Sexueller Missbrauch
Prozessstart gegen Epstein-Vertraute Ghislaine Maxwell in New York – muss Prinz Andrew jetzt zittern?

Ghislaine Maxwell (59) muss sich ab heute vor einem New Yorker Gericht den schweren Vorwürfen der Staatsanwaltschaft stellen. Die Opfer hoffen, endlich ein paar Antworten auf die vielen offenen Fragen zu erhalten.

Renzo Ruf, Washington
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Sie waren lange Jahre unzertrennlich: Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell, hier auf einem Bild, das die New Yorker Staatsanwaltschaft im Juli 2020 nach der Anklageerhebung gegen Maxwell präsentierte.

Sie waren lange Jahre unzertrennlich: Jeffrey Epstein und Ghislaine Maxwell, hier auf einem Bild, das die New Yorker Staatsanwaltschaft im Juli 2020 nach der Anklageerhebung gegen Maxwell präsentierte.

John Minchillo / AP

Sie will von nichts gewusst haben. Wenn heute Montag vor einem Bundesgericht in New York der Prozess gegen Ghislaine Maxwell beginnt, dann wird die 59-Jährige sämtliche Mitverantwortung für die Verbrechen abstreiten, die ihr langjähriger Weggefährte Jeffrey Epstein begangen hatte.

Der schwerreiche Financier, der sich nach seiner Verhaftung 2019 in einem New Yorker Gefängnis mutmasslich das Leben nahm, ist bereits 2008 wegen sexuellen Missbrauchs einer 14-Jährigen verurteilt worden. Die Strafbehörden vermuten, dass Epstein dutzende, wenn nicht gar hunderte Mädchen missbraucht haben soll. Ghislaine Maxwell soll die Mädchen rekrutiert und dem Missbrauch nicht nur beigewohnt, sondern bei den Straftaten auch aktiv mitgewirkt haben.

Doch Maxwell, die Tochter des verstorbenen britischen Pressebarons Robert Maxwell, streitet alles ab. Sie sagt über Epstein:

«Ich war mir nicht bewusst, dass er sexuelle Aktivitäten mit jemand anderem als mir hatte, als ich mit ihm zusammen war.»

Ihre Verteidigung wird den Opfern vorwerfen, sich falsch zu erinnern. Die New Yorker Ankläger glauben ihr kein Wort und werfen ihr im heute beginnenden Prozess vor, zwischen 1994 und 1997 als Epsteins Zuhälterin gedient zu haben. Zu diesem Zeitpunkt war sie nicht nur seine Freundin, sondern diente ihm auch als ein Art Stabschefin. Maxwell plädiert auf «nicht schuldig». Im Falle einer Verurteilung droht ihr eine Gefängnisstrafe von bis zu 80 Jahren.

Ghislaine Maxwell 2013 bei einem Auftritt als Umweltschützerin vor der UNO.

Ghislaine Maxwell 2013 bei einem Auftritt als Umweltschützerin vor der UNO.

AP

Der Prozess gegen Maxwell sorgt aus zwei Gründen für ein grosses mediales Interesse.

Die Opfer werden im Gerichtssaal sitzen

Erstens dient Verfahren als ein Stellvertreter-Prozess gegen den verstorbenen Sexualverbrecher Epstein selbst, zumindest in den Augen der Opfer. Der 66-jährige Epstein war am 6. Juli 2019 nach der Landung seines Privatjets in New Jersey verhaftet worden. Einen Monat später nahm er sich in seiner Gefängniszelle in New York das Leben; so jedenfalls lautet die offizielle Version. Für die zahlreichen Sexualverbrechen, die er in den Jahren zuvor in seinen Anwesen (darunter ein stattliches Haus in New York City, eine Ranch in New Mexico, eine Villa in Palm Beach und einer Privatinsel in der Karibik) begangen haben soll, wurde er nie vollständig belangt.

Eine Verurteilung von Maxwell, die als mutmassliche Mittäterin bestens über die niederträchtigen Taten ihres Ex-Partners informiert war, wäre aus Sicht der zahlreichen Opfer mindestens eine kleine Genugtuung. Bundesrichterin Alison Nathan hat angeordnet, dass im Gerichtssaal ausreichend Platz für Frauen reserviert ist, die von Epstein sexuell missbraucht wurden. Der Prozess gegen Maxwell dient den Opfern damit als Ersatz für das Verfahren gegen Epstein, auf das sie sehnlichst gewartet hatten.

Was wussten Epsteins Freunde wie Prinz Andrew oder Bill Clinton?

Zweitens erhofft sich eine breite Öffentlichkeit, im Laufe des wohl mehrere Wochen dauernden Prozesses mehr über Epstein und sein mysteriöses Leben als Geschäftsmann und Sexualverbrecher zu erfahren. Epstein umgab sich auf dem Höhepunkt seiner Karriere mit dem Reichen und Mächtigen dieser Welt – Menschen wie Bill Clinton, Donald Trump, Bill Gates oder Jes Staley, der kürzlich entlassene Chef des britischen Finanzunternehmens Barclays.

Er steht im Verdacht, eine damals 17-Jährige im New Yorker Anwesen von Jeffrey Epstein missbraucht zu haben: der britische Prinz Andrew.

Er steht im Verdacht, eine damals 17-Jährige im New Yorker Anwesen von Jeffrey Epstein missbraucht zu haben: der britische Prinz Andrew.

AP

Die Frage, ob diese High Society-Bekannten des Financiers Kenntnisse von dessen Straftaten mit Mädchen hatten, ist eine der zahlreichen unbeantworteten Fragen in der Akte Epstein. In Europa richtet sich der Fokus des öffentlichen Interessen naturgemäss auf Prinz Andrew, auf den zweitältesten Sohn von Königin Elizabeth II. Er steht im Verdacht, im Haus von Epstein ein Mädchen vergewaltigt zu haben. Andrew, der kurzzeitig auch mit Ghislaine Maxwell liiert gewesen sein soll, weist diesen Vorwurf entschieden zurück. Und weil sich die Anklage auf den Zeitpunkte 1994 bis 1997 bezieht und Maxwell den britischen Prinzen erst im Jahr 1999 Epstein vorgestellt haben soll, wird dieses Verfahren wohl kein Licht in die Verwicklungen des britischen Königshauses in den Epstein-Skandal geben. Die Richterin gab während des langen Hin und Her vor Prozessbeginn die Parole aus, sie werde es nicht zulassen, dass die Staatsanwaltschaft vor Gericht die Namen prominenter Männer nennen werde, wenn diese nicht Teil der Anklageschrift seien.

Maxwell sitzt seit ihrer Verhaftung am 2. Juli 2020 in einem Gefängnis im New Yorker Stadtteil Brooklyn. Die Avancen der Staatsanwaltschaft, im Austausch gegen eine mildere Strafe zur Kronzeugin der Anklage aufzusteigen und über die mutmassliche Verbandelung von Männern wie Prinz Andrew in die Sexualverbrechen Epsteins auszupacken, wies sie in der Vergangenheit hartnäckig zurück.

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