Venezuela
Exodus aus Maduros Hölle: Das Volk flieht und der Regierung passts

Die Zahl der venezolanischen Flüchtlinge schnellt in die Höhe. 57 Prozent der Venezolaner wollen ihre Heimat schnellstmöglich verlassen. Warum das der Regierung ganz gelegen kommt.

Sandra Weiss Aus Puebla
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57 Prozent der Venezolaner wollen ihre Heimat schnellstmöglich verlassen, wie diese Frau mit ihrer Tochter. Keystone

57 Prozent der Venezolaner wollen ihre Heimat schnellstmöglich verlassen, wie diese Frau mit ihrer Tochter. Keystone

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Mit einem Rucksack auf dem Rücken, einem Fernseher in den Armen, 50 Dollar in der Tasche und verzweifelter Hoffnung im Gesicht stand Gregory Ruiz vor ein paar Monaten in einer langen Schlange auf der Grenzbrücke nach Kolumbien und kehrte seiner Heimat Venezuela den Rücken. «In Venezuela gibt es keine Arbeit und nichts zu essen», sagte er einem kolumbianischen Reporter. Den Fernseher verkaufte er in der kolumbianischen Grenzstadt Cúcuta für ein paar hundert Dollar. Sein Startkapital reichte nicht lange. Jetzt schläft der 24-Jährige im Stadtpark, isst in Suppenküchen und sucht verzweifelt einen Job.

Schreiner hat er gelernt, aber er würde alles annehmen. Doch Jobs sind rar in der Grenzstadt, in der täglich neue Flüchtlinge ihr Zelt aufschlagen. Trotzdem wolle er nicht zurück, sagt Díaz. «Hier habe ich wenigstens zu essen.» Venezuela, mit seinem Erdöl einst das reichste und politisch stabilste Land Südamerikas, war in den 70er- und 80er-Jahren Anziehungspunkt für Migranten aus der ganzen Region. Jetzt blutet es aus. Die Jugend flieht, die Mittelschicht flieht – und mittlerweile fliehen auch Arme wie Ruiz, der aus dem Elendsviertel Petare der Hauptstadt Caracas stammt.

Die Kleinen schlachten, damit die Grossen essen können

Abgemagerte Löwen; Pumas, so klein wie Hauskatzen und Tiger, die vor Entkräftung nur noch schlafen. So sieht es schon seit geraumer Zeit aus in den venezolanischen Zoos. Ein Bild des Grauens, das einem die Nackenhaare aufstellt. Erst letztes Jahr fand «Ruperta» den Weg in die Herzen der Menschen.

Das Bild der Elefantin aus dem Zoo in Caracas ging viral: Sie bestand nur noch aus herunterhängender Haut und wog ganze zwei Tonnen weniger, als sie eigentlich sollte. «Ruperta» wurde zum Leid-Bild der venezolanischen Armut. Leute aus aller Welt spendeten, auch Prominente nutzten ihre Strahlkraft, um dem abgemagerten Geschöpf zu helfen.

Die Welt schien aufzuwachen. Doch genauso abrupt, wie «Ruperta» auftauchte, war das Ganze wieder vergessen – die Welt drehte sich weiter. Bis (hoffentlich) jetzt. Neue Bilder eines anderen Zoos in Venezuela treiben einem die Tränen in die Augen. Im Zoo «Zulia» leben allerlei Wildkatzen, die nicht mehr als solche zu erkennen sind. Die Tiere kriegen (wenn überhaupt) nur einmal pro Woche etwas zu Fressen – meistens nicht einmal ein Stück Fleisch. Falls es aber doch Fleisch geben sollte, dann das von kleineren Zoo-Tieren. Die Betreiber des «Zulia»-Zoos schlachten diese nämlich, um die grösseren Tieren zu füttern. Eine gute Nachricht gibts aber doch noch: Zumindest «Ruperta» geht es inzwischen besser. Bleibt nur zu hoffen, dass es mit den «Zulia»-Bewohnern genauso schnell bergauf geht. (Deborah Gonzalez)

Knapp drei der 30 Millionen Venezolaner leben nach Umfragen des Observatoriums «Stimme der Diaspora» im Ausland. Einer konservativeren Schätzung der UNO zufolge sind es nur anderthalb Millionen. Dennoch ist die Fluchtwelle aus Venezuela laut dem UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR neben den Abwanderungsbewegungen in Syrien und Myanmar derzeit der grösste Massenexodus der Neuzeit.

