150 Jahre Gettysburg
Im Sturmangriff zerbrach die Hoffnung des Südens

Vom 1. bis zum 3. Juli 1863 tobte bei Gettysburg eine Entscheidungsschlacht des Amerikanischen Bürgerkriegs. Der Ausgang ist bekannt. Dabei hätte es auch durchaus alles anders kommen können.

Christoph Bopp
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Für die Freiheit: Historische Nachstellung der Schlacht von Gettysburg. Matt Rourke/keystone

Für die Freiheit: Historische Nachstellung der Schlacht von Gettysburg. Matt Rourke/keystone

Geltwil oder Gettysburg? – Ja, auch wir hatten unseren Bürgerkrieg. Der Sonderbundskrieg und der American Civil War hatten in der Tat viele Gemeinsamkeiten.

Es war ein Sezessionskrieg, der gegen austrittswillige Staaten geführt wurde, es war ein Krieg einer Union gegen «Rebellen» und es war ein Krieg Moderne gegen Tradition.

Denn die «Rebellen» waren in beiden Fällen Konservative, die das Alte bewahren wollten und dem Neuen nicht unbedingt zugeneigt waren.

Der Amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865)

Die Frage der «Institution», der Sklaverei, entzweite Mitte des 19. Jahrhunderts die USA. Der nördliche Teil war eher für die Abschaffung, im Süden wollte man sie beibehalten. Am 20. Dezember 1860 tritt South Carolina als erster Staat aus der Union aus. Am 21. Januar 1861 schliessen sich elf Staaten zu den «Konföderierten Staaten von Amerika» zusammen. Jefferson Davis ist Präsident, Richmond (Virginia) die Hauptstadt. Am 4. März tritt Präsident Abraham Lincoln sein Amt an, am 12. April 1861 beginnen mit der Beschiessung von Fort Sumter die Kampfhandlungen. Am 9. April 1865 kapitulieren die Südstaaten, am 15. April stirbt Lincoln an den Folgen eines Attentats, am 18. Dezember wird die Sklaverei in allen Bundesstaaten verboten. 1866 erhalten die Sklaven das Bürgerrecht. 620 000 Soldaten (360 000 Yankees und 260 000 Südstaatler) verloren ihr Leben. Das waren 5 Prozent der weissen Bevölkerung des Südens und 25 Prozent der wehrfähigen Männer. Wie viele Zivilisten ihr Leben verloren, lässt sich nicht feststellen. (chb)

In beiden Ländern siegte die fortschrittliche Partei, die Weichen wurden danach in Richtung Industrialisierung und wirtschaftliche Liberalisierung gestellt.

Bemerkenswert, dass beide Seiten in den Krieg zogen unter dem Motto: «Für die Freiheit!». Das mag zynisch klingen, ist es aber nur bedingt. Die Nordstaatler legten den Finger auf den schwarzen Fleck der US-Verfassung («Alle Menschen sind gleich geboren» ... und so weiter), die Südstaatler sahen in der «Einrichtung» («Institution» – wie die Sklaverei euphemistisch genannt wurde) etwas Traditionelles, das Begehren, sie abzuschaffen, als einen Eingriff in ihre Freiheit.

Kam hinzu, dass auch im Norden nicht alle Abraham Lincolns Republikanischer Partei folgten, viele – nicht nur Demokraten – sahen nicht ein, warum man «für die Nigger» Krieg führen sollte. Alles in allem beiderseits ein «gerechter Krieg» um eine gute Sache, weshalb er denn auch mit der entsprechenden Inbrunst und Verbissenheit geführt wurde.

Ein Unentschieden wäre ein Sieg

Dabei hatte der Süden militärisch eher Vorteile. Obwohl dem Norden in Sachen Personalstärke (1:2 bis 1:3) dauernd unterlegen, wirtschaftlich und logistisch noch stärker, schienen die Konföderierten einem Sieg zeitweise nahe.

Das Kriegsziel des Südens war die Unabhängigkeit, Lincolns Ziel war die Erhaltung der Union.

Ein Waffenstillstand, bei gleichzeitiger Anerkennung der Konföderation vonseiten ausländischer Mächte stand ein paar Mal als Möglichkeit im Raum, aber der Norden konnte es immer wieder verhindern.

Im Herbst 1862 war es beinahe so weit, militärische Erfolge des Nordens verhinderten es. Im Sommer 1863 stellten die Schlachten von Gettysburg, Vicksburg und Chattanooga die Weichen für einen Sieg des Nordens.

Im Sommer 1864 schien er wieder gefährdet, die Streitkräfte der Union kamen nicht recht vorwärts und erlitten grosse Verluste. Jetzt sah es wieder gut aus für Friedensverhandlungen, aber da gelang die Einnahme von Atlanta – von jetzt an war die Niederlage unvermeidlich.

Beinahe geglückte Überraschung

Im Mai 1863 folgte die Regierung der Südstaaten einem Vorschlag von General Robert E. Lee, der in Pennsylvania einmarschieren und den Krieg vor die Hauptstadt des Feindes tragen wollte, um die Dinge zu beschleunigen und die Anerkennung der Konföderation auf dem Schlachtfeld zu erzwingen.

Diese Vorgeschichte der Schlacht von Gettysburg vom 1. bis zum 3. Juli 1863 macht klar, wie entscheidend die militärischen Operationen für den Ausgang des Krieges waren.

Präsident Lincoln war mit der Leistung von Joseph Hooker, dem Oberbefehlshaber der Potomac-Armee, nicht zufrieden. Er agierte zu unentschlossen und hatte – nach Ansicht Lincolns – Angst vor Lee. Am 28. Juni ersetzte er ihn durch George Gordon Meade.

Als die Kämpfe rund um Gettysburg begannen, war Meade noch nicht auf dem Schlachtfeld, aber auch Lee auf der anderen Seite nicht. Trotzdem sah es zunächst wieder nach einem Erfolg für die Konföderierten aus. Aber kluge Entscheidungen von Unterführern der Unionsarmee verhinderten, dass der Widerstand zusammenbrach.

Die Unionstruppen besassen den Vorteil des Geländes, Lee wollte den Erfolg seines Feldzugs hier erzwingen.

Nach dem ersten Tag waren beinahe 9000 Soldaten gefallen, 35 000 Tote und Verwundete waren der höchste Blutzoll, den eine einzelne Schlacht in diesem Krieg bisher gefordert hatte.

Vorschau auf den Ersten Weltkrieg

Beim entscheidenden Gefecht am zweiten Tag, dem Sturmangriff auf die zentralen Stellungen der Union, überschlagen sich die Chronisten:

«Eine Bilderbuchszene des Krieges», «ein prachtvolles Spektakel», das die Truppen der Konföderierten boten, während sie anstürmten, um dann von der gegnerischen Artillerie und dem konzentrierten Gewehrfeuer aus den Gräben zusammengeschossen zu werden.

Von den 14 000, die vorgingen, kam kaum die Hälfte zurück. Das Schweigen der Unionsgeschütze hatten die Südstaatler falsch interpretiert: Die Artillerie war nicht ausser Gefecht, sondern hatte lediglich Munition gespart.

Meade hatte – am sechsten Tag seines Kommandos – mit seiner Armee gerade die Union gerettet, die Chance, nachzusetzen und den Krieg zu beenden, verpasste er, weil sein Respekt vor Lee immer noch zu gross war.

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