Migration
Die meisten Flüchtlinge suchen sich den Weg über Griechenland

Nie kamen mehr Bootsflüchtlinge übers Mittelmeer als im ersten Halbjahr 2015. Die UNO sieht Europa in einer historischen Krise.

Daniel Fuchs
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Syrische Flüchtlinge landen mit ihrem Schlauchboot an der Küste der Ferieninsel Lesbos.Thanassis Stavrakis/keystone

Syrische Flüchtlinge landen mit ihrem Schlauchboot an der Küste der Ferieninsel Lesbos.Thanassis Stavrakis/keystone

KEYSTONE

Wer meinte, Ende 2014 habe die Flüchtlingswelle über das Mittelmeer ihren Höhepunkt erreicht, der irrte gewaltig. Gestern zog die UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR Halbjahresbilanz: Bis Ende Juni 2015 kamen 137'000 Bootsflüchtlinge über das Meer. In derselben Zeitperiode ein Jahr zuvor waren es noch 75'000. Besonders diesen Frühling explodierten die Zahlen: Allein im Mai setzten mehr als doppelt so viele Menschen übers Meer wie im Vergleichsmonat des Vorjahrs. Weil es in den wetterbedingt stabileren Sommermonaten mehr Menschen über das Meer versuchen, wird ihre Zahl weiterhin steigen. Damit ist absehbar, dass der letztjährige Rekord von 219'000 Bootsflüchtlingen gebrochen wird.

Zahlen

- 137'000 Bootsflüchtlinge, die übers Mittelmeer Europa erreichten, registrierte das UNHCR im laufenden Jahr. Viel, wenn man bedenkt, dass in derselben Zeitperiode des vergangenen Jahres 75 000 Bootsflüchtlinge in Europa landeten.

- 1867 Tote registrierte das UNHCR in der ersten Jahreshälfte 2015. Das entspricht einem Todesrisiko von 1,3 Prozent. Rund 3500 Menschen verloren letztes Jahr gemäss UNO-Angaben ihr Leben beim Versuch, das Mittelmeer zu überqueren. Das entsprach einem Todesrisiko von 1,6 Prozent.

Ein Drittel der Menschen, die 2015 übers Mittelmeer kamen, sind gemäss UNHCR Syrer. Wegen des Bürgerkriegs steht den meisten von ihnen Schutz zu. An zweiter und dritter Stelle folgen Menschen aus Afghanistan und Eritrea, die meist ebenfalls als verfolgt gelten.

Syrer meiden Libyen

Verglichen mit Ländern wie der Türkei, Pakistan oder dem kleinen Libanon, welche die meisten Flüchtlinge beherbergen, ist die Zahl derjenigen zwar klein, die in Europa Schutz suchen. Das UNHCR warnt Europa trotzdem vor einer «maritimen Flüchtlingskrise historischen Ausmasses».

Während Europa über seine eigene und die Zukunft Griechenlands streitet, wählen immer mehr Flüchtlinge ausgerechnet den Weg via Ägäis. Mit bisher 68'000 landeten im laufenden Jahr sogar mehr Bootsflüchtlinge auf einer griechischen Insel als im gesamten Jahr zuvor (43'500). Mehr noch: Die Route via Ägäis nach Griechenland hat jene übers zentrale Mittelmeer nach Malta oder Italien an der Spitze abgelöst (siehe Grafik). In Griechenland wollen die Flüchtlinge freilich nicht bleiben. Sie reisen weiter via Balkanstaaten nach Ungarn, um in den reicheren Ländern West- und Nordeuropas um Asyl zu bitten.

So viele Flüchtlinge kamen dieses Jahr bereits übers Mittelmeer.

So viele Flüchtlinge kamen dieses Jahr bereits übers Mittelmeer.

UNO-Flüchtlingsorganisation UNHCR

Die Route via Libyen und Italien bleibt vor allem für Menschen aus Eritrea (25 Prozent), Nigeria und Somalia (je 10 Prozent) attraktiv. Die Syrer hingegen ziehen den Weg via Türkei/Griechenland vor. Laut UNHCR waren mit über 57 Prozent mehr als die Hälfte der in Griechenland landenden Bootsflüchtlinge Syrer (in Italien sind es nur noch 7 Prozent).

Wie William Spindler vom UNHCR der «Nordwestschweiz» sagt, mehren sich die Anzeichen, dass Syrer das nordafrikanische Transitland Libyen meiden. «Ein Syrer, mit dem ich in Griechenland sprach, erzählte mir von seiner Reise bis an die libysche Grenze. Dort angekommen, beschlossen er und seine Familie, in die Türkei zurückzukehren. Der Weg durch das Bürgerkriegsland Libyen schien ihnen zu riskant», so Spindler.

In Libyen ringen mehrere Gruppierungen um Macht. Darunter Milizen, die dem IS oder al-Kaida nahe stehen. Sie mischen im florierenden Schleppergeschäft mit und organisieren für die Flüchtlinge die Weiterfahrt übers Meer. Zu horrenden Preisen und unmenschlichen Bedingungen. In ihrem Jahresbericht beschreibt die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, was Menschen auf der Flucht in Libyen erwartet: Folterungen, Misshandlungen, Inhaftierungen drohen jenen, die von einer der konkurrierenden Milizgruppen aufgegriffen werden. Eine Besserung der Menschenrechtssituation zeichnet sich nicht ab.

Fehlender Effekt der Abschreckung

Auf dem Weg via Türkei nach Griechenland ergeht es den Flüchtlingen nur wenig besser. Griechenland ist mit der Flüchtlingssituation überfordert. Prekär ist die Situation nicht erst, seit das Land in der Krise steckt. Wie William Spindler vom UNHCR sagt, waren Abschreckungsmassnahmen mittels unmenschlichem Asylverfahren in Griechenland Programm, um die Flüchtlinge davon abzuhalten, überhaupt nach Griechenland zu kommen.

Abschreckung half nichts. Weder in Griechenland noch in Europa, wo sich die Länder derzeit einen Wettstreit darin liefern, möglichst unattraktiv für Flüchtlinge zu sein. Für das UNHCR ist klar: Der Krieg in Syrien, die Ausbreitung des IS, überfüllte Flüchtlingslager in den Anrainerstaaten Türkei, Jordanien und Libanon treiben die Menschen in die Flucht und übers Mittelmeer. Genauso wie die prekäre Menschenrechtssituation in Eritrea oder Somalia und das Fehlen von Perspektiven in den Ländern südlich der Sahara.

Zwar wird die Flucht übers Mittelmeer immer weniger gefährlich, weil die EU massiv ihre Seenotrettung verstärkte. Dies, nachdem im April über 1300 Menschen ums Leben kamen. Trotzdem registrierte das UNHCR im Mai und Juni erneut 80 Tote.