US-Wahlen
«Hillary Clinton hat einen zentralen Fehler gemacht»

Die meisten Umfragen sahen Hillary Clinton vorne im Rennen um die Präsidentschaft der USA – nun hat Donald Trump doch gewonnen. Wie konnte es soweit kommen?

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Hillary Clinton hat die Wähler im sogenannten "Rustbelt" falsch eingeschätzt.

Hillary Clinton hat die Wähler im sogenannten "Rustbelt" falsch eingeschätzt.

Charles Mostoller/Reuters

Fast alle der 20 grössten Umfrageinstitute, darunter die zuständigen Abteilungen von Fernsehsendern und renommierten Zeitungen, sagten einen Sieg von Hillary Clinton voraus. Der Politologe und USA-Kenner Louis Perron sieht mehrere mögliche Erklärungen für die falschen Prognosen. "Allenfalls haben die Leute gelogen. Allenfalls haben die Leute im letzten Moment ihre Meinung geändert. Oder die Umfrage-Institute haben die Rohdaten falsch gewichtet", wie er im Video-Interview mit Keystone sagt.

Gegenüber SRF macht er dazu ein konkretes Beispiel: Die Institute machen Annahmen, wie sich Nichtwähler sozio-demographisch zusammensetzen, also aus welchen Gesellschaftsschichten sie kommen und wie alt sie sind. Wenn diese Annahmen allerdings falsch sind, stehen ihre Umfragen auf einer schiefen Grundlage. Die Folge sind falsche Resultate.

Hillary Clinton hat einen "ganz zentralen Fehler" gemacht, stellt Perron fest. Sie habe ihre Stärke im sogenannten "Rustbelt" (Rostgürtel) lange falsch eingeschätzt. Beim Rustbelt handelt es sich um die älteste und grösste Industrieregion der USA. Zum ihm gehören die Bundestaaten Pennsylvania, Wisconsin, Ohio oder Michigan. Zumindest in den ersten drei dieser Staaten hat Trump (überraschend) gewonnen (in Michigan steht das Resultat noch nicht fest). Im "Rostgürtel" leben viele Arbeiter mit tiefen Einkommen, die lange demokratisch wählten.

Doch in den letzten Jahren gingen dort viele Jobs in der Industrie verloren. Autohersteller etwa verlagerten Arbeitsplätze nach China. Zum Ende des Wahlkampfs sei Hillary Clinton nochmals dort gewesen mit Barack Obama, der in Chicago (Illinois) erstmals politisch Fuss fasste, sagt Perron. "Sie hat das kommen sehen, aber viel zu spät."

Filmemacher und Linksaktivist Michael Moore hat bereits im Juli auf eben diesen Punkt hingewiesen. "Was in Grossbritannien mit dem Brexit passiert ist, wird auch in den USA passieren", erklärt Moore. Denn Trump sei der "persönliche Molotow-Cocktail" all derer, die sich von der Elite um ihren amerikanischen Traum betrogen fühlen. Die vier genannten Staaten haben einen republikanischen Gouverneur.

Dass die Leute bei den Meinungsumfragen gelogen haben, glaubt Perron weniger, wie er gegenüber SRF sagt. "Die Leute wollen wirklich ihre Meinung sagen in den USA. In den Umfragen sagten die Leute, das Land gehe in die falsche Richtung. Sie sagten, sie seien unzufrieden mit ihrer Situation. Also typische Change-voters." (pz)

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