Pandemie
Die Massentests werden für Österreichs Kanzler Sebastian Kurz zum Desaster - sein Macher-Image bröckelt zusehends

In der Coronakrise macht der Regierungschef in Wien keine gute Figur. Die von ihm unkoordiniert beschlossenen Massentests sollten die Wende bringen - doch nichtmal ein Drittel der Bevölkerung nimmt sie an.

Stefan Schocher aus Wien
Drucken
Teilen
Die Beliebtheitswerte sinken: Österreichs Kanzler Sebastian Kurz wirkt in der Krise unsouverän.

Die Beliebtheitswerte sinken: Österreichs Kanzler Sebastian Kurz wirkt in der Krise unsouverän.

Helmut Fohringer / Pool / EPA

Vor der Stadthalle in Wien herrscht gähnende Leere. Sicherheitsleute stehen rauchend an der Ecke. Innerhalb der Tretgitter, die eine Menschenmenge vor dem Gebäude in eine Schlange formen und ohne Stau ins Innere der Halle leiten sollten: Keine Seele. 40 Testlinien hatte das Bundesheer in der Halle aufgebaut. Drei solche Massentest-Standorte gibt es in Wien. Und das Bild ist überall dasselbe: Der Andrang hält sich, gelinde gesagt, in Grenzen.

Ausgelegt ist das System in Wien auf 1,2 Millionen Tests innerhalb von 10 Tagen. Davon war man Ende der Woche meilenweit entfernt. Die Rede war von der Marke von 150'000 Tests, die man am Donnerstag überschritten habe. Hinzu kommen bis zu 200'000 Tests, die in kleinen auf die Stadt verteilten Test-Containern durchgeführt wurden.

Der nationale Schulterschluss ist gescheitert

Ein Mammutprojekt ist es. Aus dem Ärmel gezaubert von Kanzler Sebastian Kurz im Zuge eines TV-Interviews. Doch langsam sickert die ernüchternde Einsicht durch: Der Versuch, einen nationalen Schulterschluss zu fabrizieren, ist gescheitert.

In Vorarlberg und Tirol, wo die Tests bereits abgeschlossen sind, nahmen gerade einmal um die 30 Prozent teil. In Wien dürfte die Beteiligung weit darunter liegen. In Oberösterreich, einer zuletzt besonders hart von der Pandemie getroffenen Region, meldeten sich schlappe 10 Prozent zu den Tests an. In der Steiermark und dem Burgenland gab es noch keine Tests.

Der Hilferuf des Gesundheitsministers

«Deutliche Optimierungsnotwendigkeit» bei der Teilnahme an den Massentests ortete zuletzt Gesundheitsminister Rudolf Anschober. Alles sei an den Standorten perfekt organisiert. Das müsse jemandem doch eine halbe Stunde wert sein. Das klingt nach einem Hilferuf. Dabei ist der Massentest durchaus nicht ein Herzensprojekt Anschobers. Aber mitgehangen, mitgefangen.

Denn die Massentests sind ein «Stimmungsbarometer», wie es der Politikberater und Autor Thomas Hofer nennt. Sein Fazit: «Die Stimmung hat sich insgesamt eingetrübt.» Habe die Regierung in der ersten Welle der Pandemie «Fabelwerte» von bis zu 80 Prozent Zustimmung gehabt, so habe sich das grundlegend geändert.

Laut Umfragen liegt die ÖVP von Kurz mit rund 40 Prozent zwar nach wie vor unangefochten an erster Stelle. Doch hat das Macher-Image des Kanzlers massiv Schaden genommen. Was Persönlichkeitswerte Kurz' angeht, liegt er praktisch gleichauf mit Anschober (um die 25 Prozent). Der beliebteste Politiker im Land ist Bundespräsident Alexander Van der Bellen (vormals Grüne).

Coronamanagement und Terroranschlag drücken Kurz' Beliebtheitswerte

Vor allem die Handhabe der zweiten Coronawelle sowie der Terroranschlag in Wien haben dem Image von Kurz zugesetzt. Lang wurde zugewartet mit Massnahmen – bis zu einem Zeitpunkt, an dem Aufrufe an die Bevölkerung nicht mehr zogen. Denn viel zu oft war im Vorfeld nicht Kurz der Krisenmanager sichtbar, sondern Kurz der Parteistratege – etwa wenn Covid-Verordnungen mit ÖVP-regierten Ländern akkordiert, die SPÖ-regierten Regionen aber umgangen wurden.

Ein weicher Lockdown blieb praktisch folgenlos. Dann der Anschlag in Wien, und das danach bekannt gewordene Totalversagen in der Zuständigkeit des Innenministeriums. Unter Anwendung normaler politischer Logik hätte das an sich den sofortigen Rücktritt von Innenminister Nehammer (ÖVP) bedingt. Dann die panikartige Verhängung des unpopulären harten Lockdown. Und schliesslich am Tag darauf: Themenwechsel. Kurz verkündet die Massentests. Nur, dass Gesundheitsministerium, Länder und zuständige Gesundheitsdienste davon anscheinend nichts wussten.

So wirbt Kurz jetzt also vehement für die Teilnahme an dem Test. Und so verzweifelt ist die Lage bereits: Zuletzt liess sich der Kanzler sogar mit Wiens Bürgermeister Michael Ludwig öffentlichkeitswirksam selber testen – die beiden gelten als Intimfeinde.