Paris
Ein Jahr nach Bataclan: Ein Schatten liegt über dem Savoir-vivre

Ein Jahr nach Bataclan hat die Nation die Unbeschwertheit nicht wiedergefunden.

Stefan Brändle, Paris
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Auch ein Jahr nach den Attentaten ist noch kein Friede. JEAN-BAPTISTE QUENTIN/Keystone

Auch ein Jahr nach den Attentaten ist noch kein Friede. JEAN-BAPTISTE QUENTIN/Keystone

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Sieben Minuten lang, sieben geschlagene Minuten lang dauerte das Gewehrfeuer. Dann rief eine unidentifizierte Stimme: «Steh auf oder ich bring dich um.» So brach der Horror über ein Rockkonzert herein, laut einem Diktaphon, das ein Besucher des Rockkonzertes vom 13. November im Bataclan anstellte, als die drei Terroristen mit Kalaschnikows in den Saal stürmten. Es folgen zwölf weitere Minuten eiskalten, methodischen Tötens, unterbrochen von absurden Selbstrechtfertigungen mit IS-Ideologie. Ein Albtraum, blankes Grauen jenseits des menschlichen Fassungsvermögens. Bilanz: 90 Tote im Bataclan, 40 auf umliegenden Bistro-Terrassen und beim Stade de France. Mehr als 400 Verletzte.

Das «Bataclan» wird am Freitag, 13. November 2015, zum Sinnbild für einen der schlimmsten Terrorangriffe in der Geschichte Frankreichs.
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21.20 Uhr: Vor dem Café Le Carillon eröffnet ein Attentäter das Feuer.
Auch vor dem Petit Cambodge kommt es zur Schiesserei.
Paris im Ausnahmezustand, hunderte Polizisten stehen im Einsatz.
Im Bataclan richten weitere Attentäter während des Konzerts der Band Eagles of Death Metal ein Blutbad an, Dutzende Fans sterben.
Der damalige Präsident Hollande informiert sich im Stadion über die Ereignisse in der Stadt und wird in Sicherheit gebracht. Auch ausserhalb des Stadions wurde eine Bombe gezündet.
Menschen in Angst vor dem Konzertsaal Bataclan nach den Anschlägen in Paris.
Ratlosigkeit, Schrecken: Die Zuschauer nach Spielschluss im Stadion.
Ausnahmezustand in Paris: Über 150 Tote bei Attentaten.
Blutbad im Bataclan in Paris
Bataclan: Konzertbesucher fliehen durch die Hintertür.
Eine Frau hält sich verzweifelt an einer Fenstervorrichtung fest auf der Flucht vor den Attentätern im Bataclan.
Forensiker sichern Spuren im Café Comptoir in Paris.
Trauer in Paris.
Ein Polizist steht Wache beim Eiffelturm in Paris. Nach den Attentaten ist es zu ersten Festnahmen gekommen: Der Vater und Bruder eines getöteten Angreifers sind in Gewahrsam.
Blumen und Kerzen vor dem Club Bataclan in Paris.
Gedenken an die Opfer ein Jahr nach der Anschlagsserie im November 2016.

Das «Bataclan» wird am Freitag, 13. November 2015, zum Sinnbild für einen der schlimmsten Terrorangriffe in der Geschichte Frankreichs.

Christophe Petit Tesson / EPA/EPA

Das Leben geht zum Glück weiter – wie die Zeit: Ein Jahr später, an diesem Samstag, 12. November, will der Musiker Sting den renovierten Saal mit einem Konzert wiedereröffnen. Die 1500 Karten waren in weniger als einer Stunde ausverkauft – mit ein trotziges Zeichen, dass die Franzosen weiterleben und feiern wollen im Ausgehviertel zwischen République und Bastille.

Im Bistro Le Carillon, wo an jenem Freitagabend 15 Menschen starben, hat der viel beschäftigte neue Wirt hinter der Bar keine Zeit für Auskünfte. «Lassen wir das hinter uns», sagt er nur. Im Schaufenster des benachbarten Weinladens steht auf einer lustigen Etikette: «Durst nach Vergnügen». Grégory, mit einer Leuchtweste der städtischen Dienste bekleidet, hilft den Primarschülern über den Fussgängerstreifen vor dem Carillon. Gutgelaunt schüttelt er den passierenden Müttern sogar die Hand. Die vier mit Sturmgewehren patrouillierenden Soldaten grüsst er mit einem herzhaften «Bonjour les gars!»

«Blutspenden hier»

Das Quartett ist schon um die Ecke, als ein Knall die Passanten aufschrecken lässt. Entwarnung: Es war nur der niederfallende Deckel einer Mülltonne, in der ein Obdachloser Essbares sucht. Auch Grégory hat sich schnell wieder gefasst; halbwegs amüsiert zeigt er auf ein rotes Schild: «Par ici on donne son sang» – «hier lang zum Blutspenden». Im Wind zeigt das Schild genau auf die Bistroterrasse. Die Leute vom nahen Spital Bichat hätten auch daran denken können, dass man das hier falsch verstehen könnte, findet er. In den Schaufenstern der Buchhandlungen sieht man den Comic eines «Überlebenden» und mehrere Bücher von Opferangehörigen. Das bekannteste – von Antoine Leiris, der seine Frau Hélène im Bataclan verloren hat – mit dem Titel: «Ihr werdet meinen Hass nicht kriegen.»

