Nach sechs Monaten
Verwaister Chefsessel: Bei der «transparentesten und gründlichsten Behörde der Welt» fehlt noch immer ein Amtsleiter

Ausgerechnet bei der Gesundheitsbehörde gibt es ein Führungsvakuum. Was steckt hinter dem Versäumnis Bidens?

Renzo Ruf, Washington
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Janet Woodcock ist die provisorische FDA-Chefin.

Janet Woodcock ist die provisorische FDA-Chefin.

Stefani Reynolds/ EPA

Wenn Jen Psaki über die Gesundheitsbehörde FDA (Food and Drug Administration) spricht, dann ist sie gemeinhin voll des Lobes. Bei der Zulassung und Kontrolle von Medi­kamenten oder Impfstoffen ­verkörpere die FDA «den Goldstandard», das Nonplusultra, pflegt die Sprecherin von Präsident Joe Biden zu sagen. Und weltweit gebe es keine andere Zulassungsbehörde, die derart transparent und gründlich ­arbeite.

Umso seltsamer mutet es deshalb an, dass an der Spitze der FDA auch sechs Monate nach Bidens Amtsantritt ein Führungsvakuum existiert – weil der Präsident bis anhin darauf verzichtete, eine Kandidatin oder einen Kandidaten für den einflussreichen Posten des Behördenchefs zu nominieren.

Ausgerechnet in einer wichtigen Phase der Pandemie fehlt der Regierung eine parteipolitisch unbefleckte Repräsentationsfigur, die in der Öffentlichkeit über die Vorzüge der Corona-Impfung sprechen könnte. In der Pharmabranche macht sich deshalb Unruhe breit. So sagt ein Sprecher des Branchenverbandes PhRMA, dem auch Novartis angehört: «Damit die Behörde weiterhin die Aufsicht über die Arzneimittelversorgung unseres Landes gewährleisten kann, ist es unserer Ansicht nach unerlässlich, dass ein qualifizierter, dauerhafter Chef ernannt wird.»

Temporäre Leiterin ist höchst umstritten

Natürlich ist die Führungsetage der Behörde, deren Hauptsitz sich vor den Toren Washingtons befindet, nicht komplett verwaist. In einer seiner ersten Amtshandlungen installierte ­Biden die langjährige FDA-Angestellte Janet Woodcock als temporäre Behördenleiterin. Sie trägt seither den Titel «Acting FDA Commissioner». Weil sie mit der Arbeit der Kontrollbehörde seit 1986 vertraut ist, galt Woodcock in den Anfangsmonaten der neuen Regierung als Spitzenanwärterin für den prestigeträchtigen Posten.

Nur: Woodcock ist intern wie extern umstritten. Einige demokratische Senatoren werfen ihr vor, sie habe in ihrer Funktion als FDA-Abteilungsleiterin das Ausmass der Opioid-­Krise unterschätzt. In der Tat spielte die Kontrollbehörde in den Anfangsjahren der Schmerzmittel-Epidemie, in denen Woodcock dem Bereich «Center for Drug Evaluation and Research» vorstand, eine unrühmliche Rolle: So schenkte die FDA den Beteuerungen des Pharmaunternehmens Purdue Glauben, das 1995 behauptete, das potente Schmerzmittel Oxycontin werde zu weniger Missbrauch führen.

Es kam bekanntlich ganz anders: Jedes Jahr sterben Tausende von Amerikanerinnen und Amerikanern an einer Überdosis verschreibungspflichtiger Oxycodon-Medikamente. Der Widerstand gegen Woodcock ist relevant, weil ein FDA-Chef von einer Mehrheit des Senats unterstützt werden muss, und die ­Demokraten derzeit nur über eine hauchdünne Mehrheit ­verfügen.

FDA habe zu wenige Pharmafabriken inspiziert

Im Kreuzfeuer der Kritik steht Woodcock auch aufgrund des Zulassungsverfahrens für das neue Alzheimer-Medikament Aduhelm, das von Biogen hergestellt wird. Anfang Juli leitete Woodcock deshalb eine interne Untersuchung über die genauen Umstände der Aduhelm-Zulassung ein. Diese unabhängige Abklärung des Gesundheitsministeriums soll unter anderem die Frage beantworten, ob FDA-Mitarbeitende während des ­Verfahrens unangemessene Kontakte mit Biogen-Vertretern gepflegt hatten.

Die Adu­helm-­Zulassung, formalisiert im Juni, stiess in Amerika auf heftige Kritik, zum einen aufgrund der hohen Kosten für das Medikament (56'000 Dollar pro Jahr), zum anderen aufgrund der offenen Fragen bezüglich der Wirksamkeit der Alzheimer-Pille. Biogen freilich weist entsprechende Vorwürfe entschieden zurück.

Andere Stimmen bemängeln, dass die FDA ihre Aufsichtspflicht in den vergangenen Monaten nicht ordnungsgemäss wahrgenommen habe. So nahm die Behörde 2020 fast keine Vor-Ort-Inspektionen ausländischer Produktionsanlagen vor. Auch kritisieren Gesundheitspolitiker, dass die FDA die drei in Amerika verwendeten Corona-Impfstoffe noch immer nicht definitiv zugelassen habe – diese Verzögerung sei Wasser auf die Mühlen der Impfskeptiker, heisst es von Seiten der Kritiker.

Unklar ist, ob das Weisse Haus überhaupt eine Alternative zu Woodcock besitzt. Die Insider-Postille «Politico» berichtete kürzlich, dass sich Michelle McMurry-Heath ebenfalls im Rennen für den FDA-Posten befinde.

Die Molekular-Immunologin leitet derzeit den Dachverband BIO, der in Washington die Interessen von 1100 Biotechnologie-Unternehmen vertritt – auch Aduhelm-Hersteller Biogen ist Mitglied dieses Verbandes. Sie gilt deshalb vielen Demokraten als zu industrienah.

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