Auschwitz
Heute 93-Jähriger ist des 300'000-fachen Mordes an Juden angeklagt

Es wird vermutlich einer der letzten Prozesse in Deutschland gegen ein ehemaliges SS-Mitglied sein: Der 93-jährige Oskar Gröning tat zwei Jahre lang Dienst in Auschwitz – und soll sich so mitschuldig am Tod von 300'000 Juden gemacht haben.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Juden bei der Ankunft in Auschwitz-Birkenau – Oskar Gröning war einer jener, die über ihr Schicksal entschieden.

Juden bei der Ankunft in Auschwitz-Birkenau – Oskar Gröning war einer jener, die über ihr Schicksal entschieden.

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Was er gefühlt habe, als er zuschaute, wie die Juden in Auschwitz-Birkenau direkt von der Rampe zur Tötung in die Gaskammern geführt worden sind, wurde Oskar Gröning 2005 vom «Spiegel» gefragt. «Nichts, muss ich sagen», antwortete der Mann, der von 1942 bis 1944 im Vernichtungslager an der Rampe Dienst tat. «Weil das Schreckliche nicht deutlich geworden ist. Wenn man weiss, dass getötet wird, weiss man auch, dass gestorben wird. Das Schreckliche kam erst mit den Schreien.» Und etwas später fügte er hinzu: «Wenn Sie davon überzeugt sind, dass die Vernichtung des Judentums nötig ist, dann spielt es keine Rolle mehr, ob das Töten so oder so passiert.»

Oskar Göring «Das Schreckliche kam erst mit den Schreien.»

Oskar Göring «Das Schreckliche kam erst mit den Schreien.»

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Heute Dienstag steht Oskar Gröning, 93 Jahre alt, in Lüneburg vor Gericht. Es wird vermutlich einer der letzten Prozesse sein, die Deutschland gegen ein ehemaliges Mitglied der SS führen wird. Der Vorwurf wiegt schwer: Oskar Gröning, einst Rottenführer der SS, wird Beteiligung am Massenmord an den Juden in mindestens 300'000 Fällen im Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau zur Last gelegt.

Neue Rechtsprechung seit 2011

Dass Männer wie Gröning erst jetzt vor Gericht gestellt werden, hat mit einem Urteil aus dem Jahre 2011 eines Gerichts in München zu tun. Damals wurde der inzwischen verstorbene ehemalige Wachmann des Vernichtungslagers Sobibor, Iwan «John» Demjanjuk, wegen Beihilfe zum Mord in mindestens 29'000 Fällen zu fünf Jahren Haft verurteilt. Erstmals erkannte damals ein deutsches Gericht formal an, dass ein Holocaust-Beteiligter auch ohne konkret nachgewiesene Einzeltat bestraft werden kann. Wegen dieser neuen juristischen Grundlage hat die Zentrale Stelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg Ermittlungen gegen 30 frühere Wachmänner wieder aufgerollt.

Im Gegensatz zu anderen Angeklagten hat Gröning in den letzten Jahren sein Mitwissen über die Gräuel in Auschwitz-Birkenau nie geleugnet. Freimütig gab er dem «Spiegel» oder etwa auch der BBC Interviews und berichtete, wie er als damals 21-jähriger SS-Angehöriger «für einen Sonderauftrag von hoher Bedeutung für das deutsche Volk» – wie ihm ein Vorgesetzter 1941 sagte – ins Vernichtungslager ins polnische Auschwitz versetzt worden war.

Gröning fühlte sich frei, über diese Zeit zu sprechen, denn 1985 waren erste Ermittlungen gegen ihn eingestellt worden. Nach damaliger Rechtsprechung verlangten deutsche Gerichte den Nachweis konkreter Einzeltaten. Bei Gröning fanden sich keine Zeugen, die ihn des direkten Mordes beschuldigt hatten. Doch dann kam die neue Rechtsprechung nach dem Fall Demjanjuk.