An die Soldaten hat sich das Bohème-Viertel längst gewöhnt. Auch auf der Terrasse der Brasserie «La bonne bière» schauen die Leute gar nicht mehr hin, wenn eine Patrouille zirkuliert. An die 100 000 Polizisten, Militärs und Reservisten sind landesweit im Antiterroreinsatz. Seit einem Jahr gilt der Ausnahmezustand, erneuert nach dem ebenso furchtbaren Anschlag von Nizza im Sommer.

Innenminister Bernard Cazeneuve hat zum Jahrestag der Anschläge die neusten Zahlen präsentiert: 4000 Hausdurchsuchungen wurden durchgeführt, 500 Radikalislamisten verhaftet. 95 bleiben mit Hausarrest belegt, 80 wurden des Landes verwiesen; 430 Franzosen wurden an der Abreise in den Dschihad in Syrien gehindert. 20 salafistische Moscheen wurden geschlossen.

Die Franzosen beruhigt das kaum. Zumal es noch andere Zahlen gibt. Die mittlerweile landesbekannte S-Kartei (für «sûreté d’État», Staatssicherheit) umfasst über 10 000 Radikalislamisten. Das Reservoir an potenziellen Attentätern scheint in Frankreich grenzenlos. Gemäss einer Umfrage des konservativen Institutes Montaigne sprechen sich 28 Prozent der französischen Muslime, also mehr als eine Million Menschen in Frankreich, für den Vorrang der islamischen Scharia vor dem Recht der Republik aus. Und 50 Prozent der 15- bis 25-Jährigen. Eine erschreckende Zahl, die der linksliberale Think-Tank Telos kommentierte: «Der jüngste, zugleich oft der prekärste Teil dieser Bevölkerung, befindet sich heute in der Sezession oder gar in der manchmal gewalttätigen Revolte.

Die meisten Franzosen verdrängen diesen Befund, so wie sie die Existenz der Banlieue-Gettos seit Jahrzehnten verdrängen: Das Problem scheint ähnlich unlösbar wie das andere Krebsübel Frankreichs, die Massenarbeitslosigkeit. Im Alltag spricht man ungern über «les attentats». Die Angst ist dem Gewöhnungseffekt gewichen, aber ein Gefühl der unfassbaren, permanenten Bedrohung bleibt. «Eine gewisse Unbesorgtheit ist den Franzosen abhanden-gekommen», schreibt das Wochenmagazin «Le point».

Nach 1100 Terrortoten und -verletzten sind die Bürger wachsamer, vielleicht auch misstrauischer geworden. In der Vorstadtbahn sieht man nach Büroschluss kaum mehr Leute, die sich ein Nickerchen erlauben. Andere fahren gar nicht mehr mit der Metro, sondern nur noch im Bus zur Arbeit, obschon das mehr Zeit in Anspruch nimmt. In TGV-Bahnhöfen wie dem Gare du Nord stellt man sich heute auf lange Wartezeiten vor den Sicherheitschecks ein. Und wer ein Kaufhaus, das Kino oder das Schwimmbad betritt, hält dem Sicherheitsmann von sich aus die geöffnete Tasche hin.

Notrecht wieder aufheben?

So beginnt Frankreich nach dem Schock mit der Langzeitbedrohung zu leben. Polizei, Reservearmee und die von Präsident François Hollande neu geschaffene Nationalgarde haben grossen Zulauf. Die Tourismusbranche leidet seit dem «13. November» unter einem Besucherrückgang von acht Prozent in Frankreich, elf Prozent in Paris; Nationalitäten wie die Japaner bleiben zu 30 Prozent aus. Über diese Imagekatastrophe für die romantische Lichterstadt sprechen die Verantwortlichen auch sehr ungern. In den Krisensitzungen mit der Regierung verlangen sie aber mit Nachdruck die Aufhebung des Notrechtes, das die Reiseveranstalter vor Versicherungsprobleme stellt.

Im Januar könnte der Ausnahmezustand auslaufen. Hollande hatte ihn schon im Juli aufheben wollen – um ihn nach dem Anschlag in Nizza gleich wieder zu verlängern. Alle hoffen, dass jetzt wirklich Schluss sein wird mit den Attentaten und den Trauerzeremonien, den nächtlichen Sirenen und den Soldaten in der Strasse. Frankreich will endlich zur Normalität zurückkehren.

Wohl aus diesem Grund stossen Präsidentschaftskandidaten wie Nicolas Sarkozy oder Marine Le Pen mit ihren Extremvorschlägen auf weniger Echo, als man meinen könnte. Wahlfavorit ist Alain Juppé, der gemässigter, überlegter wirkt. Le Pen setzt nun allerdings auf einen Trump-Effekt. Und die Terrorangst seit dem «13. November» wird ihr sicher auch nicht schaden.

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