Ehemaliger SS-Wachmann
Beihilfe zu tausendfachem Mord: 100-Jähriger kommt vor Gericht

Durch Hunger, Erschöpfung, in der Gaskammer oder per Genickschuss: Zehntausende verloren im KZ Sachsenhausen ihr Leben. Jetzt kommt ein ehemaliger Wachmann vor Gericht. Ein Prozess, der ohne neue Rechtssprechung nicht möglich wäre.

Christoph Reichmuth
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Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin ist heute eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte.

Das ehemalige Konzentrationslager Sachsenhausen nördlich von Berlin ist heute eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte.

Keystone

Das Konzentrationslager Sachsenhausen vor den Toren Berlins sollte nach Wünschen von Reichsführer SS Heinrich Himmler «jederzeit erweiterbar» konzipiert werden. Die Baracken-Anlage 30 Kilometer nördlich von Berlin hatte bei der Nazi-Führung eine Sonderrolle. Hier wurde experimentiert, sollten Wachleute und SS-Angehörige ausgebildet werden, die später in den Vernichtungslagern im Osten ihrer verbrecherischen Tätigkeit nachgehen würden.

Hier haben sie in einer 11 Quadratmeter kleinen Gaskammer ab 1943 auch mit Vergasungstechniken an Menschen geprobt. Regimegegner, Kriegsgefangene, Juden, Zigeuner – etwa 20'000 Menschen fanden in Sachsenhausen den Tod, 200'000 wurden über all die Jahre bis 1945 in das Lager deportiert.

Mehr als 76 Jahre nach Kriegsende werden einige der Gräueltaten von Sachsenhausen vor einem deutschen Gericht aufgearbeitet. Vor dem Landgericht im brandenburgischen Neuruppin wird sich ein ehemaliger Wachmann des Konzentrationslagers im kommenden Oktober für damalige Verbrechen zu verantworten haben.

Der einstige SS-Wachmann ist heute 100 Jahre alt. Er soll laut Anklage der Staatsanwaltschaft zwischen 1942 und 1945 «wissentlich und willentlich» Hilfe zur grausamen und heimtückischen Ermordung von Lagerinsassen geleistet haben. Die Anklage wirft ihm Beihilfe zu Mord in 3518 Fällen vor. Er war, so glaubt die Anklagebehörde beweisen zu können, Mittäter bei der Erschiessung von Kriegsgefangenen und der Ermordung von Häftlingen mit dem Giftgas Zyklon B.

«Mord verjährt nicht»

Ein 100-Jähriger vor Gericht? Historiker und Rechtsexperten sind überzeugt, dass diese späten Prozesse wichtig sind – für die Opfer und deren Angehörige. «Mord verjährt nicht, darum müssen sich auch ältere Semester vor Gericht verantworten», sagt die Historikerin Stephanie Bohra in der «Welt am Sonntag». «Es geht um die Aufklärung von Verbrechen und ehemalige Häftlinge haben die Gelegenheit, zu berichten, was dort passiert ist».

Ähnlich argumentiert Oberstaatsanwalt Thomas Will. Der Jurist ist seit Oktober 2020 Behördenleiter der 1958 gegründeten «Zentralen Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen» in Ludwigsburg. Die Behörde führte über Jahrzehnte Tausende von Vor-Ermittlungen gegen mutmassliche Nazi-Verbrecher durch. Reichen die Verdachtsmomente gegen die Personen aus, werden die zuständigen Staatsanwaltschaften aktiviert – so wie im Falle des 100-jährigen Ex-SS-Mannes, der in Sachsenhausen diente. Das Strafrecht sei altersneutral, sagt Will und fügt hinzu:

«Solange noch potentielle Beschuldigte leben, soll die Ermittlungsarbeit weitergehen. Und wenn die Beschuldigten verhandlungsfähig sind, kann es zu Prozessen kommen.»

Will hält die juristische Aufarbeitung der Nazi-Gräuel vor deutschen Gerichten fast acht Jahrzehnte nach Kriegsende für wichtig. Opfer und Angehörige kommen gegenüber der deutschen Justiz zu Wort, deutsche Gerichte befassen sich mit einem dunklen Kapitel der deutschen Geschichte. Und nicht zuletzt geht von diesen letzten «Nazi»-Prozessen auch das Signal aus, dass die Gerechtigkeit einen langen Atem hat – auch mit Blick auf Verbrechen und Kriege der Gegenwart.

Demjanjuk-Urteil stiess neue Verfahren an

Dass es so spät überhaupt noch zu Prozessen gegen ehemalige SS-Angehörige kommt, liegt an einer neuen deutschen Rechtssprechung. 2011 wurde der ehemalige Wachmann des Vernichtungslagers Sobibor, John Demjanjuk, in München wegen Beihilfe zu Mord in mehr als 28'000 Fällen zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, obwohl dem gebürtigen Ukrainer keine einzelne Tötungshandlung konkret nachgewiesen werden musste.