Sieben Dollar im Monat

Ausgelöst wurde er durch den Absturz Venezuelas, dessen Wirtschaft seit dem Amtsantritt von Präsident Nicolás Maduro im Jahr 2013 um einen Drittel schrumpfte. Gleichzeitig schnellte die Kriminalität in die Höhe. Hyperinflation frisst die Löhne auf, Hunger und Krankheiten breiten sich aus.

Wer es sich leisten kann, kauft sich ein Flugticket. Panama, Peru, Mexiko, Ecuador, Chile, Spanien, die USA, Kanada und Israel gehören zu den beliebtesten Zielen der Mittelschicht. Die Ärmeren fahren mit dem Bus an die Landesgrenzen und gehen zu Fuss nach Kolumbien oder Brasilien. Oder sie heuern auf einem Fischerboot an und versuchen, die vorgelagerten Inseln Aruba, Bonaire oder Curaçao zu erreichen.

«Die Fluchtwelle begann 2015 und hat sich seither exponentiell beschleunigt», sagt der Direktor des Observatoriums, Tomas Paez. «Wegen der Inflation sind 82 Prozent aller Venezolaner in die Armut gestürzt. Auch ich als Universitätsprofessor verdiene umgerechnet nur sieben Dollar im Monat.» Einer Umfrage des Instituts Datincorp zufolge wollen mehr als die Hälfte aller Venezolaner das Land verlassen.

Rund 600 000 Venezolaner leben in Kolumbien. Das Nachbarland bekommt den Grossteil des Flüchtlingsstroms ab. In den USA sind 300 000, in Spanien 210 000, in Chile 120 000 Venezolaner registriert. Die Dunkelziffer dürfte hoch sein. Viele Venezolaner reisen als Touristen ein und bleiben dann einfach.

Ganz pässlich für die Regierung

In den Nachbarländern schrillen mittlerweile die Alarmglocken. «Lateinamerika ist nicht vorbereitet auf so eine Krise», warnt Patricia Andrade von der US-Flüchtlingshilfegruppe Venezuela Awareness. Grenzstädte wie Macao und Cúcuta in Kolumbien oder Boa Vista in Brasilien sehen sich mit einer humanitären Krise konfrontiert und mussten Flüchtlingslager, mobile Krankenstationen und Suppenküchen einrichten.

Der Einwandererstrom sei das akuteste Problem Kolumbiens, erklärte Präsident Juan Manuel Santos und erhöhte die Militärpräsenz in der Grenzregion. Panama, wo 80 000 Venezolaner registriert sind, führte die Visumspflicht ein. Aruba und Curaçao schlossen die Grenzen und verlangen von jedem venezolanischen Neuankömmling, dass er mindestens 1000 US-Dollar in bar vorweisen kann. Das brasilianische Grenznest Pacaraima hat seine Einwohnerzahl durch die Flüchtlinge innerhalb weniger Monate auf 30 000 verdreifacht. Bettelei, Prostitution und Strassenraub haben zugenommen. Das schafft Spannungen. Allenthalben kommt es zu fremdenfeindlichen Ausbrüchen, und an den Grenzübergängen zu unkontrollierbaren Tumulten.

Venezuelas Regierung, die die Katastrophe verursacht hat, stellt sich taub. Den unpopulären Sozialisten kommt es zupass, wenn die Unzufriedenen das Land verlassen. «Das sind lauter Frustrierte der gescheiterten Proteste», erklärte die Gefängnisministerin Iris Varela. «Hoffentlich bleiben sie, wo der Pfeffer wächst.» Bildungsminister Elias Jaua hingegen zeigte sich zuversichtlich, dass die Emigranten eines Tages zurückkehren werden. Ruiz, der verzweifelte Flüchtling, sagt: «Vielleicht. Aber erst, wenn die sozialistische Mafia weg ist.»

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