Völkermord an Armeniern
Endstation Syrische Wüste: Eine Million Menschen starben bei Deportation

Heute vor 100 Jahren begann das Osmanische Reich seinen Völkermord an den Armeniern. Zahllose Berichte zeugen davon, wie junge Frauen vergewaltigt, verschleppt und verkauft wurden. Tausende wurden erschossen oder in die Fluten des Euphrat geworfen.

Mathias Küng
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Eine armenische Mutter beugt sich in Aleppo (heute gehört diese Stadt zu Syrien) über ihr totes Kind

Eine armenische Mutter beugt sich in Aleppo (heute gehört diese Stadt zu Syrien) über ihr totes Kind

Everett/Keystone

Das Leben im zerfallenden Osmanischen Reich wurde für die kleine christliche Minderheit der Armenier in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts immer schwieriger. Sie bekamen den wachsenden Nationalismus auch als Nicht-Muslime zunehmend zu spüren. Interventionen ausländischer Mächte zu ihren Gunsten nützten nichts.

1894 bis 1896 fielen rund 100 000 Armenier riesigen Pogromen zum Opfer. 1909 setzten die Jungtürken den Sultan ab. Damit kamen die Armenier vom Regen in die Traufe. Die neuen Machthaber strebten eine homogene osmanische Gesellschaft an. Da waren die Armenier im Weg.

Augenzeuge: Soldat berichtet von Massaker

Armenische Armeeangehörige wurden 1915 entwaffnet und in Arbeitsbataillonen zusammengefasst, dann auch systematisch ermordet. Ein Überlebender berichtete dem Schweizer Jakob Künzler in Urfa (heutige Südosttürkei) über das Ende von 60 Kameraden. Sie waren am 15. August zu angeblichem Strassenbau unterwegs. Plötzlich wurden sie von Gendarmen umzingelt, mussten sich ausziehen und wurden je zu zweit mit blutigen Stricken zusammengebunden.

Dann führte man sie an einen Felsvorsprung – vorbei an noch zuckenden Leibern getöteter Kameraden: «Den vordersten zweien nahm man nun die Fessel ab. Einer nach dem andern musste sich von dem Felsen herabstürzen, aber vorher zwischen zwei mit langen Messern bewaffneten Gendarmen hindurch, welche jeder dem Opfer noch einen Messerstich versetzten.» Wer dann noch lebte, wurde erschossen oder mit Äxten erschlagen. Mehrere lebten trotzdem noch. Drei vermochten sich von der Richtstätte fortzuschleppen. Sie sahen schon die nächsten Kameraden auf ihrem letzten Gang nahen.

Die neuen Machthaber wollten den Ersten Weltkrieg nutzen, wie der deutsche Botschafter Hans von Wangenheim im Juni 1915 nach Berlin meldete, um mit ihnen «gründlich aufzuräumen», ohne durch ausländische Interventionen gestört zu werden. Innenminister Talât Pascha erklärte schon am 31. August 1915 in der Botschaft des verbündeten Deutschen Reiches in Konstantinopel: «Die armenische Frage existiert nicht mehr.» Der Ausspruch kam aber verfrüht, das Leiden der Armenier war noch lange nicht vorbei.

Die Katastrophe beginnt

Was damals geschah, nennen die Armenier aghet (Katastrophe). Die osmanische Staatsführung hatte beschlossen, die Armenier zu deportieren, wie sie es nannte. Im Mai 1915 wurde dafür ein Deportationsgesetz verabschiedet. Schon vorher waren armenische Soldaten entwaffnet und in Arbeitsbataillonen zusammengefasst worden. Sie bauten unter misslichsten Umständen Strassen oder wurden als menschliche Lastesel missbraucht. Zahllose wurden schliesslich getötet (vgl. Box Augenzeugenbericht).

Am 24. April 1915, also vor genau 100 Jahren, wurden in Konstantinopel über 200 Angehörige der armenischen Elite verhaftet und die meisten getötet. In den folgenden Monaten erging von Dorf zu Dorf der Befehl, sich für die Deportation bereitzumachen. Viele, die sofort zum Islam konvertierten, überlebten. Wer sich weigerte, wurde deportiert. Glücklichere wurden in Viehwagen mit der Bahn verschickt. In der Regel mussten die Menschen den Weg in die Syrische Wüste aber zu Fuss antreten.

Totaler Willkür ausgeliefert

Sehr oft wurden die in den Dörfern verbliebenen Männer schon vor der Deportation abgesondert, weggeführt und erschossen. So traten meist nur Frauen und Kinder den Weg ins Nichts an. Unterwegs wurden manche Deportationszüge von ihren Bewachern gegen räuberische Angreifer geschützt.

Einst protestierten 433 000 Schweizer

Unter der Herrschaft von Sultan Abdul Hamid II. wurden im damaligen Osmanischen Reich 1894 bis 1896 in Pogromen über 100 000 christliche Armenier getötet. Diese Massaker riefen in Europa und den USA Empörung hervor. In der Schweiz nahm man lebhaft Anteil am Schicksal der kleinen armenischen Minderheit. Eine Armenierhilfe sammelte 700 000 Franken Hilfsgelder – damals eine enorme Summe. Zum Vergleich: Ein Schuster verdiente damals 550 Franken im Jahr.

Auf Protestversammlungen folgte eine Unterschriftensammlung. Mit einer Petition sollte der Bundesrat zum Handeln bewegt werden. Ihm wurden im Frühling 1897 schliesslich 433 000 Unterschriften überreicht – bei einer Bevölkerungszahl von 3,1 Millionen. Doch der Bundesrat intervenierte nicht. Er verwies auf die Neutralität der Schweiz.