Die Richter argumentierten, dass alleine die Tätigkeit in einer Vernichtungsfabrik wie Sobibor für den Tatbestand der Beihilfe zu Mord ausreicht. Egal, welche Aufgabe ein SS-Mann in dem Vernichtungslager ausgeübt hatte – ob er sich an Erschiessungen beteiligt hatte oder die Menschen in die Gaskammer führte oder das Gepäck der Ankommenden an der Rampe sortierte – er war ein Rädchen in einer Mordmaschinerie, ohne das die Tötungsfabrik nicht hätte funktionieren können. Das Demjanjuk-Urteil bzw. diese Rechtssprechung wurde höchstrichterlich im Prozess gegen den ehemaligen Auschwitz-Wachmann Oskar Gröning 2015 für ein Konzentrationslager, in dem systematische Tötungen stattfanden, bestätigt.

Prozess gegen den ehemaligen Auschwitz-Wachmann Oskar Gröning 2015 in Lüneburg. Der damals 94-Jährige wurde wegen Beihilfe zu Mord in 300'000 Fällen zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb 2018, ohne die Haft anzutreten.

Prozess gegen den ehemaligen Auschwitz-Wachmann Oskar Gröning 2015 in Lüneburg. Der damals 94-Jährige wurde wegen Beihilfe zu Mord in 300'000 Fällen zu 4 Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb 2018, ohne die Haft anzutreten.

Tobias Schwarz / AP

Über Jahrzehnte orientierten sich die deutschen Gerichte bei der Verfolgung von NS-Verbrechern zuvor an einem Urteil des Bundesgerichtshofs (BGH) von 1969. Das BGH hielt im Zuge der damaligen Auschwitz-Prozesse fest, dass der alleinige Beweis, in Auschwitz Dienst geleistet zu haben, für eine Verurteilung nicht ausreiche. Dies führte dazu, dass von den 6500 SS-Angehörigen, die von 1939 bis 1945 alleine in Auschwitz Dienst geleistet hatten, nach dem Krieg lediglich 58 für ihre Taten verurteilt worden sind. Nur etwa 0,5 Prozent der sich am Holocaust beteiligten Täter wurden nach dem Krieg juristisch zur Rechenschaft gezogen.

Anfang Oktober soll der Prozess vor dem Landgericht Neuruppin beginnen. Zwei bis zweieinhalb Stunden täglich soll der 100-Jährige, der heute in Brandenburg lebt, verhandlungsfähig sein, attestieren Ärzte. Ihm droht eine Gefängnisstrafe. Was der Mann seit dem Krieg getan hat, wie er gelebt und gearbeitet hat, darüber macht die Anklagebehörde keine Angabe. Weit relevanter als das Strafmass ist die Tatsache, dass sich der mutmassliche Täter vor einem deutschen Gericht doch noch für die Geschichte verantworten muss.

Auch mobile Einheiten unter der Lupe

Derweil durchforschen sie in Ludwigsburg weitere Akten auf der Suche nach noch lebenden SS-Angehörigen, denen möglicherweise der Prozess gemacht werden kann. 1,75 Millionen Karteikarten, gegliedert nach Personen, Tatorte und Einheiten, liegen in Ludwigsburg. 700'000 Namen von Beschuldigten und Zeugen, 28'000 Tatorte vom Kaukasus bis zum Atlantik. In den letzten Jahren hat Wills Behörde jährlich etwa 20 Verfahren gegen potentielle Täter eingeleitet.

In den letzten Jahren ist die Behörde auf neue Dokumente gestossen, vor allem im staatlichen Militärarchiv in Moskau. Darin finden sich Angaben über Täter, Kompanien, Einsatzorte. Und nicht zuletzt will die Behörde auch die mobilen Einheiten unter die Lupe nehmen, die vor allem im Osten unfassbare Gräueltaten begangen hatten, etwa bei den Massenerschiessungen von Juden in Babyn Jar 1941. «Diese Nachweise sind natürlich viel schwieriger zu erbringen», sagt Oberstaatsanwalt Will.

Das KZ-Sachsenhausen war das Experimentierfeld dieses Massenmörders: SS-Reichsführer Heinrich Himmler.

Das KZ-Sachsenhausen war das Experimentierfeld dieses Massenmörders: SS-Reichsführer Heinrich Himmler.

Keystone

Viele Prozesse werden es nicht mehr sein, die in deutschen Gerichten verhandelt werden. Vielleicht ist die Verhandlung gegen den 100-jährigen Ex-SS-Mann von Sachsenhausen gar die letzte dieser Art.

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