Der «Buchhalter von Auschwitz»

Oktober 1941: Gröning wird in die Sonderabteilung «Häftlingsverwaltung» abkommandiert, er steht an der Rampe, wenn die todgeweihten Neuankömmlinge mit den Zügen in Auschwitz einfahren. Er muss den Juden Geld und Wertgegenstände abnehmen, bevor diese gleich in den Gaskammern oder Wochen später im Zuge der «Vernichtung durch Arbeit» einen grausamen Tod sterben. Die gesammelten Fundstücke steckt er in eine Holzkiste und versendet das Gut in die Reichshauptstadt Berlin. «Buchhalter von Auschwitz», so nennt man ihn heute.

Gröning glaubt damals an Adolf Hitler und den Rassenwahn, er glaubt an die deutsche Pflicht, das Weltjudentum zu vernichten. Er wird Zeuge grausamer Verbrechen. «Ich sah, wie ein SS-Mann ein Baby an den Beinen packte. Das Geschrei hatte ihn gestört. Er schleuderte das Baby mit dem Kopf gegen die Eisenstangen eines Lastwagens, bis es ruhig war», erzählte er dem Magazin «Spiegel» 2005.

Ein «Rädchen im Getriebe»

Nach dem Krieg gerät er in britische Gefangenschaft, doch erst viele Jahre später reflektiert Gröning die Zeit im Vernichtungslager. Er erkennt das Unrecht, versucht, sich irgendwie reinzuwaschen. Gröning wird Zeuge in Auschwitz-Prozessen, er ergreift das Wort gegen Holocaust-Leugner. Er fühlt sich schuldig, aber nicht im juristischen Sinne. «Schuld hängt eigentlich immer mit Taten zusammen, und da ich meine, ein nicht tätiger Schuldiger geworden zu sein, meine ich auch, nicht schuldig zu sein», sagte er dem «Spiegel». Er sei vielleicht ein «Rädchen im Getriebe» gewesen, schuldig fühle er sich dem Volk der Juden gegenüber, weil er Teil einer so verbrecherischen Truppe gewesen sei. «Wenn Sie das als Schuld bezeichnen wollen, dann bin ich ein ungewollt Schuldiger.»

Gröning verweist heute auf Dokumente, die beweisen, dass er seine Vorgesetzten um Versetzung an die Front gebeten hatte, was 1944 stattgegeben wurde, weil er das Morden im Vernichtungslager nicht ausgehalten habe. Die Exzesse an einzelnen Juden seien Barbarei gewesen, sagt er. Die Massenvernichtung in den Gaskammern hingegen, das räumte er später ein, habe er damals als legitim, als notwendig erachtet.

Die Frage nach der Schuld

Es ist kaum davon auszugehen, dass Gröning zu einer jahrelangen Zuchthausstrafe verurteilt wird. Das sei auch nicht das Zentrale bei diesen letzten noch anstehenden NS-Prozessen, sagte Esther Bejarano, eine Überlebende von Auschwitz-Birkenau, anlässlich des Jahrestages zur Auschwitz-Befreiung Ende Januar gegenüber der «Nordwestschweiz». «Aber ich bin dafür, dass diese Menschen, die damals den Holocaust unterstützt haben, verurteilt werden, auch wenn sie heute 90 oder 95 Jahre alt sind. Ich will diese Leute nicht im Gefängnis sehen, aber ich möchte, dass sie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Das ist man den Opfern schuldig.»

Für den Prozess gegen Oskar Gröning sind bis zum 29. Juli 27 Verhandlungstermine angesetzt. Gröning hat seine Vergangenheit nicht hinter sich gelassen. Bis heute sucht er nach einer Antwort darauf, wie weit seine Schuld reicht, ob er überhaupt Schuld auf sich geladen hat. «Das jüdische Volk bitte ich um Verzeihung. Und den Herrgott bitte ich um Vergebung», sagte er 2005.

Vielleicht findet Gröning in den nächsten Wochen doch noch eine Antwort auf die Frage seiner Schuld.

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