Der Fall Khashoggi vergiftet das Klima in Riad

Das «Davos in der Wüste» sollte ausländische Investoren nach Saudi-Arabien locken. Wegen des Auftragsmordes an Jamal Khashoggi kommt die Mission des Kronprinzen jedoch gewaltig ins Stocken.

Michael Wrase, Beirut
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Türkische Ermittler stellen Beweise im Fall des ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi sicher. (Emrah Gurel/AP, Istanbul, 23. Oktober 2018)

Türkische Ermittler stellen Beweise im Fall des ermordeten Journalisten Jamal Khashoggi sicher. (Emrah Gurel/AP, Istanbul, 23. Oktober 2018)

Die gestern in Riad begonnene Investorenkonferenz, auf der in den kommenden zwei Tagen nichts Geringeres als die «Blaupause für das 22. Jahrhundert» vorgestellt werden soll, steht unter der Schirmherrschaft von Mohammed bin Salman. Als die Teilnehmer der «Future Investment In­itiative» am gestrigen Morgen die Webseite der Veranstalter anklickten, sahen sie eine Fotomontage, in der «MBS», mit einem blutverschmierten Schwert in der Hand, als Henker der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) dargestellt wurde. Vor dem grimmig lächelnden Kronprinzen kniete der am 2. Oktober in Istanbul ermordete Jamal Khashoggi, dessen womöglich zerstückelte Leiche noch immer nicht gefunden worden ist.

Ermittler finden Computer

Türkische Ermittler haben gestern laut einem Bericht von CNN Türk bei der Durchsuchung eines saudi-arabischen Diplomatenfahrzeugs in Istanbul persönliche Gegenstände des getöteten Jamal Khashoggi gefunden. In zwei Koffern in einem Fahrzeug des saudi-arabischen Konsulates seien ein Computer und Dokumente Khashoggis verstaut gewesen. Die türkischen Ermittler wurden bei der Durchsuchung auf einem Parkplatz im Stadtteil Sultangazi von saudi-arabischen Experten begleitet. Die Durchsuchung wurde am Nachmittag unterbrochen und soll heute fortgesetzt werden. (sda)

Unter der provokativen Kollage hatten die Hacker ihre Forderung platziert: «Das saudische Regime muss für sein barbarisches und unmenschliches Handeln wie der Ermordung von Jamal Khashoggi und Tausender unschuldiger Menschen im Jemen zur Verantwortung gezogen werden.» Noch ist es zwar nicht einhundertprozentig bewiesen, dass «MBS» den Mord an dem prominenten saudischen Journalisten tatsächlich angeordnet hat.

Die politische Verantwortung dafür trägt er aber zweifellos. ­Daran liess auch Recep Tayyib Erdogan keinen Zweifel, der gestern auf einer Fraktionssitzung seiner Regierungspartei AKP von einem in Riad «geplanten politischen Mord sprach». Sein Land verfüge dafür über «starke Beweise», die das türkische Staatsoberhaupt allerdings noch immer nicht auf den Tisch legt. Auch den mutmasslichen Drahtzieher des Verbrechens erwähnte er gestern mit keinem Wort. Stattdessen lobte er den Vater des Kronprinzen, König Salman, «dessen Aufrichtigkeit» er nicht anzweifle. Dass Erdogan den Königssohn für einen Lügner halte, «habe er sich für später aufgehoben», kommentierte die BBC die Aussagen des Präsidenten.

Vertrauen verspielt

Zweifel an der Aufrichtigkeit von «MBS» haben auch 40 der 150 in das «Davos der Wüste» geladenen hochrangigen Sprecher aus Wirtschaft und Politik. Sie boykottieren die Investorenkonferenz in Riad, weil sie mit dem des Auftragsmordes verdächtigten Saudi nicht zusammen gesehen werden möchten. Den Anfang hatten Virgin-Chef Richard Branson, der Milliarden-Investitionen in Saudi-Arabien auf Eis legte, und Uber-Chef Khosrowshahi gemacht. Nach einigem Zögern folgten JP-Morgan-Chef Jamie Dimon und der CEO der Credit Suisse, Tidjane Thiam. Seine Bank gehörte zu den Sponsoren der Investorenkonferenz in Riad.

Nachdem die politische Verantwortung des saudischen Kronprinzen für den Khashoggi-Mord nicht mehr geleugnet werden konnte, sagten auch die Handelsminister von Grossbritannien, Frankreich und den USA ihre Teilnahme an der Veranstaltung in Riad ab. Wer wie der deutsche Unternehmensberater Roland Berger trotzdem gekommen war, versuchte es zu vermeiden, gemeinsam mit «MBS» fotografiert zu werden.

Erklärtes Ziel der «Future Investment Initiative» ist es, ausländische Investoren nach Saudi-Arabien zu locken. Der brutale Mord an Jamal Khashoggi hat das Geschäftsklima jedoch vergiftet. In Saudi-Arabien tätige Konzerne bräuchten «Vertrauen und Rechtssicherheit», mahnte der Geschäftsführer des deutschen Industrie-und Handelskammertages (DIKK), Martin Wansleben. Was mögliche Investoren zusätzlich abschrecken dürfte, ist die fehlende Transparenz in dem Wüstenkönigreich.

Es war übrigens Jamal Kha­shoggi, der vor seiner Ermordung die «Vision 2030» als «absolut falschen Weg» kritisiert hatte. Sollte der Kronprinz an seinen abwegigen Vorhaben dennoch festhalten, prophezeite der Journalist, werde Saudi-Arabien in zehn Jahren bankrott sein.

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