen den anhaltenden Rassismus in weiten Teilen der USA. So wurden im chaotischen Jahr 1968 nicht nur der Bürgerrechtler Martin Luther King und der linke Hoffnungsträger Robert Kennedy ermordet; wiederholt kam es landesweit auch zu Ausschreitungen, die Dutzende von Todesopfern forderten.

Davon kann heute keine Rede sein. Die Proteste gegen Polizeigewalt, organisiert durch eine lose Koalition afroamerikanischer Aktivisten («Black Lives Matter» oder auf Deutsch «Auch schwarze Leben zählen»), sind meist friedlich – selbst wenn die Mehrheit der Bevölkerung spektakulären Aktionen, wie der Besetzung einer Autobahn in St. Paul (Minnesota) am Wochenende, kritisch gegenübersteht.

«Black Panther» und «Weathermen»

Und, vielleicht noch wichtiger: Es gibt keine Anzeichen dafür, dass die Bewegung unter dem Druck extremistischer Kreise vor einer Radikalisierung steht. Unter just dieser Entwicklung zerbrach in den späten Sechzigerjahren die nationale Bürgerrechtsbewegung: schwarze und weisse Aktivisten, die sich nicht mehr damit abfinden wollten, dass Fortschritte in der Politik allmählich erzielt werden, griffen zu den Waffen – und verabschiedeten sich in die Illegalität.

Einen Tag nach den Polizistenmorden ist in Dallas die Trauer gross.
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Fahnen auf Halbmast vor der Cityhall in Dallas.
Gebäude in Dallas sind in der Farbe Blau beleuchtet - gedacht als Unterstützung für die Polizei von Dallas.
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Einen Tag nach den Polizistenmorden ist in Dallas die Trauer gross.

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Heute weitgehend vergessen, verbreiteten radikale Gruppierungen wie die «Black Panther Party» und der «Weather Underground» jahrelang Angst und Schrecken. Im Gegensatz zu linksradikalen Gruppierungen in Deutschland oder Italien entpuppten sich zwar viele Anschlagspläne als Luftschlösser – auch weil die radikalen Kräfte viel zu stark mit sich selbst beschäftigt waren. Dennoch schlugen die Behörden mit harter Hand zu. Dabei kam es immer wieder zu empörenden Gesetzesverletzungen durch den Staatsapparat. So warf die Stadtpolizei von Philadelphia im Jahr 1985 kurzerhand zwei Bomben auf ein Wohnhaus ab, in dem sich die Mitglieder einer radikalen afroamerikanischen Sekte verschanzt hatten. Elf Menschen starben, darunter fünf Kinder.

Beim Blick in die Geschichtsbücher fällt allerdings auch auf, an welcher Entwicklung die moderne Bürgerrechtsbewegung krankt. Damals, in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, standen Menschen an der Spitze revolutionärer Organisationen, die sich nicht von Parteipolitikern instrumentalisieren liessen. Martin Luther King stammte aus einer Familie von Republikanern, weil die Demokraten im Süden des Landes damals zutiefst rassistisch waren; der Friedensnobelpreisträger selbst riet seinen Gefolgsleuten, Distanz zu beiden Grossparteien zu wahren. «Black Lives Matter» hingegen steht der Demokratischen Partei nahe, auch wenn die Bewegung dank den sozialen Medien auf starke Führungskräfte und parteipolitischen Aktivismus verzichtet.

Entlang der Parteigräben

Diese Nähe zur Partei von Präsident Obama ist zum einen folgerichtig, zeigen doch republikanische Mandatsträger gemeinhin wenig Verständnis für berechtigte Anliegen der Aktivisten. Zum andern führt das aber auch dazu, dass die Diskussion über die Forderungen der Bewegung weitgehend entlang der bekannten parteipolitischen Gräben geführt wird. So nahmen Demokraten das Attentat von Dallas zum Anlass, erneut über die Notwendigkeit schärferer Waffengesetze zu sprechen. Republikaner hingegen insinuierten, «Black Lives Matter» habe dank der anhaltenden Kritik an der Polizeiarbeit den Attentäter von Dallas zumindest indirekt zu seiner Bluttat angestiftet.

Amerika muss sich einer schmerzhaften Debatte stellen, über das Zusammenleben von Schwarz und Weiss, und über den Kitt, der das Land zusammenhält. Leider lenken solche Stellungnahmen, abgesondert von professionellen Politikern, nur von dieser Diskussion ab.

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