Migranten
Flüchtlinge vor Toren der Schweiz: «Keine Mauer wird diese aufhalten»

In Como ein paar Kilometer von der Schweizer Grenze entfernt, gibt es ein Asylheim mit vorwiegend Schwarzafrikanern. Einige wollen in Italien bleiben, andere suchen den Weg nach Norden – auch in die Schweiz.

Gerhard Lob, Como
Merken
Drucken
Teilen
«Einen Job finden und arbeiten»: Asylsuchende in der Caritas-Unterkunft in Como.

«Einen Job finden und arbeiten»: Asylsuchende in der Caritas-Unterkunft in Como.

© Ti-Press

Das Handy piepst, ein SMS ist eingegangen. Roberto Bernasconi liest die Nachricht und sagt: «Sehen Sie, das ist unser Alltag.» Eine Nachricht von der Präfektur in Como. Für den nächsten Tag würden in Catania, Sizilien, 150 Flüchtlinge erwartet. «11x como» heisst es dann. Elf Flüchtlinge für Como.

Das Beispiel zeigt auf, wie die Verteilung der Flüchtlinge, die übers Mittelmeer Italien erreichen, im Regelfall via Lampedusa oder Sizilien, erfolgt. Sie werden auf die italienischen Regionen prozentual zu ihrem Bevölkerungsanteil verteilt. Und in jeder Region werden die Flüchtlinge wiederum auf die Provinzen aufgeteilt. Die Caritas von Como ist für die Diözese Como zuständig, deren Gebiet die Provinzen Como und Sondrio umfasst.

Roberto Bernasconi ist Diakon und Direktor der Caritas, die sich in einem altehrwürdigen Palazzo gleich beim Stadtzentrum von Como befindet. Sein Büro ist schmucklos, einzig ein Kreuz ziert die hohe Wand hinter seinem Schreibtisch. Nur sieben Kilometer ist es von hier bis zur Schweizer Landesgrenze bei Chiasso, und doch hat man das Gefühl, auf einem anderen Planeten zu sein.

Roberto Bernasconi, Caritas-Direktor in Como.

Roberto Bernasconi, Caritas-Direktor in Como.

Nordwestschweiz

Im Eingangsbereich sitzt ein Dutzend junger Männer – Schwarzafrikaner. «Das sind unserer Jungs – i nostri ragazzi», sagt Bernasconi liebevoll. Junge Männer aus Mali, aus der Elfenbeinküste oder aus Nigeria, die zur Questura, zur Staatspolizei, gebracht werden, um mit der Erfassung für die Asylanträge zu beginnen. Sie sind auffallend gut gekleidet. «Sie legen grossen Wert darauf, bei der Polizei einen guten Eindruck zu hinterlassen», weiss der Diakon. Unterhalten kann man sich kaum mit ihnen, denn Fremdsprachen können sie nicht. Einer erzählt in gebrochenem Französisch von seiner halsbrecherischen Reise im Boot übers Mittelmeer.

Konflikt mit der Region Lombardei

Die Caritas Como betreut rund 700 Flüchtlinge – Tendenz steigend. Das klingt nicht nach Massen, und doch braucht es eine ausgefeilte Logistik, zumal die von der Lega Nord geführte Region Lombardei für die Flüchtlinge keinen Finger rührt. Daher kommuniziert die Präfektur als Vertretung der Zentralregierung direkt mit der kirchlich-karitativen Organisation. Neben eigenen Aufnahmezentren hat die Caritas auch Partnerschaftsabkommen mit anderen kirchlichen Organisationen oder NGOs abgeschlossen. Zudem werden Flüchtlinge in Hotels untergebracht, insbesondere im Veltlin. Damit begibt sich die Caritas in einen direkten Konflikt mit der Region Lombardei. Deren Präsident, Roberto Maroni, twitterte vor wenigen Tagen: «Diejenigen, die nun ankommen, sind Illegale und keine Flüchtlinge, und Illegale dürfen nicht in Hotels untergebracht werden.»

Bernasconi hat da natürlich eine andere Einstellung. Überhaupt ist er der Ansicht, dass die ankommenden Flüchtlinge nicht nur eine vorübergehende Erscheinung sein werden: «Sie sind unsere Zukunft, denn Italien ist ein alterndes Land, das selbst nicht mehr an eine eigene Zukunft glaubt.»

