Flugzeug-Crash
«Die Schreie bleiben in mir»: Wie Bahia Bakari als einzige einen Flugzeugabsturz überlebte

Die Franko-Komorin war eine von 153 Passagieren des Fluges Paris-Moroni. Am Prozess gegen die Airline erzählt die junge Frau, wie sie den Absturz überlebte. Und nur sie.

Stefan Brändle, Paris
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Bahia Bakari am laufenden Prozess in Paris.

Bahia Bakari am laufenden Prozess in Paris.

Bild: Keystone

Sie hatte einen Fensterplatz, neben ihr sass die Mutter. Es war ein Nachtflug nach Moroni, der Hauptstadt der Komoren, doch Bahia brachte kein Auge zu. In Frankreich aufgewachsen, besuchte die 12-Jährige in jenem Sommer 2009 erstmals ihr Herkunftsland. Aufgeregt fragte sie sich, wie es wohl sein werde, und welche Familienangehörigen sie sehen würde. Nur etwas wäre ihr nie in den Sinn gekommen: die Idee, dass sie in wenigen Minuten ein Wunder erleben würde.

Jetzt, 13 Jahre später, steht die junge Frau in einem Saal des Pariser Justizgebäudes, ganz in Weiss gekleidet. Sie wirkt sehr natürlich und spontan, sagt, sie müsse die Erinnerungen wie aus einer alten Schachtel holen, obwohl sie alles schon so oft erzählt habe. Etwa, dass die 142 Passagiere in Sanaa, der Hauptstadt Jemens, unvorhergesehen das Flugzeug hatten wechseln müssen. In der neuen Maschine roch es nach Toilette, und die Hostessen versuchten mit einem Zitronenspray, die Fliegen zu vertreiben.

Wie ein elektrischer Schock

Beim Anflug geriet der Airbus A310 der Gesellschaft Yemenia in Turbulenzen. Doch sei niemand in Panik geraten, erzählte Frau Bakari diese Woche vor Gericht; sie selber habe gedacht, das sei wohl so, wenn man auf einer Insel im Indischen Ozean lande.

Das 12-jährige Absturzopfer im Spital von Moroni, im Jahr 2009.

Das 12-jährige Absturzopfer im Spital von Moroni, im Jahr 2009.

Bild: Keystone

Plötzlich ging aber alles blitzschnell. Die Zeugin erinnert sich noch an das Gefühl, sie werde mit einer unsichtbaren Kraft nach oben gezerrt und erhalte wie einen elektrischen Schock. Dann riss der Film. Nichts. Schwarz.

«Als ich wieder aufwachte, blieb es dunkel», erzählt Bahia. Jetzt befand sie sich plötzlich im Meereswasser.

«Ich sah drei Wrackteile, schwamm zum grössten und versuchte, darauf zu klettern. Ich schaffte es aber nicht; so blieb ich im Wasser und klammerte mich daran.»

Im Dunkeln hörte sie Schreie von Frauen. Es seien wohl deren fünf oder sechs gewesen, schätzt Bahia; aber zu sehen war niemand in dem aufgerauhten Meer. Koffer schwammen darin, Essplateaus, Flugzeugteile. Es roch nach Kerosin.

Mutterseelenallein

Mit der Zeit verstummten die Hilferufe. Aber Bahia weiss heute: «Die Schreie bleiben auf immer in mir.» Vom Flug und dem Crash ermüdet, hielt sie sich stundenlang an dem Flugzeugteil fest; irgendwann muss sie sogar eingeschlafen sein. Denn als sie zu sich kam, dämmerte der Morgen. Bahia machte eine Küste aus, doch die Strömung war zu stark, um in die Nähe zu kommen.

Das zwölfjährige Mädchen war mutterseelenallein im Ozean – sprichwörtlich. «Ich dachte viel an meine Mutter. Um mich vor der Wirklichkeit zu schützen, stellte ich mir vor, ich sei aus dem Flugzeug gefallen, und meine Mutter setze nun im Flughafen alle Hebel in Bewegung, um Hilfstruppen zu meiner Rettung aufzutreiben.»

Als einzige Überlebende eines Airbus-Crashs in einer Notfallstation.

Als einzige Überlebende eines Airbus-Crashs in einer Notfallstation.

Bild: Keystone

Bahia klammerte sich weiter an das Wrackstück. «Ich dachte an Haie», sagte sie, und heute kann sie darüber lachen. Oder sie musste an den Robinson-Film «Verschollen» mit Tom Hanks denken.» Sie verlor jedes Gefühl für die Zeit. Einmal flog ein Flugzeug über sie hinweg. Dann näherte sich ein kleines Schiff. Ein paar Fischer holten sie aus dem Wasser. Das war elf Stunden nach dem Absturz, wie sie später erfahren sollte.

Dieser Tage am Pariser Prozess.

Dieser Tage am Pariser Prozess.

Bild: keystone

Bahia war gerettet, doch im Spitalbett stellten sich nun der Schmerz ein. Am linken Auge war ein Knochen gebrochen, ihre Fusssohlen waren verbrannt, die Haut vom Salz entzündet. Ein Bild zeigt sie mit stark geschwollenem Gesicht. Und vor allem erfuhr Bahia, dass sie an diesem 30. Juni 2009 die einzige Überlebende des Fluges 626 von Paris nach Moroni war. Auch ihre Mutter war, anders als in Bahias Vorstellung, umgekommen.

Schrottflugzeug oder Pilotenfehler?

Dreizehn Jahre sind seither vergangen. Solange dauerte es, bis die französische Justiz die Fakten zusammen hatte. Die jemenitischen Behörden kooperierten kaum, von der Airline Yemenia ist niemand nach Paris gereist, um sich gegen den Vorwurf der fahrlässigen Tötung zu verteidigen. Im Publikum schimpfen Angehörige über die «Schrottflugzeuge» der Yemenia. Laut den Flugschreibern wies der Airbus aber keine mechanischen oder Wartungsmängel auf. Die Piloten waren hingegen schlecht ausgebildet. Verstanden sie das rudimentäre Englisch des Kontrollturms nicht, oder wurden sie durch die lückenhafte Pistenbeleuchtung in Moroni verwirrt? Oder reagierten sie schlicht falsch auf die Turbulenzen?

Bahia Bakari erwartet wie alle Angehörigen keine Antworten mehr. «Man hätte von dem Flugunternehmen wenigstens eine Entschuldigung erwarten können», bedauert die Franko-Komorin, die nach ihrer raschen Heilung eine Ausbildung als Immobilienagentin absolviert hat und in einer Pariser Vorstadt lebt.

Trotz allem ist sie froh, dass der Prozess überhaupt stattfindet – damit die Opferfamilien damit abschliessen können. Oft kommen ihr vor Gericht die Tränen, aber dann lächelt sie wieder – «um den Angehörigen etwas Mut zu geben», wie sie sagt. «Das hätte meine Mutter von mir gewünscht.» Verbergen sich dahinter Schuldgefühle einer Überlebenden? Dass gerade sie, und sie allein den Absturz überstanden hat, kommt Bahia nicht wie ein Wunder vor. Sie zieht ein anderes, banaleres Wort vor: «Schicksal.»

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