Armenien
Ein vergessener Konflikt bricht neu auf

Der Kampf um die armenische Exklave Berg-Karabach in Aserbaidschan ist der am längsten schwelende Konflikt auf dem Gebiet der Ex-Sowjetunion. Jetzt ist er wieder aufgeflammt.

Axel Eichholz, Moskau
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Aserbaidschans Armee fährt mit Panzern auf in der Unruheregion Berg-Karabach (Archivbild).

Aserbaidschans Armee fährt mit Panzern auf in der Unruheregion Berg-Karabach (Archivbild).

KEYSTONE/AP/ABBAS ATILAY

Nach Angaben des armenischen Verteidigungsministeriums griffen aserbaidschanische Streitkräfte in der Nacht zum Samstag Stellungen der Karabach-Armee unter Einsatz von Artillerie, Panzern und Flugzeugen an. Das aserbaidschanische Verteidigungsministerium behauptet hingegen, Armenien habe insgesamt 127 Mal entlang der ganzen Berührungslinie rivalisierender Armeen gegen das Waffenstillstandsabkommen verstossen.

Es handelt sich um die heftigsten Gefechte in der abgelegenen Region im Südkaukasus seit mehr als 20 Jahren. Mindestens 30 Soldaten wurden getötet – 18 auf armenischer, 12 auf aserbaidschanischer Seite. Gestern Sonntagmorgen dauerten die Kämpfe zunächst an. Nachdem die EU, die USA, die UNO sowie Russland sich besorgt über den Ausbruch der Kämpfe geäussert und ein Ende der Gewalt gefordert hatten, erklärte Aserbaidschan gestern Mittag eine einseitige Waffenruhe. Das Verteidigungsministerium in der Hauptstadt Baku teilte mit, die Feuerpause sei als «Zeichen guten Willens» beschlossen worden. Allerdings würden alle von den armenischen Truppen besetzten Gebiete «befreit», sollte das armenische Militär seine «Provokationen» nicht stoppen.

Nicht der «grosse» Krieg

Nach Meinung russischer Experten ist das nicht der befürchtete «grosse Krieg». Bei genauem Hinsehen entpuppten sich die «Offensiven entlang der ganzen Berührungslinie» als lokale Schiessereien. Keine der beiden Seiten sei momentan bereit, die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen, heisst es. Armenien habe bis 1994, als der Waffenstillstand vereinbart wurde, neben Karabach sieben anliegende aserbaidschanische Bezirke besetzt und wolle nur diese Eroberungen behalten. Es würde sich hüten, das fragile Gleichgewicht zu verletzen.

Der aserbaidschanische Präsident Ilcham Alijew steht dagegen unter dem Druck der eigenen Öffentlichkeit, die auf die Rückeroberung der besetzten Gebiete drängt. Hinzu kommt der derzeit niedrige Ölpreis. Die ausgebliebenen Einnahmen aus dem Ölhandel produzieren soziale Spannungen. Ein kleiner, siegreicher Krieg könnte Abhilfe schaffen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat bereits erklärt, das türkische Volk stehe auf der Seite seiner aserbaidschanischen Brüder. Er hat aber derzeit zu Hause alle Hände voll zu tun. Zudem müssen Baku und Ankara auf Moskau Rücksicht nehmen, das ein Militärbündnis mit Jerewan verbindet.

Aserbaidschan droht

Der armenische Präsident Serge Sagssjan hat bereits verkündet, dass er sich in äusserster Not an Russland um Militärhilfe wenden werde. Er hatte den russischen Präsidenten Wladimir Putin am 10. März in Moskau besucht. Einzelheiten des Besuchs drangen nicht an die Öffentlichkeit. Es hiess lediglich, es sei um «Militärisches» gegangen. Gestern kündigte Sagssjan ein Gesetz an, wonach Armenien sich bei einem Überfall auf Karabach sofort einschalten muss.

Von der Gegenseite sind kriegerische Töne zu vernehmen. Der aserbaidschanische Botschafter in Moskau erklärte, wenn die Friedensgespräche im Sande verlaufen, werde sein Land das Karabach-Problem auf dem Kriegsweg lösen.

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