In der Bevölkerung wird diese Meinung keineswegs geteilt. Ganz im Gegenteil. Viele Italiener finden, dass die Kosten für die Flüchtlinge viel zu hoch sind: 35 Euro pro Tag oder umgerechnet 1000 Euro pro Monat gibt die Regierung aus, unterstützt von einem EU-Fonds für Flüchtlinge. Das sei mehr, als viele Berufstätige in einfachen Jobs verdienen oder Rentner erhalten, schimpfen viele Italiener.

2.50 Euro Taschengeld pro Tag

Bernasconi kennt diese Argumente und stellt gleich klar, dass die 35 Euro nicht an die Flüchtlinge direkt gehen, sondern an die Nichtregierungsorganisationen. Damit müssen Schlafplätze, Essen, gesundheitliche Versorgung und juristischer Beistand bezahlt werden. Das Geld fliesse in italienische Geschäfte und Gesundheitseinrichtungen – 95 Prozent des Betrags bleibe im Land. Die Flüchtlinge selbst erhalten 2.50 Euro Taschengeld pro Tag. «Das ist sehr wenig, und doch schaffen es viele, von den 70 Euro im Monat noch 50 oder 60 Euro an ihre Familien in Afrika zu senden», weiss Bernasconi.

Im hinteren Teil des Palazzo befindet sich das eigentliche Aufnahmezentrum mit den Schlafsälen. Einige Schwarzafrikaner sitzen recht teilnahmslos vor einem Fernseher. Moussa aus Mali ist einer der jungen Männer, und er hofft, in Italien bleiben zu können. Klare Pläne hat er aber nicht oder kann sie nicht äussern. «Einen Job finden und arbeiten», gibt er zu verstehen. Er gehört zur Gruppe derjenigen, die in Italien bleiben wollen. Sie stammen fast alle aus Ländern der SubSahara.

Auch Syrer und Eritreer gibt es in Como. Doch sie sind in der Regel nur auf der «Durchreise». Sie wollen weiter nach Deutschland oder Skandinavien, wo bereits Verwandte wohnen. «Die Schweiz ist nur für wenige ein Ziel», weiss Bernasconi. Die Schlepper würden die Schweiz eher umgehen, da sie wüssten, wie gut die Grenzen bewacht seien. Apropos Schlepper: Rund 700 bis 800 Euro pro Person wird für eine Passage aus der Lombardei nach Nordeuropa bezahlt.

Gleichwohl spielt auch die Schweizer Grenze hier eine wichtige Rolle. Flüchtlinge, die in der Schweiz aufgegriffen werden, aber zuvor in Italien registriert wurden, werden im Rahmen des Dublin-Abkommens nach Italien überstellt. Dies geschieht vielfach just in Ponte Chiasso, also vor der Haustür Comos. «Und diese landen dann häufig bei uns», so Bernasconi. Ihre Perspektiven sind wenig aussichtsreich, wenn das Asylgesuch abgelehnt wird. Viele tauchen ab.

Beeindruckend viele Freiwillige

Die Diözese Como hat sich die Flüchtlingsbetreuung jedenfalls zu Herzen genommen. Neben Bernasconi sind mittlerweile 15 Personen dauerhaft beschäftigt, meist Jung-Akademiker, die im krisengeschüttelten Italien keine Anstellung finden. Dazu kommen noch 500 Freiwillige, die sich in irgendeiner Weise in den Dienst der Flüchtlinge stellen. Eine beeindruckende Zahl. Einer von ihnen ist Salvatore Curro. Er ist hauptberuflich Mittelschullehrer für Literatur. Drei Mal pro Woche kommt er nachmittags in die «Scuola di Italiano per stranieri», um Ausländern gratis Italienisch-Unterricht zu erteilen. «Denn ohne Sprachkenntnisse kommen diese Flüchtlinge überhaupt nicht weiter», sagt er. Caritas-Chef Bernasconi pflichtet ihm bei. Italien müsse sich dauerhaft auf diese Zuwanderung einstellen: «Keine Mauer wird diesen Migrationsfluss aufhalten.»