Grossbritannien
Minister kündigt an: Die Maskenpflicht in England soll fallen – trotz stark steigender Coronazahlen

Die Infektionszahlen auf der Insel steigen auch wegen der Ausbreitung der Delta-Variante an. Die Regierung plant derweil weitgehende Lockerungen.

Sebastian Borger, London
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England-Fans ohne Maske im Pub: Bald fällt die Pflicht.

England-Fans ohne Maske im Pub: Bald fällt die Pflicht.

Getty Images

Maskenpflicht, Ade: Wenn England in vierzehn Tagen den letzten Schritt aus den Coronabeschränkungen geht, wird auch das obligatorische Tragen eines Mund-Nasenschutzes in geschlossenen Räumen sowie in Bussen und Bahnen fallen. Es sei an der Zeit, dass der Staat den Bürgern nicht mehr individuelle Schutzmassnahmen vorschreibe, sagte der britische Kommunalminister Robert Jenrick am Sonntag: «Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben und unsere persönliche Verantwortung wahrzunehmen.»

Die konservative Regierung von Premierminister Boris Johnson stellt sich damit ausdrücklich gegen den Rat führender Ärzte und Wissenschafter. Diese hatten angesichts stark steigender Infektionsraten bereits vor grossen Sport-Events mit Zehntausenden Zuschauer gewarnt, nicht zuletzt vor den Spielen zum Abschluss der Europameisterschaft im Londoner Wembleystadion diese Woche. Dass Englands Fussballer am Samstag den Einzug ins Halbfinale schafften, hat die Euphorie im Land zudem befördert.

«Wenn 60'000 Fans ins Stadion dürfen, ohne dass von Risiko die Rede ist,» fürchtet deshalb der Psychologieprofessor Stephen Reicher von der Universität St. Andrews, «lautet die Botschaft an 60 Millionen Fans daheim: Ihr könnt umarmen, wen und wann Ihr wollt.» Dabei stehe der Wettlauf zwischen der hochinfektiösen indischen Delta-Variante von Sars-CoV-2 und dem britischen Impfprogramm derzeit noch auf Messers Schneide, glaubt das Mitglied des wissenschaftlichen Beratergremiums der Regierung.

Warnungen auch aus der Ärzteschaft

Enttäuscht über das bevorstehende Ende der Maskenpflicht äussert sich der Chef des Ärzteverbandes BMA. Angesichts alarmierend anwachsender Infektionszahlen sei es «nicht sinnvoll, alle Beschränkungen aufzugeben», glaubt Chaand Nagpaul und weist auf einen Widerspruch hin: Bisher habe die Regierung stets beteuert, sie orientiere sich «wissenschaftlichen Erkenntnissen, nicht an Kalenderdaten».

Dieser Maxime folgte Premier Johnson zuletzt Mitte Juni: Da verzögerte er den letzten Öffnungsschritt aus dem Anfang Januar verhängten Lockdown um vier Wochen, nicht zuletzt unter dem Eindruck der rasch um sich greifenden Delta-Variante. Die gewonnene Zeit sollte zur beschleunigten Impfung jüngerer Engländer genutzt werden, erläuterte der Regierungschef.

Das Impfprogramm des Nationalen Gesundheitssystems NHS hat bis Samstag 85,7 Prozent der Erwachsenen auf der Insel mit einer Dosis gegen Covid-19 immunisiert; 63,4 Prozent verfügen über die vollständige Immunisierung.

Die Briten haben einen neuen Hoffnungsträger

Zwar steigen in England die Infektionszahlen derzeit stark - die Infektionsrate pro 100'000 Einwohner liegt bei 199. Hingegen verharrt die Zahl der Verstorbenen auf niedrigem Niveau von 18 Coronatoten täglich.

In jedem Fall ist der Ton in London zuletzt deutlich optimistischer geworden. Das dürfte mit der Person des neuen Gesundheitsministers Sajid Javid zusammenhängen. Der Multimillionär leitete fünf unterschiedliche Ministerien, ehe Johnson ihn im Februar 2020 aus dem Finanzressort feuerte. Seither fungierte Javid als Senior Fellow an der US-Universität Harvard. In einem Forschungsbericht bezichtigte der frühere Investmentbanker die globale Führungselite in der Covid-Pandemie des irrationalen «Herdenverhaltens», vergleichbar mit dem Panikkauf riesiger Mengen Toilettenpapier.

In einem Namensbeitrag für «Mail on Sunday» bezieht sich Javid nun nicht nur auf die negativen Lockdown-Folgen für die Wirtschaft. Auch für die Gesundheit der Bevölkerung sei die Lockerung unabdingbar, glaubt der Minister und führt den «Anstieg häuslicher Gewalt» sowie die «schlimmen Auswirkungen» auf die mentale Verfassung vieler Briten ins Feld. Der endgültige Abschied vom Lockdown werde die Bevölkerung «nicht nur freier, sondern auch gesünder» machen.

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