Im Oktober 1915, als immer mehr Berichte über nunmehr systematische, massenhafte Tötungen an Armeniern nach aussen drangen, organisierte dafür das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) in Genf einen leidenschaftlichen Appell 100 schweizerischer Persönlichkeiten. Mehrere Schweizer Zeitungen berichteten über die neue Dimension von Massakern. Die «NZZ» nannte sie schon im September 1915 beim Namen: «Die Vernichtung eines christlichen Volkes».

Im Jahr 2003 bezeichnete auch der schweizerische Nationalrat diese Geschehnisse erstmals als Völkermord. Der Bundesrat hatte sich dagegen gewehrt. Ohne die Massaker zu leugnen, bezeichnete daraufhin der türkische Politiker Dogu Perincek in der Schweiz den Völkermord eine «internationale Lüge». Er provozierte damit eine Verurteilung wegen Rassendiskriminierung. Er zog das Urteil weiter. Eine Abteilung des Europäischen Gerichtshofes für Menschenrechte (EGMR) entschied 2013 überraschend, die Schweiz habe mit ihrem Schuldspruch Perinceks Meinungsfreiheit verletzt. Im Januar 2015 führte die grosse Kammer des Strassburger Gerichtshofs dazu eine Anhörung durch. Jetzt warten alle gespannt auf ihren Entscheid. (MKU)

Zahllose Berichte zeugen aber davon, wie die Deportierten, für deren Verpflegung nicht gesorgt wurde und die unsäglichen Hunger und Durst litten, unterwegs von ihren Bewachern und/oder von kurdischen Banden ausgeplündert, misshandelt und vergewaltigt wurden. Zahllose junge Frauen und Mädchen wurden unterwegs verschleppt und verkauft.

Viele Türken nahmen voller Mitleid armenische Waisen auf, versuchten, den vorbeiziehenden Elendsgestalten etwas zu Essen zu geben. Andere plünderten mit Inbrunst die zurückgelassene Habe der Vertriebenen, soweit der Staat diese nicht selbst einzog.

In Urfa in der heutigen Südosttürkei, wo der Schweizer Jakob Künzler in einem Missionsspital arbeitete, zogen Zahllose auf dem Weg in die syrische Wüste vorbei. Künzler schrieb: «Bei den Deportierten befanden sich keine Männer mehr, sie bestanden nur noch aus Frauen und Kindern im Alter von vier bis 12 Jahren.» Frauen berichteten auch, dass man sie absichtlich kreuz und quer herumführe. Für sie war klar, warum: Es sollten unterwegs möglichst viele umkommen. Wer konnte, sprang unterwegs in einen Fluss oder in eine Schlucht, auf dass es endlich ein Ende habe.

Endstation Wüste

Trotz entsetzlicher Strapazen langten nach Schätzungen Hunderttausende in Konzentrationslagern in der syrischen Wüste an. Einige konnten zwischenzeitlich dort tatsächlich Fuss fassen, zahllose aber vegetierten in primitiven Zelten, in Erdlöchern oder auf blossem Boden. Es herrschten Hunger und Durst, Krankheiten und Seuchen. Jakob Künzler berichtet von einem Lager mit 60 000 Menschen. Der zuständige Gouverneur habe schliesslich deren «Vertilgung» angeordnet. Künzler: «In kleinen Gruppen wurden sie ausserhalb der Stadt umgebracht und in die Fluten des Euphrat geworfen.»

Bagdadbahnbauer als Letzte

Die letzten Deportierten, die im Juni 1916 durch Urfa kamen, waren erstaunlicherweise Männer. Künzler schreibt: «Es waren armenische Arbeiter, die man so lange für den Bau der Bagdadbahn gebraucht hatte.»

Nach Schätzungen überlebten etwa 600 000 Armenier. Zahllose flohen nach Russland und weiter in viele Länder, auch in die Schweiz. Jakob Künzler selbst brachte 1921/22 8000 Waisenkinder nach Syrien. Über einen Roman von Franz Werfel ist der Widerstand einer Gruppe von Armeniern berühmt geworden, die auf dem Berg Musa Dagh an der Küste um ihr Leben kämpften und von französischen Schiffen gerettet wurden.

300 000 oder 1 Million Tote?

Damals starb wohl eine Million Menschen. Die Armenier schätzen die Toten auf 1 bis 1,5 Millionen. Laut der offiziellen Türkei, die aus dem Osmanischen Reich hervorgegangen ist, gab es rund 300 000 Opfer. Einen Völkermord weist sie kategorisch zurück. Die Deportationen seien eine Notmassnahme des Staates gewesen, der um seine Existenz rang und sich der Loyalität der armenischen Untertanen nicht habe sicher sein können.

Der amerikanische Botschafter in Konstantinopel, Henry Morgenthau, schrieb später in seinen Memoiren: «Als die türkischen Machthaber die Anweisungen für diese Deportationen gaben, fällten sie ein Todesurteil für eine ganze Rasse; dies war ihnen sehr wohl bewusst, und in den Gesprächen mit mir unternahmen sie keinen Versuch, diese Tatsache zu verbergen. (...) Die grossen Massaker und Verfolgungen der Vergangenheit wirken geradezu unbedeutend, verglichen mit den Leiden des armenischen Volkes.»

Manuschak Karnusian: Unsere Wurzeln, unser Leben. Armenierinnen und Armenier in der Schweiz. Stämpfli-Verlag, Bern 1915.
Rolf Hosfeld: Tod in der Wüste. Der Völkermord an den Armeniern. C.H.- Beck-Verlag, München 2015.
Franz Werfel: Die 40 Tage des Musa Dagh. Roman, Fischer-Taschenbuch 2011, Neuauflage.
Jakob Künzler: Im Lande des Blutes und der Tränen. Neu herausgegeben vom Chronos-Verlag, Zürich 2004.

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